LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – WACKER CHEMIE stellt auf einem Kapitalmarkttag seine Strategie „Refocus to unlock full potential“ vor und will die Profitabilität deutlich verbessern. Der Konzern peilt für die kommenden Jahre eine EBITDA-Marge zwischen 13 und 17 Prozent an. Investitionen zwischen 300 und 400 Millionen Euro pro Jahr sollen dabei weiterhin klar fokussiert bleiben, um die Kapitalrendite langfristig auf über 10 Prozent ROCE zu heben. Gleichzeitig bleibt das Solar-Polysilicium-Geschäft vorerst herausfordernd.

WACKER CHEMIE setzt mit „Refocus“ auf gezieltes Wachstum und höhere Profitabilität
WACKER CHEMIE setzt mit „Refocus“ auf gezieltes Wachstum und höhere Profitabilität (Foto: IT BOLTWISE)
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WACKER CHEMIE versucht zurzeit, die Bilanz aus operativer Steuerung und Kapitaldisziplin neu auszutarieren: Auf einem Kapitalmarkttag in London stellte der Konzern seine Initiative „Refocus to unlock full potential“ in den Mittelpunkt. Die Kernidee ist nicht einfach „mehr investieren“, sondern Investitionen und Ressourcen stärker an Geschäftsfeldern auszurichten, die im globalen Wettbewerb bereits eine tragfähige Marktposition haben und zugleich strukturell wachsen können. Damit reagiert das Unternehmen auch auf eine Phase, in der die Kennzahlen zuletzt unter Druck standen: Für 2025 wird bezogen auf die Kapitalrendite (ROCE) ein negatives Ergebnis von -3,1 Prozent genannt, zuvor waren es plus 5 Prozent.

Strategisch verknüpft „Refocus“ drei Ebenen: Portfoliosteuerung, Effizienzprogramm und eine konsequente Umsteuerung des Kapitaleinsatzes. Auf der Planungsseite nennt der Konzern für die nächsten Jahre eine Zielspanne bei der EBITDA-Marge von 13 bis 17 Prozent. Gleichzeitig soll das bereits gestartete Kosten- und Effizienzprogramm „Pace“ die operative Basis schaffen, um genau diese Marge in einer nachhaltigeren Form zu erreichen. Entscheidend ist dabei die Botschaft, dass Investitionen zwar stattfinden, aber mengenmäßig und in der Allokation begrenzt bleiben: WACKER CHEMIE will sich mit Investitionen zwischen 300 und 400 Millionen Euro pro Jahr insgesamt unterhalb der Abschreibungen bewegen. In der Praxis ist das ein klarer Hebel für bessere Kapitalrückflüsse, weil es den Kapitalbedarf reduziert und damit die Grundlage für die Verbesserung der Kapitalrendite stärkt.

Technisch betrachtet ist ROCE dabei weniger eine „einzige Kennzahl“, sondern das Ergebnis mehrerer Wirkungen entlang der Wertschöpfung. Wenn Investitionen unter dem Niveau der Abschreibungen liegen, verringert sich typischerweise die Kapitalbindung in Anlagevermögen; das senkt bei gegebenem Ergebnis grundsätzlich den Nenner der ROCE-Berechnung. Parallel spielt die Portfoliosteuerung eine Rolle: CFO Tobias Ohler beschreibt als „zentralen Kern“ das systematische Bewerten und Kategorisieren der Produktgruppen nach globalen Marktbedingungen, Marktposition und Nachfrage. Das ist ein Ansatz, der in vielen Spezialchemie-Portfolios als Managementlogik bekannt ist: Nicht alle Produktlinien erhalten denselben Kapitaleinsatz, sondern sie werden nach ihrer erwarteten risikoadjustierten Rendite priorisiert. WACKER CHEMIE nennt dabei ausdrücklich den Plan, die Kapitalrendite dauerhaft auf über 10 Prozent zu steigern – ein Ziel, das nur dann glaubwürdig wird, wenn Marge und Kapitalbindung gleichzeitig in Richtung Verbesserungszone laufen.

