LONDON (IT BOLTWISE) – Bei Automattic sorgte die kurze Abwesenheit von CEO Matt Mullenweg für ein Macht- und Rechtsrampenlicht. In dem rund 33 Stunden langen Zeitraum nach der bezahlten Freistellung unterzeichneten der damalige Interims-CEO Mark Davies und Chief Legal Officer Andy Missan gegenseitige Abfindungsvereinbarungen. Laut den Dokumenten umfassen die Pakete unter anderem 12 Monate Basisgehalt als Einmalzahlung, beschleunigte Equity-Vesting-Phasen und zusätzliche Gesundheitsleistungen. Das Unternehmen prüft nun, ob es zahlen oder die Wirksamkeit der Verträge gerichtlich angreifen muss.

Automattic-Streit: CFO und CLO sichern sich gegenseitige Abfindungen nach Mullenweg-Entmachtung
Automattic-Streit: CFO und CLO sichern sich gegenseitige Abfindungen nach Mullenweg-Entmachtung (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Governance-Konflikt bei Automattic eskaliert nicht nur über Abstimmungen im Vorstand, sondern auch über Vertragsdetails, die in einem späteren Rechtsstreit sehr schwer zu entkräften sein können. Am 9. September hat der Aufsichtsrat Matt Mullenweg mit Bezahlung beurlaubt; die Entscheidung bleibt nach Angaben aus den Unterlagen öffentlich zunächst ohne klare Begründung. Mullenweg selbst machte in einer unternehmensweiten Slack-Nachricht seinem CFO Mark Davies sowie drei weiteren Vorstandsmitgliedern Vorwürfe, sie hätten die Abstimmung hinter seinem Rücken durchdrücken wollen. Außerdem monierte er, er habe nur 50 Minuten Vorlauf gehabt und sei nicht in der Lage gewesen, die Resolution vorab von externem Rechtsrat prüfen zu lassen.

Innerhalb dieses engen Zeitfensters beginnt jedoch eine zweite, organisatorisch und juristisch besonders relevante Spur: Für die Zeitspanne zwischen der Freistellung und der rund 33 Stunden späteren Rückkehr Mullenwegs unterzeichneten zwei zentrale Führungskräfte wechselseitige Exit-Regelungen. Davies, der während dieser Phase Interims-CEO war, und Chief Legal Officer Andy Missan unterzeichneten jeweils die Abfindungsvereinbarung des anderen. Diese Pakete gelten rückwirkend bzw. als wirksam ab dem 10. September. Inhaltlich ähneln sie in ihrer Struktur sogenannten Golden Parachutes: Sie sichern dem jeweiligen Executive 12 Monate Basisgehalt als Einmalzahlung, eine vorgezogene Ausübungs- bzw. Vesting-Logik für das relevante Equity-Paket sowie das Recht, bereits vested stock options auszuüben, außerdem kommt für ein weiteres Jahr eine zusätzliche Gesundheitsabsicherung hinzu.

Entscheidend ist, dass die Summe nicht nur „theoretisch“ in den Büchern steht, sondern unmittelbar in eine mögliche Liquiditäts- und Risikoabwägung des Unternehmens hineinwirkt. Zusammengenommen liegt das Gesamtvolumen der beschriebenen Leistungen bei 8,15 Millionen US-Dollar, die Automattic nach Darstellung der Dokumente beiden Managern schulden würde, sofern die Vereinbarungen wirksam sind und ein entsprechender Auslöser vorliegt. Die interne Rechtsabteilung arbeitet dabei nach eigener Planung an den nächsten Schritten: Entweder werden die Beträge ausgezahlt oder das Unternehmen versucht, die rechtliche Tragfähigkeit anzufechten. Bei der personellen Besetzung rund um das Vorgehen gab es zudem eine Veränderung des externen Anwaltsumfelds; außerdem wird aus dem Umfeld berichtet, dass auch die Aktivierung eines internen Unternehmensaccounts von General Counsel Jordan Hinkes zeitlich auffällig deaktiviert wurde, was zumindest für die Frage nach der internen Rollenverteilung in dieser Phase spricht.

Die Abfindungszahlungen sind in den Verträgen allerdings an Bedingungen geknüpft, die für Unternehmen typischerweise ebenso wichtig sind wie die Höhe. Laut Vereinbarung erhält der jeweilige Manager die Leistungen nur, wenn er ein umfassendes Claim-Release unterschreibt und gleichzeitig die weiterlaufenden Pflichten aus Vertraulichkeit, Nichtabwerbung sowie weiteren postvertraglichen Restriktionen einhält. Darüber hinaus legen die Dokumente einen Maßstab fest, der für die operative Wirksamkeit zentral ist: „Cause“, also der juristische Standard, der eine Kündigung ohne Abfindungsanspruch ermöglichen soll, wird in den Vereinbarungen eng definiert. Als „Cause“ zählen demnach unter anderem grobe Fahrlässigkeit mit wesentlicher Schädigung, bestimmte Formen wissentlich falscher Angaben inklusive Fraud oder Misrepresentation mit materiellem Schaden, materielle rechtliche Verstöße sowie substantielle Verletzungen von Vertraulichkeit oder geistigem Eigentum; ebenso erfasst sind Fälle eines Felony- oder strafrechtlichen Vorwurfs im Zusammenhang mit „moral turpitude“.

