NEW YORK / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Euro hat nach den jüngsten Verlusten am Dienstag nur leicht nachgegeben und pendelt in der Nähe von 1,15 US-Dollar. Ausschlaggebend ist vor allem der Zusammenspiel aus schwach reagierenden Konjunkturerwartungen in Deutschland und deutlich anziehenden Öl- und Gaspreisen. Der Blick der Anleger richtet sich zusätzlich auf die Fed-Entscheidung am Mittwoch, bei der am Markt eine Zinserhöhung von 0,25 Prozentpunkten zunehmend eingepreist wird. Damit rückt weniger die Frage „ob“ die Straffung kommt, sondern eher das „wie lange und wie stark“ in den Vordergrund.

Der Euro hat sich nach den jüngsten Verlusten am Dienstag in New York nur wenig bewegt. Zuletzt kostete die Gemeinschaftswährung dort 1,1541 US-Dollar und damit minimal weniger als im späten europäischen Nachmittagsgeschäft. Auch wenn der Markt damit keine breite Trendänderung signalisiert, zeigt die Nähe zum Referenzniveau, wie zäh die Kurserholung derzeit ausfällt. Die Europäische Zentralbank hatte den Referenzkurs auf 1,1539 US-Dollar festgelegt, nachdem am Montag noch 1,1551 US-Dollar notiert hatten. Für Trader ist das ein typisches Bild: Der Preis läuft zwar gegen eine psychologisch wichtige Zone um rund 1,15 US-Dollar, bewegt sich aber zunächst in einem engen Band, bis ein externer Impuls stärker wirkt.
Ein zentraler Impuls kam dabei nicht aus den Konjunkturdaten aus Deutschland, sondern eher aus deren fehlender Dynamik. Die deutschen ZEW-Konjunkturerwartungen haben sich im September nur geringfügig verbessert, und genau diese zurückhaltende Bewegung wurde im Devisenhandel kaum eingepreist. Volkswirte hatten im Schnitt einen deutlich stärkeren Anstieg erwartet. Damit blieb der Markt in einer Art „Warten auf Bestätigung“: Solche Makrodaten können zwar kurzfristige Positionierungen verschieben, bei nur kleinen Abweichungen vom Konsens bleibt aber häufig der größere Treiber bestehen – in diesem Fall die Energiepreise sowie die erwartete geldpolitische Reaktion der US-Notenbank.
Im Fokus der Anleger stehen daher zwei Faktoren, die gleichzeitig die Inflationserwartungen beeinflussen können: die wieder deutlich anziehenden Ölpreise und der bevorstehende Zinsentscheid der Fed am Mittwoch. Am Markt ist eine Leitzins-Erhöhung um 0,25 Prozentpunkte inzwischen zu mehr als 90 Prozent eingepreist. Der Mechanismus dahinter ist weniger mysteriös, als er auf den ersten Blick wirkt: Steigende Energiepreise wirken zeitversetzt auf die Teuerung durch, und wenn sich dadurch die Inflationserwartungen erhöhen, steigt auch der Druck auf die Notenbank, länger restriktiv zu bleiben. Genau in diese Logik ordnet sich die Diskussion ein, wie viel Straffung in diesem Zyklus tatsächlich nötig ist, um die Preisstabilität wiederherzustellen.
