BERLIN/HAMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Das NPL-Barometer 2026 erwartet für 2026 und 2027 höhere Kreditrisiken, vor allem in der Kreditvergabe an den Mittelstand und bei Gewerbeimmobilien. Laut der neuen Auswertung von ESG-Offenlegungen liegt die Quote notleidender Engagements in klimaintensiven Sektoren Ende 2025 in Deutschland 2,8 Prozentpunkte über der Quote des übrigen Firmenkreditbuchs. Für das Gesamtjahr steigen die Erwartungen bei notleidenden Kreditbeständen, während das Insolvenzgeschehen je nach Branche unterschiedlich stark ausfällt. Gleichzeitig rückt die Früherkennung von Krisen in Stage 2 stärker in den Fokus von Banken und Restrukturierungspartnern.

Das NPL-Barometer 2026 bündelt Stimmungsdaten aus der Bankpraxis mit Befunden zu Kreditrisiken und notleidenden Engagements – und macht dabei eine klare Schwerpunktverschiebung sichtbar: In der deutschen Stichprobe konzentrieren sich die Risiken besonders auf Gewerbeimmobilien und auf den Mittelstand. Die neue Auswertung der ESG-Offenlegungen bringt die Branchenunterschiede zusätzlich auf den Punkt. Ende 2025 lag demnach die Quote notleidender Engagements in klimaintensiven Sektoren bei deutschen Instituten 2,8 Prozentpunkte über der Quote des übrigen Firmenkreditbuchs; für das EU/EWR-Aggregat betrug der Abstand 0,74 Prozentpunkte, also rund ein Viertel des deutschen Werts. Damit wird nicht nur ein Niveau, sondern auch ein Muster sichtbar: Bestimmte Geschäftsmodelle und Finanzierungsstrukturen tragen Risiken überdurchschnittlich stark in die Qualität der Bankbilanzen hinein.
Im Detail zeigt sich, wie stark der Immobiliensektor den ESG-Befund prägt. Zur Gruppe der klimaintensiven Sektoren zählt in der verwendeten Systematik auch das Grundstücks- und Wohnungswesen. Auf diesen Bereich entfallen rund 60 Prozent der notleidenden Engagements in klimaintensiven Sektoren in der Stichprobe der sieben deutschen Institute, deren Branchenangaben die Bundesvereinigung Kreditankauf und Servicing (BKS) auswerten konnte. Die Kernaussage für das Kreditrisikomanagement lautet damit: Die ESG-Perspektive lässt sich als zusätzliches Strukturlinsensystem verstehen, das sichtbar macht, wo Risiken in Form von Ausfallwahrscheinlichkeiten und Sicherheitenwerten überproportional zusammenlaufen. Der Branchenabstand über die zusammengefassten Bestände dieser sieben Banken liegt bei 3,43 Prozentpunkten und damit über einem EBA-Deutschlandwert von 2,8 Prozentpunkten; zugleich betonen die Daten, dass die Bankenkreise die Risiken unterschiedlich stark auf ihre Portfolios abbilden.
Die Ursachen lassen sich laut den begleitenden Einordnungen nicht auf eine einzige Variable reduzieren. Neben konjunkturellen Effekten treibt laut Prof. Dr. Christoph Schalast, Vorsitzender des Beirats der BKS und Professor an der Frankfurt School of Finance & Management, vor allem ein Transformationszyklus die Neubewertung von Branchen und damit auch die Entwicklung von Sicherheiten: „Neben den Konjunktur- tritt ein Transformationszyklus, der Branchen dauerhaft neu bewertet und Sicherheiten entwertet, die über Jahrzehnte als solide galten“ – so die im Barometer zitierte Einschätzung. Technisch betrachtet bedeutet das für Bankanalysen: Wenn Sicherheitenwerte unter Druck geraten oder langfristige Cashflows in der Projektfinanzierung neu diskontiert werden müssen, verschiebt sich die risikogerechte Bewertung nicht nur in der Ausfallwahrscheinlichkeit, sondern oft auch in der Höhe und Stabilität der erwarteten Rückflüsse. Genau diese Wechselwirkung zwischen Konjunktur, Geschäftsmodell und Finanzierungsbedingungen ist im NPL-Barometer angelegt, weil es die Branchenverteilung nicht losgelöst vom Marktumfeld interpretiert.
Auch der Blick auf die Gesamtsituation im NPL-Markt bleibt konstruktiv, aber angespannt. Das Geschäftsklima im deutschen NPL-Markt liegt 2026 bei +0,32 und damit nahezu auf dem Vorjahreswert von +0,31. Der Index, der seit 2015 fortgeschrieben wird, zeigt den Weg von der Niedrigzinsphase über die Pandemie und die Zinswende bis zum heutigen erhöhten Niveau: 2015 lag der Index bei -0,16, 2023 erreichte er +0,46. Positive Werte stehen dabei in der Systematik des Barometers für einen aktiveren Markt für notleidende Kredite aus Käufersicht. Parallel steigen die notleidenden Kreditbestände wieder: von 29,7 Milliarden Euro Ende 2021 auf 48,6 Milliarden Euro Ende 2025. In der deutschen Bankenstichprobe meldet die Europäische Bankenaufsichtsbehörde EBA für den 31. März 2026 50,1 Milliarden Euro; das Panel erwartet 50,4 Milliarden Euro zum Jahresende 2026 und 53,1 Milliarden Euro zum Jahresende 2027. Für kleine und mittlere Unternehmen prognostiziert das Panel eine NPL-Quote von 5,1 Prozent Ende 2026 und 5,7 Prozent Ende 2027; der EBA-Istwert im ersten Quartal 2026 liegt bei 4,3 Prozent. Bei Gewerbeimmobilien rechnet das Panel mit 6,5 Prozent zu beiden Jahresenden, nach 6,8 Prozent im ersten Quartal 2026.
