ISTANBUL / LONDON (IT BOLTWISE) – In der Türkei wird viel Vermögen offenbar nicht im Bankensystem geparkt, sondern in physischem Gold und Fremdwährungen. Laut Finanzminister Mehmet Şimşek liegen etwa 640 Milliarden US-Dollar außerhalb der formalen Finanzkanäle. Ökonomen und Behörden sehen darin einen Teufelskreis aus Inflation, geschwächter Kaufkraft und mangelndem Vertrauen. Gleichzeitig fehlt dem System Kapital, das Unternehmen finanzieren und der Geldpolitik Wirkung verleihen könnte.

Gold in der Türkei ist nicht nur Schmuck, sondern Teil der Familienökonomie. An Märkten wie dem Mahmutpaşa Yokuşu in Istanbul wird sichtbar, wie eng Hochzeitsrituale und Vermögensentscheidungen zusammenhängen: Nefise Asker, 23 Jahre alt, will für die kommenden Feierlichkeiten traditionelle Goldgeschenke erhalten und hat nicht vor, diese in ein Bankdepot zu überführen. Für viele Haushalte ist das Motiv dabei weniger kulturelle Nostalgie als praktische Absicherung gegen eine Wirtschaft, die über Jahre von schwankender Inflation und Unsicherheit geprägt war. Die lokal bekannte Praxis „yastık altı altın“ steht genau für diesen Reflex: Geld wird lieber greifbar gehalten als Risiken der Geldentwertung oder institutionelle Unwägbarkeiten außerhalb formaler Konten „auszusitzen“.
Finanzminister Mehmet Şimşek beziffert das Ausmaß der außerhalb des Finanzsystems geparkten Werte: Rund 640 Milliarden US-Dollar sollen in Gold und Fremdwährungen gehalten werden. Dahinter steht die technische Logik der Wertaufbewahrung, allerdings auf Alltagsebene: Wenn die türkische Lira an Wert verliert, sinkt die reale Kaufkraft von Guthaben, während der Preis von Gold in der Wahrnehmung vieler Anleger als stabiler erlebt wird. Der Händler und langjährige Währungs- und Goldmakler Mehmet Ali Yıldırımtürk ordnet das sehr direkt ein und sagt: „Gold is a vital tool for Turks“. Genau diese Perspektive erklärt auch, warum viele den Weg über Banken meiden: Wer Gold physisch erwirbt, kann in der Regel den Umtausch selbst steuern und erlebt weniger „Friktion“ als bei der Umrechnung über Konten, die Gebühren, Spreads oder zeitliche Verzögerungen mit sich bringen können.
Historisch wirkt dabei ein Gedächtnis mit, das in der makroökonomischen Datenwelt oft unsichtbar bleibt. Selva Demiralp, Ökonomin an der Koç University, argumentiert, dass das Verhalten nicht irrational sei, sondern als rationale Reaktion auf eine lange Folge hoher und schwer vorhersehbarer Inflation verstanden werden müsse. Besonders prägend seien zudem frühere Bankenkrisen, die eine dauerhafte Zurückhaltung nähren, Ersparnisse im formalen Bankensektor zu lagern. Demiralp beschreibt außerdem ein Vertrauensproblem, das über einzelne Produkte hinausgeht: In einer von ihr durchgeführten Befragung sollten Menschen auf einer Skala von 0 bis 10 angeben, wie sehr sie zentrale wirtschaftliche Institutionen einschätzen. Dabei lag die Zustimmung zu kommerziellen Banken laut ihrer Darstellung nahe bei „Null“, und auch die statistische Stelle wurde von mehr als der Hälfte der Befragten in einem ähnlichen Bereich bewertet. Wenn Daten, Berichterstattung und Institutionen als unzuverlässig erlebt werden, verschiebt sich die Risikowahrnehmung unmittelbar zugunsten von Sachwerten.
Für die Gesamtwirtschaft wird der Effekt dadurch umso größer, dass der „Schatz im Haushalt“ dem Kreislauf fehlt. Demiralp macht genau diesen Punkt in der Formulierung deutlich: Das Gold werde nicht an Unternehmen ausgeliehen, und ein relevanter Teil müsse zudem jedes Jahr importiert werden. In der Folge ist Kapital nicht „am Arbeiten“, sondern in Form von Lagerbeständen gebunden. Gleichzeitig erschwert diese Kapitalparken-Strategie die politische Steuerung: Wenn der Großteil der liquiden Mittel außerhalb der Banken liegt, können Zentralbank und Aufsichtslogik schlechter beobachten, wie viel Liquidität tatsächlich im System zirkuliert, wie sich Kontoverhalten entwickelt und welche Transmission geldpolitischer Maßnahmen über Kredite oder Einlagen überhaupt greifen kann. Auch die strategische Zielsetzung – Preis- und Währungsstabilität, Investitionsanreize und weniger Arbeitslosigkeit – wird dadurch indirekt schwerer, weil die üblichen Kanäle der Geldpolitik an Wirksamkeit verlieren.
Die Regierung versucht derweil seit Jahren, diesen Geldstrom in die formalen Bahnen zu ziehen. Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat Bürger wiederholt dazu aufgefordert, „das Gold aus dem Versteck unter dem Kopfkissen“ herauszuholen, und dazu Anreize sowie Programme kommuniziert, die physischen Besitz in Bankeinlagen übertragen sollen. Allerdings gelten diese Initiativen aus Sicht vieler Kritiker als zu wenig überzeugend, unter anderem weil unorthodoxe wirtschaftspolitische Entscheidungen und ein harter Eingriff in Finanzinstitutionen das Misstrauen eher verstärkt haben. Yıldırımtürk fasst die Lage als alltägliche Erfahrung zusammen: „The government just hasn’t been able to provide that confidence yet.“ Damit bleibt auch für Hochzeitsgoldeigner wie Asker ein realistisches Bild: Solange Bankkonditionen die reale Kaufkraftverluste bei Inflation nicht spürbar ausgleichen und die Institutionen Glaubwürdigkeit verlieren, wird die Ablage im eigenen Haushalt schwerer überflüssig zu machen.
Für Unternehmen und Marktplätze entsteht daraus ein zweischneidiger Effekt, der über „nur“ Vermögenspsychologie hinausgeht. Einerseits zeigt der Goldhandel, dass es in der Türkei funktionierende private Mechanismen für Preis- und Wechselkurstests gibt – auch weil viele Marktteilnehmer ihre Umrechnung unmittelbar vor dem Kauf prüfen, etwa per Smartphone im Umfeld traditioneller Basare. Andererseits steigt das Risiko, dass der Finanzsektor weniger mobilisiert wird, weil Einlagen als Kreditbasis fehlen, und dass Investitionsentscheidungen stärker von kurzfristigen Währungsbewegungen getrieben sind. Genau hier treffen sich Technikkonzepte wie KI-basierte Risikoanalyse und klassische Finanzdatenlogik: Wenn die Datenlage über tatsächliche Liquidität im System Lücken hat, werden Modelle zur Kreditwürdigkeit oder zur makroökonomischen Prognose weniger robust. KI kann dann zwar Muster in verfügbaren Daten erkennen, aber sie kompensiert nicht zuverlässig eine strukturelle Vertrauenslücke. Für Entscheider bedeutet das: Stabilitätsstrategien in einem Umfeld, in dem „yastık altı“ dominiert, müssen nicht nur Produkte verbessern, sondern die Glaubwürdigkeit von Institutionen und die Transmission von Geldpolitik praktisch erlebbar machen – sonst bleibt Gold für viele die bevorzugte Absicherung.
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