LONDON (IT BOLTWISE) – Die PISA-Ergebnisse 2025 zeigen erneut einen deutlichen Rückgang der Grundkompetenzen in Mathematik und Lesen. In Deutschland schneiden 15-Jährige in Mathematik mit 464 Punkten ab, Lesen sinkt um 15 Zähler auf 465 Punkte. Parallel dazu berichten 69 Prozent der Kinder und Jugendlichen mindestens einmal pro Woche über Erschöpfung und Überforderung. Die OECD ordnet die Entwicklung nicht nur fachlichen Lücken zu, sondern macht auch die soziale Herkunft als Verstärker des Bildungserfolgs sichtbar.

Die PISA-Studie 2025 liefert für das deutsche Bildungssystem ein alarmierendes Gesamtbild: Nicht nur einzelne Kompetenzen, sondern die Basisfähigkeit vieler Schülerinnen und Schüler erodiert über Jahre hinweg. Besonders auffällig ist der erneute Abwärtstrend in den Kernbereichen Mathematik und Lesen. Für Führungskräfte in Schulen und Bildungsverwaltung ist das vor allem deshalb relevant, weil Grundkompetenzen nicht isoliert betrachtet werden können: Wer in frühen Lese- und Mathematikfähigkeiten ins Hintertreffen gerät, verliert später beim Verständnis von Aufgabenstellungen und beim Umgang mit Informationen in allen Fächern überproportional an Geschwindigkeit.
Die Datenlage kommt aus einer groß angelegten Erhebung: Getestet wurden 6.700 Jugendliche an 250 Schulen. In Mathematik erreicht Deutschland 464 Punkte; das entspricht einem Minus von 11 Punkten gegenüber dem Jahr 2022. Noch stärker wirkt sich der Einbruch im Lesen aus: Die Punktzahl fällt um 15 Zähler auf 465 Punkte. Auch in den Naturwissenschaften zeigt sich Schwäche, dort werden 486 Punkte gemessen, also 6 Punkte weniger als bei der vorangegangenen Untersuchung. Der langfristige Vergleich zeichnet denselben Kurs nach: 2012 lagen die Werte in den Naturwissenschaften noch bei 524 Punkten, in Mathematik bei 514 Punkten und im Lesen bei 508 Punkten. Auffällig ist dabei die Verteilung der Kompetenzen, denn der Bericht verweist auf rund ein Drittel der Jugendlichen, das in Mathematik und Lesen nicht einmal die Kompetenzstufe zwei erreicht.
Technisch betrachtet geht es hier weniger um „mehr Stoff“, sondern um die Frage, wie sicher Lernende grundlegende Konzepte anwenden. Die OECD-Einschätzung zur Naturwissenschaftskompetenz ist in diesem Kontext besonders deutlich: Jeder vierte Schüler verfügt dort nicht über die erforderlichen Grundkompetenzen. Beim Lesen wird die Spreizung zusätzlich sichtbar: Fast jeder dritte Jugendliche verfehlt die Stufe 1, während lediglich 7 Prozent die hohen Kompetenzstufen 5 und 6 erreichen. Das ist eine Konstellation, die sich in der Praxis schnell in wiederkehrende Unterrichtsmuster übersetzt – von der Fähigkeit, Textaufgaben zu strukturieren, bis zur Frage, wie gut Schülerinnen und Schüler Informationen aus längeren Texten extrahieren können. Wenn genau diese Fähigkeiten schrumpfen, werden nachgelagerte Lernprozesse schwerer, weil der Unterricht dann zunehmend an kognitiver Reibung statt an fachlichem Fortschritt gemessen wird.
Zusätzlich zur Fachleistung rückt die OECD die soziale Herkunft als entscheidenden Faktor in den Mittelpunkt. Im „ärmsten Viertel“ der Bevölkerung erreichen 41 Prozent der Jugendlichen nicht die Basiskompetenz in den Naturwissenschaften. Insgesamt liegen 20,7 Prozent der deutschen Schülerinnen und Schüler in allen drei Testbereichen unter der Grundkompetenz – leicht über dem OECD-Durchschnitt von 19,7 Prozent. Ergänzend zeigt der Bildungsmonitor von IW und INSM regionale Unterschiede. Während Sachsen den ersten Platz belegt, bildet Bremen das Schlusslicht. In Bremen liegt der Anteil der Schüler mit anderer Muttersprache bei 58,7 Prozent, in Bayern bei 27,7 Prozent. Die Risikogruppe in der Lesekompetenz steigt dabei von 14,5 Prozent (2012) auf 25,5 Prozent (2022). Diese regionalen Daten sind nicht nur „Statistik“, sondern liefern einen Hinweis darauf, wo Kapazitäten und Unterstützungsprogramme gezielt ansetzen müssen – etwa bei Sprachbildung, passgenauer Förderung und der Entlastung von Schulalltagssituationen, die Kompetenzaufbau indirekt ausbremsen.
