LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Auswertung der University of Oxford verbindet sehr heiße Tees und Kaffees mit einem deutlich erhöhten Risiko für Speiseröhrenkrebs. Besonders betroffen ist die häufigste Form, das Plattenepithelkarzinom der Speiseröhre. In UK-Daten steigt das Erkrankungsrisiko bei „sehr heiß“ auf etwa das Dreifache gegenüber „nur warm“. Gleichzeitig bleibt das absolute Risiko trotz der relativen Erhöhung vergleichsweise gering.

Wer morgens den Becher am liebsten direkt nach dem Aufbrühen trinkt, unterschätzt möglicherweise einen sehr alltäglichen Risikofaktor. Eine Studie aus dem Umfeld der University of Oxford ordnet „sehr heiße“ Heißgetränke als Verhalten ein, das mit einem höheren Risiko für Speiseröhrenkrebs in Verbindung steht. Im Fokus steht dabei nicht irgendeine seltene Unterform, sondern das in der weltweiten Statistik häufigste: das Plattenepithelkarzinom der Speiseröhre. Die Beobachtung ist gleichzeitig handfest: Es geht weniger um Inhaltsstoffe als um die Temperatur, mit der Flüssigkeiten über die Mund- und Rachenschleimhaut sowie die Speiseröhre laufen.
Die Ergebnisse beruhen auf Daten von rund 980.000 Personen aus zwei großen britischen Kohortenstudien, darunter der „Million Women Study“ und der „UK Biobank“. Teilnehmende wurden befragt, ob sie ihre Heißgetränke sehr heiß, heiß, warm oder gar nicht konsumieren und ob sie täglich mehr als sechs Getränke trinken – oder weniger. Über einen durchschnittlichen Beobachtungszeitraum von 11,1 Jahren (Million Women Study) beziehungsweise 14,2 Jahren (UK Biobank) wurden insgesamt 2.348 Fälle von Speiseröhrenkrebs dokumentiert. Auffällig ist zunächst die Verteilung: Nicht einmal die Hälfte der Befragten gab an, mindestens sechs Heißgetränke pro Tag zu trinken, und etwa 15 Prozent bevorzugten „sehr heiße“ Getränke.
Technisch betrachtet verschiebt die Studie damit die Diskussion weg von klassischen Risikofaktoren hin zu einer physikalischen Beanspruchung durch Wärme. Bei der Auswertung zeigte sich: Je höher die bevorzugte Trinktemperatur, desto häufiger trat das Plattenepithelkarzinom auf. Gegenüber Personen, die ihre Getränke nur „warm“ mochten, lag das Risiko bei Menschen, die „heiß“ tranken, bei fast dem doppelten Wert. Für „sehr heiß“ berichten die Autorinnen und Autoren eine etwa dreifache Risikoerhöhung. Entscheidend ist zusätzlich die zusätzliche Kontrolle des Trinktempos bzw. der Trinkhäufigkeit: Wenn Teilnehmende mit mindestens sechs Heißgetränken pro Tag mit denen verglichen wurden, die weniger als sechs tranken, ergibt sich nach der statistischen Bereinigung eine Assoziation mit einem um 71 Prozent höheren Risiko.
Einordnen lässt sich das auch vor dem Hintergrund bereits bestehender Einstufungen. Die International Agency for Research on Cancer (IARC) klassifizierte das Trinken von sehr heißen Getränken – definiert als alles über 149 Grad Fahrenheit – bereits 2016 als „wahrscheinlich krebserregend“. Neu an der Oxford-Analyse ist vor allem, dass die Daten aus einer Region stammen, in der sich die Trinkgewohnheiten in Details unterscheiden können: In Teilen des Vereinigten Königreichs wird Heißgetränken häufig Milch zugesetzt. Im Datensatz zeigte sich allerdings kein klarer Effekt der Zugabe von Milch auf das beobachtete Krebsrisiko, sofern die Getränke weiterhin als „heiß“ konsumiert wurden. Außerdem weisen die Forschenden darauf hin, dass frühere Studien besonders häufig aus Regionen mit anderer Trinkkultur kamen.
Für Unternehmen und Gesundheitskommunikatoren ist auch relevant, wie groß der Effekt im absoluten Maßstab ist. Selbst wenn die Studie eine deutliche relative Risikoerhöhung beschreibt, bleibt Speiseröhrenkrebs in den meisten Bevölkerungen insgesamt selten: Laut Angaben des US National Cancer Institute macht er pro Jahr nur einen sehr kleinen Anteil aller Krebsfälle aus (0,00042 Prozent). Auch die Sterblichkeit wird dort als entsprechend niedrig beziffert (0,00037 Prozent). In der Lebenszeitdiagnose schätzen die Quellen etwa 0,5 Prozent für Männer und Frauen gleichermaßen. Genau diese Differenz zwischen relativer und absoluter Wahrscheinlichkeit ist wichtig, um unnötige Angst zu vermeiden und die Information in eine praktikable Prävention zu übersetzen.
In der Praxis lässt sich aus den Ergebnissen ein einfacher Handlungsschritt ableiten, der in vielen Haushalten ohnehin zur Routine werden könnte: Heißgetränke nicht in Sekunden nach dem Eingießen direkt zu konsumieren, sondern kurz abkühlen zu lassen. Die Studie adressiert damit nicht die Kernlogik einer allgemeinen „Superfood“-Debatte, sondern ein Verhalten mit unmittelbarem Einfluss auf die Schleimhauttemperatur. Gleichzeitig betont die Einordnung der Forschenden die Prioritätenliste bei Risikoreduktion: Neben dem Vermeiden des Tabakrauchens spielt auch Alkohol als Risikofaktor eine Rolle. Aus Marktsicht könnte die Meldung dennoch Wirkung zeigen, weil sie zu einer neuen Form von Produkt- und Servicekommunikation führt – etwa in Form von Hinweisen rund um Temperatur, Dosierung und Zubereitungszeit in Gastronomie und im Handel für Heißgetränke.
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