BAD HOFGASTEIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Laut Statistik Austria entfallen rund 80 Prozent der Gesundheitsausgaben auf chronische Leiden, während nur etwa 3 bis 4 Prozent in Prävention und Gesundheitsförderung fließen. Beim AHF Gastein diskutieren Ende Oktober 2026 rund 200 Expertinnen und Experten, wie Akutversorgung und Vorsorge neu austariert werden können – inklusive EHDS und KI im Gesundheitswesen. Parallel fordert die EU-Kommission regelmäßige Kontrollen von Blutdruck, Cholesterin und Blutzucker, vor allem für Risikogruppen. In Bayern und Wien zeigen Projekte unterschiedliche Wege: digitale Pools versus Community Nurses mit persönlicher Beratung.

Die Zahlen wirken wie ein Weckruf: Chronische Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Leiden, Diabetes und Adipositas verursachen laut Statistik Austria rund 80 Prozent der Gesundheitsausgaben. Dem stehen nur etwa 3 bis 4 Prozent gegenüber, die in Prävention und Gesundheitsförderung fließen. Diese Schieflage ist nicht nur eine Frage der Budgetverteilung, sie beeinflusst auch, wie früh Risiken erkannt werden und wie stark sich spätere Folgebehandlungen überhaupt vermeiden lassen. Wenn Vorsorge zudem an Datengrundlagen, Einschätzungslogik und organisationalen Schnittstellen scheitert, bleibt ausgerechnet das „Früher“ häufig beim „Später“ – und das System zahlt die Zeche.
Wie konkret man aus diesem Missverhältnis handeln kann, steht am 19. und 20. Oktober 2026 im Kongresszentrum Bad Hofgastein auf dem Programm des AHF Gastein. Rund 200 Expertinnen und Experten beraten dort über die nationale Präventionsstrategie, das erweiterte Erwachsenen-Impfprogramm und den SVS-Vorsorgepass. Ergänzt wird das Paket um Themen wie Schlafmedizin sowie den European Health Data Space (EHDS) – und damit um die Frage, wie digitale Gesundheitsdaten zu einer durchgängigen Versorgungslogik beitragen können. Die Keynotes halten Ulrike Famira-Mühlberger vom WIFO und Thomas Czypionka vom IHS. Im Kern geht es um ein neues Verhältnis zwischen Akutversorgung und Vorsorge: Wer übernimmt welche Schritte, wann werden Daten genutzt, und wie lässt sich Vorsorge so gestalten, dass sie im Alltag tatsächlich ankommt.
Auf europäischer Ebene verschiebt sich der Fokus dabei spürbar in Richtung standardisierter Routine-Checks. Die EU-Kommission hat Ende September 2026 eine Empfehlung an den Rat vorgelegt, die regelmäßige Kontrollen von Blutdruck, Cholesterin und Blutzucker vorsieht – mit besonderem Augenmerk auf Risikogruppen. Der Hintergrund ist eindeutig: Herz-Kreislauf-Erkrankungen gelten in der EU als häufigste Todesursache und verursachen rund 1,7 Millionen Todesfälle pro Jahr; zugleich entstehen Kosten von mehr als 282 Milliarden Euro. Diese Größenordnung macht klar, warum sich viele Programme weniger an „Einzelmaßnahmen“ orientieren, sondern an wiederkehrenden Screening- und Entscheidungsprozessen. Genau hier wird auch der Nutzen von verständlichen Laborwerten betont: Wer seine eigenen Werte einordnen kann, senkt nicht nur die Hürde zur Vorsorge, sondern verbessert auch die Qualität der Risikokommunikation zwischen Patientinnen, Patienten und Versorgungsteams.
Der Safe Hearts Plan, der im Dezember 2025 vorgestellt wurde, setzt diese Logik in einen zeitlichen Rahmen: Er soll vorzeitige Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis 2035 um 25 Prozent reduzieren. Ergänzend ist eine erste EU-Screening-Woche vorgesehen, die kostenlose Angebote sichtbar machen soll. Dass die Lücke zwischen Bedarf und tatsächlicher Vorsorge groß bleibt, belegen auch Zahlen aus der Diabetes-Debatte: Die International Diabetes Federation verweist darauf, dass in Europa jeder vierte Mensch mit Diabetes nicht diagnostiziert ist. Technisch betrachtet heißt das: Selbst gute Leitlinien verpuffen, wenn Messwerte nicht regelmäßig erhoben, nicht in der richtigen Form bereitgestellt und nicht in Entscheidungswege übersetzt werden. Deshalb rücken in Initiativen zunehmend Modelle in den Vordergrund, die Daten aus Labor und Versorgung in nachvollziehbare Risikoabschätzungen überführen können – inklusive einer KI-gestützten Rolle, die jedoch immer an Qualitätssicherung, Transparenz und klinische Prozesse gebunden werden muss.
