DENMARK / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Auswertung großer dänischer Kohortendaten zeigt: Eine frühere und schnellere Pubertätsentwicklung geht bei Mädchen häufiger mit Angststörungen einher. Bis zum Alter von 19 Jahren wurde bei 4% der Mädchen eine Angststörung diagnostiziert. Für die Wahrscheinlichkeit der Diagnose steigt der Odds-Ratio-Wert pro früherem Start deutlich an, und auch soziale Angstsymptome treten häufiger auf. Die Daten liefern Hinweise auf Risikogruppen – ein ursächlicher Nachweis bleibt jedoch offen.

Eine Studie aus Dänemark rückt einen bislang eher unterschatteten Zeitraum in den Fokus: die Phase, in der Pubertät nicht nur beginnt, sondern auch in ihrem Tempo abläuft. Pubertät ist ein Entwicklungs-„Scharnier“, bei dem körperliche und hormonelle Veränderungen mit emotionalen sowie sozialen Anpassungsprozessen zusammenfallen. Laut der Arbeit, veröffentlicht im Journal of Affective Disorders, unterscheiden sich Jugendliche dabei nicht nur im Zeitpunkt des Beginns, sondern auch darin, wie schnell die Veränderungen nach Start voranschreiten. Genau diese Kombination aus pubertärem Timing und pubertärer Tempo-Entwicklung wird mit psychischer Gesundheit in Verbindung gebracht.
Die Kernaussage betrifft dabei Mädchen deutlich stärker als Jungen. Frühere pubertäre Entwicklung gilt in der Forschung seit Längerem als wiederkehrend mit erhöhter Angst verbunden, allerdings war die Evidenz für Jungen uneinheitlich. Gerade soziale Angststörung, so begründet die Studie den Fokus, entsteht bei vielen Betroffenen typischerweise in der Jugendphase. Das Störungsbild ist durch eine ausgeprägte Furcht vor negativer Bewertung gekennzeichnet – etwa davor, beschämt zu werden oder sich im sozialen Kontext beobachtet und beurteilt zu fühlen. Wenn Pubertät früher einsetzt, können zusätzlich erhöhte soziale Erwartungen und ein gesteigertes Selbstbewusstsein entstehen, bevor Bewältigungsfähigkeiten emotional stabil genug ausgeprägt sind.
Technisch und methodisch setzt die Untersuchung an mehreren Schwachstellen früherer Arbeiten an. Vorangegangene Analysen wurden laut Autorenteam häufig mit kleinen Stichproben durchgeführt, untersuchten nur einen Ausschnitt der Pubertätsentwicklung oder kombinierten Jungen und Mädchen, obwohl sich hormonelle und Entwicklungsverläufe zwischen den Geschlechtern unterscheiden können. Für die neue Auswertung nutzten die Forschenden deshalb eine große, bevölkerungsbasierte Datenquelle aus dem dänischen Puberty Cohort innerhalb der Danish National Birth Cohort. Von 1996 bis 2002 wurden dänischsprachige Schwangere bei ihrem ersten Arztbesuch über den Hausarzt eingeladen; etwa 50% der Hausarztpraxen nahmen teil. Insgesamt wurden rund 92.000 Frauen mit ihren ungeborenen Kindern in die Kohorte aufgenommen, und später gingen schließlich 15.818 Kinder in die Phase der Online-Fragebögen zu Pubertätsverläufen ein.
Im Verlauf der Studie berichteten die Teilnehmenden wiederholt über ihre aktuelle pubertäre Entwicklung. Startpunkt war ein Alter ab 11,5 Jahren, dann folgten Messungen in sechsmonatigem Abstand über die Pubertät hinweg. Ein Teil der Jugendlichen beantwortete mindestens zwei solche Fragebögen, sodass Tempo-Kennzahlen berechnet werden konnten. Parallel wurde die psychische Gesundheit mit zwei Wegen erfasst: einmal über Diagnosen, die im dänischen Patientenregister registriert wurden, und ergänzend über selbstberichtete Angaben in Fragebögen im Alter von 18 Jahren. Damit entsteht ein Bild, das sowohl „harte“ Endpunkte (Diagnosen und Behandlungen) als auch subjektive Symptome abdeckt, ohne dass ausschließlich auf einen einzelnen Messmodus gesetzt wird.
