JAKARTA / LONDON (IT BOLTWISE) – Die indische Zentralbank RBI meldet 176 Milliarden Banknoten im Umlauf und plant jährlich 28 bis 30 Milliarden neue Stück über sechs Stückelungen. Gleichzeitig wächst UPI auf nahezu eine Transaktion pro Sekunde – digital also immer mehr, aber physisch noch immer mehr. RBI-Vize Shirish Chandra Murmu ordnet das als „Cash-Paradox“ ein und verweist auf die schwierige Prognose von Produktion und Verteilung. Die zentrale Frage: Warum nimmt die Menge an Bargeld zu, obwohl dessen Anteil an Alltagszahlungen sinkt.

Indiens „Cash-Paradox“: UPI wächst, Banknotenbestand aber ebenfalls
Indiens „Cash-Paradox“: UPI wächst, Banknotenbestand aber ebenfalls (Foto: IT BOLTWISE)
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In Indien sind die Zahlen auf den ersten Blick widersprüchlich: Einerseits wächst die Nutzung von UPI und führt zu immer mehr digitalen Transfers. Andererseits steigt die Menge an physischem Geld weiter. Laut RBI sind derzeit 176 Milliarden Banknoten in Umlauf; jedes Jahr druckt die Notenbank 28 bis 30 Milliarden neue Stück in sechs Stückelungen und zieht rund 21 Milliarden Banknoten wieder ein. Das bedeutet nicht nur eine logistische Daueraufgabe, sondern auch ein Planungsproblem: Wenn Bargeld mengenmäßig weiter anschwillt, lässt sich die nötige Produktions- und Distributionskapazität schlechter kalkulieren, obwohl der Zahlungsalltag für viele Menschen zunehmend digital stattfindet.

Bevor man die Ursache sucht, lohnt sich die Begriffsklärung. „Currency in circulation“ umfasst nicht nur Geld, das gerade bezahlt wird, sondern den gesamten Wert von Banknoten und Münzen, die die Öffentlichkeit und Unternehmen halten – ausgegeben oder einfach geparkt. In der indischen Praxis gelangt Bargeld über vier große Kanäle zu den Nutzern: über 19 regionale RBI-Büros, über Filialen der Banken, über mehr als 250.000 ATMs und Cash Dispenser sowie über Millionen von „Business Correspondents“, also lokalen Agenten, die in ländlichen Regionen und kleineren Städten Basisdienstleistungen übernehmen. Genau diese breite Verteilung macht Bargeld zu einem System, das nicht im selben Takt wie einzelne Zahlungs-Apps wächst oder schrumpft.

Das „Cash-Paradox“ wird in der Forschung vor allem so beschrieben, dass nicht zwangsläufig weniger Bargeld eingesetzt wird, nur weil digitale Zahlungen im Verhältnis an Gewicht gewinnen. Eine Studie, die den Zahlungsmodus in den Blick nimmt, verweist für 2019 auf einen sehr hohen Anteil bargeldbasierter Transaktionen: 94%. Gleichzeitig beobachtet der Ökonom Anirudh Tagat, dass Apps vor allem den ersten Zweck von Währung ersetzen – das Bezahlen. Bargeld erfüllt darüber hinaus aber auch die Funktion als Wertaufbewahrung und als Absicherung gegen Katastrophen. Wenn digitale Systeme primär den „Payment“-Aspekt abdecken, können „Store of Value“ und „Hedge“-Erwartungen die Bargeldnachfrage stabilisieren oder sogar weiter erhöhen.

Auch David Humphrey zeigt in Arbeiten zu Cash-Use in 14 Volkswirtschaften, dass der digitale Zahlungswandel nur ein Faktor unter mehreren ist, der bestimmt, wie viel Bargeld Menschen halten. Auffällig ist dabei eine zweite Dynamik: Ein Teil des Wachstums speist sich offenbar aus Banknoten, die im Ausland gehalten oder verwendet werden. Für die USA macht Humphrey das am Beispiel großer Stückelungen fest: 50- und 100-Dollar-Scheine seien im Ausland weit verbreitet, würden aber „selten“ in normalen inländischen Bartransaktionen sichtbar. Ergänzend berichtet er von der Praxis, dass die Federal Reserve unbrauchbare Noten aus dem Ausland entgegennimmt, ersetzt und wieder zurückschickt. Genau dadurch kann der Gesamtbestand der US-Währung weiter steigen, selbst wenn ein Proxy für das alltägliche Ausgabeverhalten – der Wert der aus ATMs gezogenen Bargeldmenge, überwiegend in 20-, aber auch 5- und 10-Dollar-Scheinen – sinkt. Übertragen auf Indien heißt das: Selbst wenn der tägliche Zahlungsfluss digitaler wird, können Bestände wachsen, weil das Bargeld an anderer Stelle „parkt“.