Während Europa eher auf Empfehlungen und Datenräume zielt, zeigen regionale Programme sehr unterschiedliche Umsetzungsschwerpunkte. Bayern setzt laut Bericht auf Digitalisierung: Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit hat im Auftrag des Gesundheitsministeriums einen digitalen Präventionspool online gebracht, der Angebote von über 200 Anbietern aus dem Non-Profit-Bereich bündelt. Gesundheitsministerin Judith Gerlach hat zudem weitere Akteure zur Beteiligung aufgerufen; vorausgegangen war die Vorstellung des „Masterplans Prävention“ mit über 250 Einzelmaßnahmen. Der Ansatz wirkt wie eine Orchestrierungs-Schicht: Statt dass einzelne Einrichtungen ihre Zielgruppen isoliert erreichen, soll die Plattform den Zugang vereinfachen und die Auswahl in der Breite erhöhen. Für das System bedeutet das auch weniger Reibungsverluste bei der Weiterleitung – also dem Moment, in dem aus einer Beratung ein konkreter Termin oder ein passendes Angebot wird.
In Wien folgt man dagegen stärker dem Prinzip „Holen statt schicken“. Der Fonds Soziales Wien (FSW) setzt auf kostenlose Gesundheitsberatung durch Community Nurses, die täglich von 8 bis 20 Uhr telefonisch erreichbar sind und persönliche Termine etwa in Wiener Bezirksvorstehungen anbietet. Zusätzlich gibt es Vorträge, Workshops und Aktiveinheiten zu Ernährung, Bewegung und Sturzprävention. Das adressiert ein Problem, das in Präventionsdaten oft nur indirekt sichtbar ist: Selbst wenn Angebote vorhanden sind, scheitert die Nutzung häufig an Orientierung, sozialer Einbindung oder schlichten Alltagsbarrieren. Community Nursing übersetzt deshalb Vorsorge in begleitete Entscheidungen und stärkt zugleich den Zugang zu sozialen Kontakten – eine Dimension, die in rein digital getriebenen Programmen leicht unter die Räder kommt. Dass parallel auch Fachverbände eine erweiterte Rolle von Community Health Nurses in der Primärversorgung diskutieren, passt in dieses Bild: DBfK und Bosch Health Campus veröffentlichen entsprechende Ansätze, die von eigenverantwortlicher Anamnese über Basisuntersuchungen bis hin zu Aufgaben wie Impfungen, Wundversorgung und Palliativbegleitung reichen. Entscheidender Punkt dabei ist, ob für Advanced Practice Nursing ein eigenständiger rechtlicher Rahmen geschaffen wird, der diese Kompetenzen in der Regelversorgung verankert.
Für Entscheiderinnen und Entscheider verdichten sich die Initiativen damit zu drei praktischen Schlussfolgerungen. Erstens: Wenn chronische Leiden 80 Prozent der Kosten treiben, muss Prävention messbar in Prozesse und Budgets übersetzt werden, nicht nur als freiwillige Zusatzleistung gedacht sein. Zweitens: Die Wirksamkeit hängt stark davon ab, wie gut Daten aus Vorsorgeaktionen, EHDS-Logik und Laborwerten in verständliche Risikoabschätzungen überführt werden – und wie zuverlässig die Rückkopplung in der Versorgung funktioniert. Drittens: Das richtige Betriebsmodell variiert je nach Zielgruppe, weshalb sowohl Plattformen wie in Bayern als auch Community-basierte Beratung wie in Wien nebeneinander bestehen müssen. Wie stark sich der Kurswechsel in den kommenden Jahren tatsächlich in Strukturen und Ergebnissen niederschlägt, wird vor allem daran sichtbar, ob aus Empfehlungen klare Routinen entstehen – und ob KI-Unterstützung dabei nicht nur „mehr Daten“, sondern bessere Entscheidungen liefert.
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