Operativ setzt der Vorstand nach Darstellung des Unternehmens auf eine klare Unterscheidung zwischen Wachstumsteilen und „Exzellenz“-Bereichen. CEO Christian Hartel will Investitionen und Ressourcen gezielt auf Geschäfte mit besonders attraktiven strukturellen Wachstumsperspektiven konzentrieren, wobei als Beispiele vor allem Anwendungen in Elektronik, Gesundheit und Mobilität genannt werden. Für etablierte und bereits gut ausgebauten Geschäfte dagegen steht operative Exzellenz im Vordergrund. Das ist in der Chemiebranche ein häufig verwendetes Muster: Wachstumsfelder erhöhen die Perspektive, während reife Segmente über Prozessstabilität, Ausbeute und Engineering-Disziplin die Ergebnisqualität stützen sollen. Der Nutzen zeigt sich außerdem in der Planungssicherheit für das laufende Jahr: Hartel sagte für das dritte Quartal, man rechne mit einem EBITDA „auf dem Niveau des zweiten Quartals“. Gleichzeitig wurde das Solar-Polysilicium-Geschäft als herausfordernd eingeordnet – was typischerweise bedeutet, dass Nachfrage-, Preis- oder Margentreiber in diesem Segment kurzfristig nicht die gleiche Stabilität wie in anderen Bereichen liefern.

Dass die Marktreaktion auf solche Details nicht nur psychologisch ist, zeigt der Blick auf die Aktie. Trotz eines eingetrübten Ausblicks wurde WACKER CHEMIE-Aktien laut den Handelsdaten am Donnerstag vorbörslich gefragt: Auf Tradegate stiegen sie im Vergleich zum XETRA-Schlusskurs vom Vortag um 2,1 Prozent auf 90,55 Euro. Im Haupthandel belief sich das Minus am selben Tag zeitweise auf 1,02 Prozent, die Notierung lag dabei bei 87,75 Euro. Für Anleger ist in so einem Umfeld oft weniger die einzelne Tagesbewegung entscheidend als die Erwartungsbildung über mehrere Quartale hinweg. In der Kursbilanz für 2026 wird dem Konzern ein Plus von knapp 30 Prozent zugeschrieben, was auf eine recht konkrete Marktannahme hindeutet, dass „Refocus“ tatsächlich in bessere Margen und Renditen übersetzt wird.

Aus Branchenperspektive ist die Verbindung von Portfolio-Ausrichtung und Renditezielen besonders relevant, weil die Spezialchemie in den letzten Jahren in vielen Märkten gleichzeitig mit Energie- und Rohstoffvolatilität sowie zyklischen Nachfrageschwankungen kämpfen musste. Strategien wie „Pace“ wirken dabei wie ein internes „Renditeschraubwerk“: Kosten- und Effizienzprogramme sind in der Regel dann am wirksamsten, wenn sie nicht als einmalige Kostensenkung verstanden werden, sondern als struktureller Umbau von Prozessen, Einkauf und Kapazitätssteuerung. Daneben ist die Zielspanne bei der EBITDA-Marge von 13 bis 17 Prozent ein Signal, das sich an typischen Bewertungslogiken orientiert: Wenn Investoren die EBITDA-Qualität (Marge) höher gewichten, sinkt der Fokus allein auf Umsatzwachstum, und Kapitalrenditen rücken stärker in den Vordergrund. Genau hier versucht WACKER CHEMIE mit der ROCE-Zielmarke über 10 Prozent eine klare Zielarchitektur zu setzen.

Für Unternehmen und Entscheider aus der Industrie lässt sich daraus ein praktischer Schluss ziehen: Solche Strategien betreffen nicht nur die Bilanz, sondern auch die Art, wie Projektportfolios, Capex-Pipelines und Produktionsentscheidungen in der Breite gesteuert werden. Wenn Investitionen künftig noch stärker kategorisiert werden – also nach globalen Marktbedingungen und Nachfrage – verschiebt sich häufig auch die Zusammenarbeit entlang der Lieferkette: Lieferanten und Entwicklungsdienstleister werden eher dort priorisiert, wo langfristig die höhere Kapitalrendite erwartet wird. Gleichzeitig bleibt die Botschaft aus dem laufenden Geschäft wichtig: Selbst wenn die Gesamtstrategie auf Ergebnis- und Effizienzhebel setzt, kann ein Segment wie Solar-Polysilicium kurzfristig weiterhin die Volatilität erhöhen. Für die Umsetzung von „Refocus“ wird daher entscheidend sein, ob die EBITDA-Marge-Zielspanne über mehrere Quartale hinweg plausibel in die Praxis überführt wird und ob der Konzern die ROCE-Verbesserung nicht nur rechnerisch, sondern operativ stützt.


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