Die Ergebnisse liefern dabei konkrete Verknüpfungen zwischen Pubertätsparametern und Angstindikatoren. Bereits in der deskriptiven Betrachtung zeigte sich, dass Mädchen mit früherer Pubertätsentwicklung häufiger aus Familien mit niedrigerem sozioökonomischem Status stammten und mit etwa 7 Jahren seltener im gleichen Haushalt lebten. Auch berichteten die Mütter dieser Gruppe häufiger einen früheren Zeitpunkt der Menarche, hatten zudem nach den Angaben der Studie öfter psychische Erkrankungen in der Frühschwangerschaft und die Kinder wurden häufiger mit 7 Jahren gemobbt. Im Vergleich dazu zeigte die Gruppe mit späterem Verlauf ein Gegenmuster. Diese Begleitfaktoren sind wichtig, weil sie zeigen, dass der Zusammenhang eingebettet in soziale und gesundheitliche Rahmenbedingungen auftritt.
Bis zum Alter von 19 Jahren lag die Diagnosehäufigkeit für Angststörungen bei Mädchen bei 4%. Zusätzlich gaben 8% an, Kontakt zu einer ambulanten psychologischen oder psychiatrischen Praxis gehabt zu haben, und 4% hatten psychotrope Medikamente erhalten bzw. eingelöst (u.a. Antidepressiva oder angstlösende Medikation). Bei Jungen waren die Werte niedriger: 1,5% hatten bis dahin eine Angststörung diagnostiziert bekommen, 3,5% hatten Kontakt zur ambulanten Fachbehandlung und 1,4% hatten entsprechende Medikamente. Für Mädchen ergab sich außerdem ein messbarer Zusammenhang: Für jedes Jahr, um das der Beginn der Brustentwicklung früher lag, stiegen die Chancen auf eine Angststörungsdiagnose um 26%. Auch beim Tempo zeigte sich ein Effekt auf soziale Angstsymptome – jedes Jahr früheres Auftreten von Schamhaarbefunden ging mit 49% höheren Odds für selbstberichtete soziale Angstsymptome einher. Spätere pubertäre Entwicklung war dagegen mit einem geringeren Risiko für Angst- und soziale Angstsymptome verbunden; bei Jungen blieben die Ergebnisse inkonsistent, sodass keine belastbare Linie zwischen Timing und Angstdiagnose gezogen werden konnte.
Für die Praxis ergibt sich daraus vor allem eine Konsequenz für die frühe Identifikation: Mädchen mit Anzeichen einer frühen und zugleich schnelleren Pubertätsentwicklung könnten als potenzielle Risikogruppe für subklinische Angst stärker beobachtet werden. Die Studie geht allerdings selbst darauf ein, dass das Studiendesign keine endgültigen kausalen Schlüsse erlaubt. Das heißt: Die Befunde beschreiben Zusammenhänge, nicht „Ursache und Wirkung“ im engen Sinn. Dennoch ist die Richtung der Effekte konsistent genug, um gezielte Unterstützungs- und Interventionsansätze für soziale Angst in der Jugendphase zu motivieren – insbesondere, wenn erste Symptome bereits vorliegen oder Eltern und Betreuungspersonen früh entsprechende Belastung wahrnehmen. In einer Zeit, in der viele Bildungssysteme digitale und psychosoziale Angebote ausbauen, liefert die Arbeit damit ein weiteres Signal dafür, dass Prävention in der Adoleszenz nicht bei einem einzigen Auslöser ansetzen muss, sondern Entwicklungsverläufe mitdenken sollte.
Gleichzeitig bleibt entscheidend, welche Mechanismen hinter dem Muster stehen. In der Studie werden unter anderem soziale Erwartungen, Selbstbewusstheit und die knappe Zeit zur Anpassung an biologische sowie soziale Veränderungen als plausible Erklärungswege diskutiert. Ergänzend zeigen die erwähnten Begleitfaktoren wie Mobbing und Unterschiede im sozioökonomischen Kontext, dass psychische Gesundheit in dieser Phase selten nur über Biologie erklärbar ist. Für weitere Forschung bedeutet das: Neben dem Timing und Tempo der Pubertät sollten Interaktionsmodelle genauer geprüft werden, etwa wie Stressoren, familiäre Ressourcen und der Zugang zu psychotherapeutischer Versorgung die Risiko-Kurve verschieben. Genau dort liegt der nächste Schritt, um aus Risikoindikatoren handlungsfähige Präventionsstrategien abzuleiten.
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