Die Ursachenforschung wird in der Debatte häufig auf einzelne Faktoren reduziert, doch die vorliegenden Zahlen sprechen für ein Bündel aus Lernumfeld, Mediennutzung und Gesundheitslage. Im Kontext digitaler Routinen wird etwa der Einfluss von Künstlicher Intelligenz sowie die Nutzung von Smartphones und sozialen Medien als möglicher Treiber für den Rückgang genannt. Parallel dazu verändern sich Freizeitgewohnheiten: Laut einer Erhebung aus dem Jahr 2025 lesen nur noch 31 Prozent der Erwachsenen im Vorjahr ein gedrucktes Buch, gegenüber 43 Prozent im Jahr 2021. Daneben verschlechtert sich die gesundheitliche Basis: Der DAK-Präventionsradar für das Schuljahr 2025/2026 zeigt, dass sich 69 Prozent der Kinder und Jugendlichen mindestens einmal pro Woche erschöpft fühlen. Vor drei Jahren lag dieser Wert noch bei 52 Prozent. Schlafstörungen betreffen mittlerweile 46 Prozent der Befragten; aus dem Bereich der Kinderheilkunde wird das unter anderem mit übermäßiger Mediennutzung in Verbindung gebracht. Für Schulen bedeutet das: Pädagogische Maßnahmen müssen zunehmend mit gesundheitlicher Prävention verzahnt werden, weil Unterrichtsleistung ohne ausreichende Erholung strukturell schwerer wird.
Auch die Reaktion aus Politik und Verbänden zeigt, dass technische und organisatorische Hebel zusammen gedacht werden müssen. Bundeskanzler Merz fordert eine verstärkte Zusammenarbeit der Bundesländer, betont jedoch zugleich die Verantwortung der Familien und Eltern. Aus der Bildungspolitik werden Rufe nach einem Bildungsgipfel laut; außerdem fordern die Initiatoren der Pisa-Studie eine stärkere Förderung im Vorschulalter sowie gezielte finanzielle Unterstützung für Brennpunktschulen. Der Deutsche Lehrerverband nennt die Ergebnisse einen Indikator für notwendiges Handeln, übt aber auch Kritik an der Methodik: Die Studie werde der Fächer- und Wissensvielfalt nicht gerecht und konzentriere sich zu stark auf Kompetenzen statt auf fachliches Wissen. Gleichzeitig berichten Schulleitungen von akutem Lehrkräftemangel und sinkenden Konzentrationsspannen in den Klassen, was die Umsetzung mit klassischen Unterrichtsmaterialien zunehmend erschwert. Für Entscheider ist das ein Signal, dass Ressourcenplanung, Personalgewinnung und Unterrichtsentwicklung nicht nacheinander, sondern parallel gedacht werden sollten.
Aus Sicht der Praxis stellt sich damit die Frage, wie man Lernrückstände wirksam adressiert, ohne neue Schieflagen zu erzeugen. Wenn die soziale Herkunft so stark auf die Ergebnisse durchschlägt, reichen pauschale Programme selten aus; wirksamer sind passgenaue Unterstützungsstrukturen, etwa zusätzliche Sprach- und Leseförderung, differenzierte Mathematik-Trainings auf Kompetenzebene und verlässliche Angebote, die Lernzeit schützen. Ergänzend wird KI zunehmend als Werkzeug in Schulen diskutiert – entscheidend ist dabei weniger das „Ob“, sondern das „Wie“: KI kann Lernprozesse unterstützen, etwa durch individualisierte Übungswege oder Feedback, aber sie ersetzt nicht die Grundlagen, wenn Lesekompetenz und Konzentration ohnehin schwächeln. Die Daten aus PISA 2025 legen nahe, dass die nächsten Schritte vor allem bei Grundfähigkeiten, bei der gesundheitlichen Stabilität der Lernenden und bei der Entlastung von Schulen durch zusätzliche Fach- und Unterstützungsressourcen ansetzen müssen.
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