LONDON (IT BOLTWISE) – Brent-Öl notiert zeitweise über 107 US-Dollar je Barrel, während die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen in mehreren Volkswirtschaften so hoch ist wie seit Jahren nicht. Yardeni Research sieht darin trotz der Belastung kein Kippmoment für den globalen Aktien-Bullenmarkt, weil Unternehmensgewinne schneller wachsen als die Kapitalkosten steigen. Als zusätzlicher Treiber gilt die Nahost-Eskalation, die zugleich den Yen-Carry-Trade und den Anleihemarkt-Stress beeinflusst. Entscheidend bleibt, wie der Markt die nächsten Zinsentscheidungen von Fed und Bank of Japan einpreist.

Öl über 100 US-Dollar: Warum der Aktien-Bullenmarkt laut Yardeni nicht kippt
Öl über 100 US-Dollar: Warum der Aktien-Bullenmarkt laut Yardeni nicht kippt (Foto: IT BOLTWISE)
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Brent-Öl über 100 US-Dollar je Barrel ist für viele Marktteilnehmer längst mehr als ein Schlagzeilenfaktor. In der aktuellen Konstellation trifft der Preisschub aber zusätzlich auf ein Zinsumfeld, das ebenfalls nach Jahren wieder spürbar anzieht: Die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen liegt laut der Darstellung von Yardeni Research in mehreren großen Volkswirtschaften so hoch wie seit Jahren nicht mehr. Genau diese Mischung – höhere Energie- und Finanzierungskosten – hatte in der Vergangenheit häufig als Bremse für Aktien-Bewertungen gewirkt, etwa weil Margen unter Druck geraten und Diskontierungsfaktoren steigen. Yardeni Research argumentiert jedoch, dass diesmal ein anderer Mechanismus greift: Nicht die Kostenentwicklung allein entscheidet, sondern wie schnell sich Gewinne dagegen entwickeln.

Der Kern der These lautet: Unternehmensgewinne steigen weiter, und sie sollen dabei schneller wachsen als die höheren Kapitalkosten die Bewertung drücken könnten. Ed Yardeni wird in dem Beitrag wörtlich mit dem Satz zitiert: „Der Grund dafür ist, dass die Unternehmensgewinne weiter steigen“. Für die Logik dahinter ist wichtig, wie Märkte operative Ergebniskurven gegen den Diskontfaktor „abgleichen“. Steigen die Energiepreise kurzfristig, können sich das zwar in höheren Inputkosten niederschlagen, doch wenn Unternehmen parallel Preissetzungsmacht, Kostentransformation oder Nachfrageresilienz zeigen, verschiebt sich der Nettoeffekt auf die Gewinnkennzahl. Der Markt muss dann nicht in eine allgemeine Gewinnrezession umkippen, um weiterhin Risiko zu preisen.

Dass der Ölpreis wieder kräftig anzieht, verortet Yardeni Research in der erneuten Zuspitzung der Kämpfe zwischen den USA und dem Iran. Im Fokus steht dabei auch die Sorge um die Versorgung über die Straße von Hormus, weil schon die Erwartung möglicher Störungen im Transportkorridor Energiepreise rasch über die Erwartungswerte hebt. Brent erreichte im Zuge dessen laut Darstellung den höchsten Stand seit rund vier Monaten. Neben der anhaltenden Dynamik aus Eskalation und vorübergehender Beruhigung wird in dem Kontext auch erwähnt, dass im August 2026 zusätzliche Angriffe auf Exportinfrastruktur am Roten Meer die Lage weiter verschärften. Für Investoren ist das relevant, weil solche geopolitischen Preisschübe die Volatilität bei Energie und damit auch bei Inputkosten, Transportketten und kurzfristigen Inflationserwartungen erhöhen können.

Trotzdem liest Yardeni Research steigende Anleiherenditen nicht als Warnsignal, sondern als Begleiterscheinung robusterer Realwirtschaft und stabiler Gewinne. Genannt wird dabei eine konkrete Kasse im Zinsgeschehen: Die zehnjährige US-Rendite lag der Mitteilung vom vergangenen Sonntag zufolge bei knapp 5 Prozent und damit am oberen Rand einer Spanne zwischen 4 und 5 Prozent, die Yardeni Research inzwischen als „altes Normal“ beschreibt. In Australien und Großbritannien notierten die Vergleichswerte sogar darüber. Dazu kommt eine weitere Besonderheit, die weniger mit Unternehmensfundamentals zu tun hat, sondern mit globalen Finanzierungs- und Währungsmechanismen: Fed, Bank of England und Bank of Japan tagen laut Beitrag nahezu zeitgleich, und der japanische Yen hat sich im Zuge dessen zeitweise wieder auf rund 154 Einheiten je US-Dollar gefestigt. Yardeni Research führt die Auflösung des Yen-Carry-Trades als einen Mit-Auslöser des Ausverkaufs an globalen Anleihemärkten an – also als Faktor, der Renditebewegungen verstärken kann, ohne dass sich die Gewinnlage zwangsläufig entsprechend verschlechtern muss.