Hinzu kommt die weniger sichtbare Seite der Bargeldökonomie. Humphreys Forschung verweist auf einen strukturellen Grund, warum die Wachstumsrate der Währung schneller laufen kann als die gemessenen Ausgaben: steigender Wert illegaler Aktivitäten, die häufig auf nicht erfassten Bargeldtransaktionen basieren. Gleichzeitig spielen informelle und teilweise schwer zu taxierende Mechanismen im regulären Markt eine Rolle. In Indien werden Immobilientransaktionen laut der Analyse oft ganz oder teilweise bar abgewickelt; Gründe sind Verzögerungen bei der Umsetzung von Stempelsteuer-Sätzen und behördlich festgelegten „circle rates“, wodurch Käufer und Verkäufer das tatsächliche Entgelt in der Deklaration nach unten drücken und Differenzen über Bargeld ausgleichen. Dass die Bargelddebatte dadurch politisch und gesellschaftlich immer wieder neu auflädt, zeigt sich am Beispiel der Demonetisierung 2016: Sie machte nach Angaben der Ökonomen einen Großteil des Bargeldbestands durch seine kurzfristige Entwertung ungültig, traf den „Flow“ der ohnehin genutzten Wege zur Wertverschiebung jedoch weniger, weil viele Bargeldströme sich rasch anpassen.

Daneben steht ein psychologischer Hebel, der im Alltag messbar ist: digitale Zahlungen werden zunehmend „friktionsärmer“ gestaltet. Tagat verweist auf Forschung, unter anderem aus dem Journal of Consumer Research, wonach digitale Bezahlprozesse das „Pain“-Moment reduzieren – das kurze Unbehagen, das viele mit dem Herausreichen von Banknoten verbinden. Wenn digitale Zahlungen trotzdem nicht automatisch Bargeldnachfrage ausdünnen, deutet das auf eine zweite Angst hin: weniger die Sorge, etwas auszugeben, sondern die Sorge, was passiert, wenn digitale Systeme ausfallen. Bargeld wird dann zur Art Notfallmechanismus, vergleichbar mit „critical infrastructure“ für schlechte Tage. Diese Logik findet sich auch außerhalb Indiens: Die europäische Zentralbank berichtet von einem Anstieg des Euro-Banknotenumlaufs von rund 1 Billion Euro (2016) auf etwa 1,6 Billionen Euro in diesem Jahr, obwohl der Anteil von Bargeld an Point-of-Sale-Transaktionen Richtung „unter die Hälfte“ geht. Philip Lane und spätere Analysen wie die von Olive McCarthy ordnen das als „Paradox of banknotes“ ein: Haushalte horten Bargeld als Sparform, und zusätzlich gibt es Nachfrage nach Euro außerhalb der Währungszone.

Für die RBI entsteht daraus ein Budget- und Investitionsdilemma. Die Notenbank betreibt eigene Papiermühlen, mehrere Währungsdruckereien und sogar Tintenproduktion – eine Lieferkette für Selbstständigkeit. Gleichzeitig fördert sie mit UPI eines der erfolgreichsten Instant-Payment-Netze. Tagat beschreibt das als schwierige Prioritätsfrage: Wie viel Kapazität muss man in Bargeldsteuerung investieren, wie viel in die Weiterentwicklung digitaler Kanäle? Entscheidungsdruck kommt auch von der Währungstechnologie selbst: Versuche mit polymeren 10- und 20-Rupien-Noten, die bereits vor rund einem Jahrzehnt angestoßen wurden, laufen schließlich an; polymeres Material ist langlebiger, was potenziell Kosten und Austauschzyklen senken kann. Murmu spricht dabei von „monetary sovereignty“ und verweist zusätzlich auf die Informal-Nutzung der Rupie in Teilen Südasien als regionalen Schockabsorber. Und selbst wenn im Zahlungsbereich künftig Transaktionsgebühren für kleinere Beträge ins Spiel kommen, könnte Bargeld laut Tagat wieder einen Teil des Zahlungsanteils zurückholen – nicht nur als Sparpuffer, sondern möglicherweise sogar als „Zahl-Alternative“.

Am Ende wirkt das Ergebnis weniger wie ein technisches Rätsel und mehr wie eine Strategiefrage: Digitale Zahlungen machen Bargeld nicht obsolet, sondern verändern vor allem, wofür Bargeld genutzt wird. Für Politik und Zentralbanken ist das eine „mild humbling“ Lektion: Der Zahlungsmodus allein erklärt die Bargeldnachfrage nicht zuverlässig, weil Wertaufbewahrung, Krisenabsicherung, Auslandshaltung und auch Schattenprozesse die Bestände mitbestimmen. In der Praxis bedeutet das, dass Planer bei Produktion, Logistik und Bestandsmanagement mit einer Nachfrage rechnen müssen, die nicht synchron zur UPI-Nutzung verläuft. Selbst wenn sich der Alltag digitalisiert, bleibt Bargeld für viele Nutzer eine Versicherung, die sie ungern aufgeben.


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