Dass der Markt dabei nicht nur auf die reine Richtung („anheben ja oder nein“) schaut, sondern auf den Umfang und die Dauer einer möglichen Straffung, zeigt die aktuelle Argumentationslinie aus dem Asset-Management. Seema Shah von Principal Asset Management verwies auf die Verlagerung der Debatte: Weg von der Frage, ob die Fed die Zinsen erhöht, hin zu der Frage, wie stark eine geldpolitische Straffung erforderlich ist, um die Preisstabilität wiederherzustellen. Gleichzeitig kommt von anderer Seite die Gegenposition, dass es sich nicht zwingend um einen langen Straffungszyklus handeln muss: Brock Weimer vom Finanzdienstleister Edward Jones betonte, dass die Inflation gegenüber ihrem Hoch von 2022 deutlich abgeschwächt habe. Daraus leitet er ab, dass eine erneute Straffung in Umfang und Dauer begrenzt sein könnte. Wichtig für die Geldmarktlogik ist dabei weniger die Schlussfolgerung als die Spannungsachse: Selbst bei gleichgerichteten Erwartungen über eine Zinsschrittgröße kann der Tonfall über „Begrenzung“ versus „Dauer“ die Laufzeitprämien und damit den Dollar-Kurs spürbar beeinflussen.
Die Energiepreise wirken nicht nur über die Inflationserwartungen, sondern auch als Störgröße für Konjunkturdaten. Deutsche-Bank-Volkswirt Marc Schattenberg argumentierte, dass die jüngsten Anstiege der Öl- und Gaspreise bislang noch nicht vollständig in den Umfrageergebnissen widergespiegelt seien. Nachdem die deutsche Konjunktur in der ersten Jahreshälfte überraschend robust gewesen sei, könnten diese Gegenwinde die Erholung im dritten Quartal zunächst ausbremsen. Für den FX-Markt ist das relevant, weil sich hier zwei konträre Wirkungen treffen: Einerseits kann eine Verbesserung der Konjunkturstimmung Fundamentals stützen, andererseits können steigende Energiekosten kurzfristig die Wachstumserwartungen drücken. Wenn das Wachstum in Europa eher als fragil wahrgenommen wird, während die USA weiterhin mit einer restriktiven Geldpolitik rechnen müssen, verstärkt das tendenziell die Unterstützungsfunktion für den US-Dollar.
Unterm Strich bleibt der Euro am Dienstag damit in einer Art Zwischenraum: Er reagiert auf Energiepreissignale und auf die Erwartungshaltung gegenüber der Fed, während europäische Konjunkturindikatoren nur wenig Bewegung liefern. Das erklärt auch, warum der Kurs zwar nach den Verlusten „nur wenig von der Stelle“ kommt, aber dennoch nicht deutlich anzieht. Solche Phasen entstehen häufig, wenn der Markt bereits stark positioniert ist – zum Beispiel über die hohe Wahrscheinlichkeit für einen 0,25-Prozentpunkt-Schritt – und daher vor dem Termin weniger Risiko eingeht. Nach der Entscheidung verschiebt sich typischerweise der Schwerpunkt auf die begleitenden Aussagen (Stichwort: Pfad der zukünftigen Zinsschritte), weil dann die Erwartungsbildung zu Laufzeiten und Risikoprämien neu kalibriert wird. Genau in dieser Umstellung liegt der potenzielle Hebel für den Euro.
Für Unternehmen und Investoren bedeutet das Umfeld vor allem: Währungsrisiken werden kurzfristig weniger durch neue Daten als durch die Interpretation des geldpolitischen Ausblicks neu bewertet. Wer Einnahmen oder Kosten in USD hat, spürt die Relevanz solcher Konstellationen schnell, selbst wenn der Wechselkurs über den Tag nur wenige Punkte schwankt. Gleichzeitig lohnt es sich, die Kopplung an Energiepreise im Blick zu behalten, weil sie in den aktuellen Preisen sowohl ein Inflationsthema als auch ein Wachstumsthema enthält. Sollte die Fed am Mittwoch tatsächlich restriktiv bleiben, dürfte die USD-Stärke gegenüber Währungen mit vergleichsweise moderater Konjunkturdynamik eher gestützt werden; fällt der Tenor hingegen auf „begrenzt“ und damit weniger hart aus, kann der Euro kurzfristig profitieren. Bis dahin bleibt die Kursbewegung rund um 1,15 US-Dollar vor allem eine Wette auf Timing – und auf die Frage, wie lange der Markt seinen Inflationspfad noch für plausibel hält.
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