Für die Aktienauswahl bleibt die „Go Global“-Linie des Hauses im Mittelpunkt. Yardeni Research hält demnach nicht an der Idee fest, dass der Bullenmarkt vor allem in den USA „verdient“ werden muss, sondern sucht eher außerhalb des US-Markts. Auf Monatssicht nennt der Beitrag brasilianische Titel mit rund 6 Prozent Plus in US-Dollar, gefolgt von Südkorea mit etwa 4 Prozent und Polen mit rund 3 Prozent, während US-Aktien im selben Zeitraum leicht nachgaben. Seit Jahresbeginn liegen südkoreanische und taiwanesische Werte laut Yardeni Research mit einem Performanceplus von rund 94 beziehungsweise 75 Prozent klar vorn; der US-Markt komme auf etwa 12 Prozent und bleibe damit hinter globalen Vergleichsindizes ohne US-Anteil zurück, die rund 15 Prozent zulegten. Die Begründung liegt in der Bewertung: Die Gewinnschätzungen außerhalb der USA sollen im Jahresvergleich um mehr als 40 Prozent gestiegen sein, während die betreffenden Indizes nur mit etwa dem 13-Fachen der erwarteten Gewinne gehandelt werden – und damit deutlich unter ihrem Bewertungsniveau von 2021.

Am stärksten wird die aktuelle Belastungsprobe offenbar in Japan sichtbar, und zwar am Nikkei 225. Yardeni Research richtet den Blick auf zwei gleichzeitige Effekte: Der erstarkte Yen habe den japanischen Leitindex zuletzt gebremst, während die Gewinnschätzungen japanischer Unternehmen gleichzeitig einen Rekordstand erreicht hätten. Rekordgewinne bei einer Bewertung von rund dem 15-Fachen der erwarteten Gewinne seien kein Bild, das zu einem Markt passe, den eine straffere Geldpolitik gerade zu brechen drohe, argumentiert das Analysehaus. Das ist zugleich eine praktische Erinnerung daran, dass „Gewinne steigen“ und „Bewertungen bleiben stabil“ nicht automatisch zusammenfallen. Wenn Zinsentscheide die Erwartung an künftige reale Leitzinsen oder den realwirtschaftlichen Pfad verändern, kann sich die Risikoprämie schneller anpassen als die Gewinnerwartungen.

Damit rückt der Zeitplan der nächsten Sitzungen in den Fokus. Ob Yardenis Lesart trägt, soll sich laut Beitrag in den kommenden Tagen zeigen: Die Fed verkündet ihre Entscheidung am morgigen Mittwoch, anschließend folgt die Bank of Japan mit ihrer eigenen Sitzung am 17. und 18. September. Für Anleger ist das relevant, weil gerade in einem Umfeld, in dem Ölpreisschübe und Anleiherenditen ohnehin stark beobachtet werden, jede deutliche Abweichung von Erwartungen die „Übersetzung“ in Aktienkurse beschleunigen kann. Fällt eine der beiden Entscheidungen deutlich schärfer aus als erwartet, dürfte sichtbar werden, ob der Markt hohe Zinsen tatsächlich weiterhin als Ausdruck robusten Wachstums interpretiert oder ob die Kostenlogik erneut dominiert.

Für Unternehmen und Portfoliomanager folgt daraus eine pragmatische Konsequenz: Der größte Risikotreiber ist in dieser Phase nicht nur die Rohstoffseite, sondern die Geschwindigkeit, mit der sich Gewinne und Diskontfaktoren gegenseitig überholen. Wenn die Kapitalmärkte gleichzeitig von Geopolitik, Währungsmechanik (wie Carry-Trade-Effekte) und Zinskommunikation beeinflusst werden, verschieben sich auch die Zeithorizonte von Marktreaktionen. Wer in den globalen Aktienmix investiert, sollte deshalb besonders darauf achten, wie stark die Gewinnbasis außerhalb der USA tatsächlich gegenüber höheren Energiekosten immunisiert ist – und wie anfällig die jeweilige Bewertungsklasse reagiert, sobald die Zentralbanken ihre nächsten Leitplanken setzen.


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