Gerade an dieser Stelle zeigen sich die Governance- und Rechtsrisiken in ihrer technischen Logik: Eine enge „Cause“-Definition kann die Verhandlungsposition des Managements verbessern, weil die Hürde für das Unternehmen steigt, um Abfindungen zu vermeiden. Zusätzlich enthält Davies’ Vereinbarung eine Ausnahmeregel, nach der seine Entfernung aus dem Interims-CEO-Rollenprofil nicht als „Good Reason“ zählt, also nicht als klassischer Rücktrittsgrund, der sonst typischerweise Severance auslösen kann, wenn sich die Jobbedingungen zum Negativen verändert haben. Für die Interpretation bedeutet das nicht zwingend „rechtswidrig“, aber es ist auffällig, wie präzise die Vertragsklauseln die konkrete Lage adressieren: Dass Davies während der Beurlaubungsphase Interims-CEO wurde und danach wieder in seine CFO-Rolle zurückfiel, wird damit im Dokument strukturell vorweggenommen. Ein weiterer Punkt, der in der Debatte Gewicht bekommt, ist die Frage nach Aktienpositionen: Es wird berichtet, dass Davies bei seinem Ausscheiden kein Automattic-Aktienpaket hielt; gleichzeitig habe er viele bereits vested, ausübbare Optionen besessen, während laut einer Person aus dem Umfeld der Aktienverkauf „vor einigen Monaten“ erfolgt sei.

Für die weitere Bewertung des Konflikts stehen zwei Deutungsmodelle im Raum, die jeweils unterschiedliche Motivation aus den gleichen Fakten ableiten. In einem Szenario reagiert der Vorstand auf eine interne Führungs- und Kontrollkrise, legt eine Beurlaubung Mullenwegs auf den Tisch und installiert zugleich Schutzmechanismen für Führungskräfte, falls die Maßnahme scheitert. Damit könnte sich auch die Strategie in einem parallelen Rechtsstreit erklären: Im Kontext der Auseinandersetzung mit dem Hosting-Provider WP Engine wird dem CEO Berichten zufolge vorgeworfen, in gerichtlichen Schriftsätzen Beweismittel zerstört zu haben, unter anderem Textnachrichten über Messenger wie Signal, WhatsApp und Telegram. Wie in der Berichterstattung beschrieben, könnte der Vorstand, falls er diese Vorwürfe als erhebliches Unternehmensrisiko einschätzt, die Beurlaubung und die Managementänderung als Signal setzen, dass Bedenken ernst genommen werden; als Unterstützung für eine solche Sicht wird unter anderem ein öffentliches Posting Mullenwegs kurz nach der Vorstandsentscheidung angeführt, in dem er sich auf „spoliation“ bezieht. Im anderen Szenario könnte die Beurlaubung vor allem eine Phase der Kontrolle geschaffen haben, etwa im Umfeld einer strategischen Transaktion; Mullenweg vermutet diese Richtung laut seiner eigenen Darstellung, weil der Vorstand keine detaillierte Begründung für den Start der Maßnahme geliefert habe.

Für Unternehmen und Aufsichtsgremien ist aus IT- und Compliance-Perspektive vor allem relevant, wie schnell sich Governance-Konflikte in Vertragsrisiken übersetzen können. Wenn in kurzer Zeit vertragliche „Cause“-Schranken, „Good Reason“-Ausnahmen und wechselseitige Release-Klauseln angepasst werden, entsteht ein sehr präzises Regelwerk, das spätere Entscheidungen über Kündigung, Rollenwechsel und finanzielle Ansprüche determiniert. Gleichzeitig zeigt der Fall, dass der Umgang mit Dokumentations- und Beweisrisiken in Rechtsstreitigkeiten nicht nur Verfahrensfragen sind, sondern auch Personal- und Rollenentscheidungen beeinflussen. Automattic muss nun abwägen, wie hoch das wirtschaftliche Risiko einer Auszahlung gegen die Kosten einer Anfechtung sind; welche Route am Ende gewählt wird, dürfte stark davon abhängen, ob sich die vertraglichen Definitionen von „Cause“ und die zeitliche Abfolge der Maßnahmen als rechtlich tragfähig darstellen lassen.


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