LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Auswertung aus dem britischen Sportmedizin-Journal stellt die Fixierung auf 10.000 Schritte am Tag infrage. Entscheidend sei vor allem das Tempo in den 30 aktivsten Minuten, gemessen als „Peak 30-minute cadence“. Die Studie wertete Bewegungsdaten von über 64.000 bis 70.000 Teilnehmenden aus und findet in mehreren Schrittgruppen ein niedrigeres Sterberisiko bei schnellerem Gehen. Damit rückt sie individuelle Ziele statt eines Einheitswerts in den Fokus.

Studie: 10.000 Schritte sind nicht der Schlüssel – Tempo zählt stärker
Studie: 10.000 Schritte sind nicht der Schlüssel – Tempo zählt stärker (Foto: IT BOLTWISE)
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Das bekannte Ziel „10.000 Schritte pro Tag“ wirkt wie ein universeller Gesundheitskompass. Genau diese Logik nehmen Forschende nun mit einer groß angelegten Auswertung ins Visier: Nicht die absolute Schrittzahl allein, sondern die Geschwindigkeit im Alltag – genauer das Tempo in den 30 aktivsten Minuten – hängt offenbar stärker mit dem Sterberisiko zusammen. Die Studie wurde am 8. September im British Journal of Sports Medicine veröffentlicht und untersuchte Bewegungs- und Gesundheitsdaten, die über Jahre hinweg unter realen Lebensbedingungen gesammelt wurden.

Zentral ist das Studiendesign: Forschende aus Australien und Spanien analysierten Aktivitätsdaten von mehr als 64.000 Erwachsenen für Todesfälle „aus allen Ursachen“ und von mehr als 70.000 Erwachsenen speziell für Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Teilnehmenden waren bei Einstieg in die UK Biobank zwischen 40 und 69 Jahre alt und trugen für sieben Tage am Handgelenk Aktivitäts-Tracker. Diese kurze Tragezeit ist zwar nur eine Momentaufnahme, liefert aber eine solide Grundlage, um Schrittanzahl und Gehtempo quantitativ zu erfassen – und sie ist gerade deshalb relevant, weil die Messung nicht im Labor stattfindet.

Die Auswertung setzte auf zwei Dimensionen: Wie viele Schritte pro Tag die Teilnehmenden gingen, und wie schnell sie in ihrer „most active 30 minutes“-Phase unterwegs waren. Dafür teilten die Forschenden die Personen in vier Gruppen ein: weniger als 5.000 Schritte, 5.000 bis 7.500, 7.500 bis 10.000 sowie mehr als 10.000. In der Gruppe unter 5.000 Schritten war das Tempo in den aktivsten Minuten besonders bedeutsam: Wer in diesen 30 Minuten schneller lief, hatte ein niedrigeres Sterberisiko; bei etwa 80 Schritten pro Minute in den 30 aktivsten Minuten wird im Bericht ein um 28 % geringeres Risiko gegenüber dem langsamsten Tempo genannt. Für die Interpretation ist wichtig: Das ist eine Beobachtung aus vorhandenen Verhaltensmustern, keine kausale Anweisung.

Die Ergebnisse greifen damit direkt das „One-size-fits-all“-Narrativ an. Ein wesentlicher Zusatzpunkt ist, dass 10.000 Schritte historisch betrachtet wohl eher aus einer Kampagnenlogik stammt als aus einer einzigen wissenschaftlichen Schwelle. Für Menschen, die aus Alter, gesundheitlichen Einschränkungen oder Zeitplänen nicht auf 10.000 Schritte kommen, bedeutet das laut Studienrahmen: Mehr Aktivität kann trotzdem einen messbaren Unterschied machen – sei es über höhere Schrittzahlen oder über ein schnelleres Gehtempo in den Phasen, in denen Bewegung ohnehin möglich ist. Praktisch verschiebt sich damit der Fokus von einer einzigen Tageszielmarke hin zu einem „funktionalen“ Aktivitätsziel, das sich am eigenen Tagesrhythmus orientiert.

Technisch operationalisierten die Forschenden die „Brisk-Walking“-Komponente über eine Kennzahl namens „peak 30-minute cadence“. Dabei handelt es sich um die durchschnittliche Schrittfrequenz pro Minute während der 30 aktivsten Minuten eines Tages; diese 30 Minuten müssen dabei nicht am Stück erfolgen, sondern können sich über den Tag verteilen. Ein Tempo von ungefähr 90 bis 100 Schritten pro Minute war in den unterschiedlichen Schrittgruppen mit einem niedrigeren Sterberisiko verbunden. Besonders für die Personen, die bereits 7.500 bis 10.000 Schritte schafften, wird im Studienkontext ein um etwa 100 Schritte pro Minute herum liegendes Tempo als mit dem niedrigsten Risiko verknüpft beschrieben. Auch in der alltagsnahen Übersetzung gibt es einen Praxisbezug: Als Orientierung wird genannt, dass die Atmung spürbar intensiver wird und man wärmer fühlt, während man dennoch kurze Sätze sprechen kann.

Gleichzeitig bleibt ein wichtiger Punkt unmissverständlich: Die Studie beweist nicht, dass schnelles Gehen Menschen automatisch länger leben lässt. Weil es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, können die Forschenden nicht ausschließen, dass bereits gesündere Personen eher schneller gehen und mehr Schritte schaffen. Zudem nennt die Auswertung Limitationen wie die relativ kurze Phase der Handgelenk-Messung und die Möglichkeit, dass solche Geräte gelegentlich Schritte falsch zählen. Trotzdem ist die Kernaussage für die Einordnung der körperlichen Aktivität robust genug, um über einen einzelnen Tageswert hinauszugehen: Anstatt ausschließlich „Schritte“ zu zählen, lohnt der Blick auf die Qualität der Bewegung – also darauf, wie schnell und wie kontinuierlich man in den eigenen Aktivitätsfenstern unterwegs ist.

Für Unternehmen mit Gesundheitsprogrammen, für Sport- und Fitnessplattformen sowie für interne HR-Strategien ist die Konsequenz klar: Zielsysteme sollten nicht nur ein Tagesziel abbilden, sondern auch Tempo- bzw. Intensitätsdimensionen berücksichtigen, sofern Messdaten verfügbar sind. Das kann von einfachen Selbsteinschätzungen (Sprechtest als grobe Intensitätsgrenze) bis hin zu Tracking-basierten Auswertungen reichen. Gerade bei heterogenen Zielgruppen – von mobilitätseingeschränkten Teilnehmenden bis zu sehr aktiven Mitarbeitenden – wird die „Peak“-Perspektive plausibler als ein starrer Schrittwert. Und wer aus dem 10.000er-Ziel bereits „drüber“ ist, findet in den Daten zudem eine feinere Abstufung: Ein moderat schnelleres Tempo in den aktivsten Minuten kann offenbar relevanter sein als zusätzliche Schritte über das Tagesminimum hinaus.


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