Damit verengt sich der Übergang zur Realwirtschaft: Unternehmensinsolvenzen folgen nicht automatisch jeder NPL-Definition, liefern aber einen robusten Frühindikator für Nachfrageausfälle und Liquiditätsengpässe. Laut den Insolvenzmeldungen wurden 2025 in Deutschland 24.064 Unternehmensinsolvenzen erfasst; für 2026 erwartet CRIF bis zu 26.000 Fälle. Im ersten Halbjahr entfielen nach CRIF-Auswertung 22,7 Prozent der Insolvenzen auf das Verarbeitende Gewerbe, 13,4 Prozent auf das Gastgewerbe, 13,3 Prozent auf das Baugewerbe und 11,7 Prozent auf den Handel (einschließlich Kfz-Reparatur). Zusammen ergibt das rund 61 Prozent aller Fälle – ein Branchenbild, das die Kreditrisiken aus dem Barometer mit typischen Ertrags- und Nachfrageprofilen der jeweiligen Sektoren verbindet. Parallel steigt die Anzahl insolvenzgefährdeter Unternehmen: Nach der aktuellen CRIF-Einstufung gelten im September 2026 insgesamt 322.890 Unternehmen als insolvenzgefährdet; das entspricht 10,3 Prozent aller Unternehmen und liegt 1,4 Prozent über dem Vorjahr. Besonders hohe Gefährdungsanteile nennt CRIF für die Gastronomie (13,2 Prozent) und den Kfz-Handel (12,5 Prozent).
Im operativen Risikomanagement verschiebt sich der Fokus dann auf die Phasenlogik der Rechnungslegung. CRIF registriert für das erste Halbjahr 2026 insgesamt 54.900 Privatinsolvenzen, 4,5 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum; für das Gesamtjahr erwartet CRIF 110.000 Fälle nach knapp 108.000 im Jahr 2025. Ergänzend rückt die Stage-2-Dynamik in den Vordergrund: Zum 31. März 2026 beträgt ihr Anteil an den zu fortgeführten Anschaffungskosten bewerteten Krediten in der deutschen EBA-Stichprobe 15,0 Prozent, im EU/EWR-Aggregat 9,1 Prozent. Stage 3 bezeichnet dagegen Kredite mit bereits eingetretener Wertminderung. Gerade Übergänge von Stage 2 zu Stage 3 verdienen laut dem Bericht besondere Aufmerksamkeit, weil sie den Zeitpunkt markieren, an dem aus einer erhöhten Risikolage eine konkrete Beeinträchtigung wird. Dr. Frank Schlein, Geschäftsführer von CRIF Deutschland, formuliert dazu: „Unsere Daten zeigen, dass die Zahl der Unternehmen mit erhöhtem Insolvenzrisiko weiter zunimmt. Deshalb erwarten wir für 2026 einen erneuten Anstieg der Unternehmensinsolvenzen.“ Und Martin Kropp, Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht bei Schultze & Braun, setzt den praktischen Hebel auf Restrukturierungsentscheidungen: „Fakt ist: Kein Unternehmen ist davor gefeit, in eine wirtschaftliche Schieflage zu geraten. Wenn Krisenanzeichen aber frühzeitig erkannt werden, stehen die Chancen gut, eine Krisensituation zu meistern oder sie sogar zu vermeiden. Das ist für die Unternehmen, aber auch für ihre Finanzierungspartner das beste Ergebnis“ – damit wird frühzeitige Erkennung als betriebswirtschaftlicher Erfolgsfaktor herausgestellt, nicht nur als regulatorische Erwartung.
Die BKS leitet daraus zwei Forderungen ab, die für den Markt an der Schnittstelle zwischen Bankbilanz und Sekundärmarkt besonders relevant sind. Dr. Marcel Köchling, BKS-Präsident, betont den Zusammenhang zwischen Abbau von Altlasten und Handlungsspielräumen: „Wer Altlasten aus der Bilanz nehmen kann, hat Kapital frei, um den Umbau seiner Kundschaft zu begleiten“. Konkret fordert die BKS eine Evaluierung des Kreditzweitmarktgesetzes und mehr Transparenz über von der Aufsicht erhobene Transaktionsdaten. Diese Daten sollten aggregiert und anonymisiert zugänglich gemacht werden. Für Kreditnehmer- und Investorenseite bedeutet das im Kern: Je besser Markttransparenz, desto präziser lassen sich Preise, Bewertungsmodelle und Risikoaufschläge kalibrieren. Bis 2027 erwartet das Panel damit einen weiteren Anstieg der NPL-Bestände und höhere NPL-Quoten in den relevanten Segmenten – ein Szenario, das Banken, Servicer und Restrukturierer gleichermaßen zu früheren Eingriffen drängt. Der nächste Schritt für viele Institute wird daher nicht allein die Intensivierung des Risikomanagements sein, sondern auch die konsequente Übersetzung von ESG- und Branchenbefunden in belastbare Frühwarn- und Restrukturierungsprozesse.
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