LONDON (IT BOLTWISE) – Die Aktien von AMD, NVIDIA und Marvell setzen die Erholung nach dem KI-Ausverkauf fort. AMD gewinnt im vorbörslichen US-Handel weitere 2,71 % auf 526,45 US-Dollar, NVIDIA legt um 1,38 % auf 216,86 US-Dollar zu. Hintergrund der Gegenbewegung ist vor allem die Einordnung der jüngsten KI-Debatte durch Analysten. Gleichzeitig bleiben Zinsniveau, Exportkontrollen und die Lage rund um Taiwan die entscheidenden Unsicherheitsfaktoren.

KI-Halbleiter erholen sich: Was Anleger bei AMD, NVIDIA und Marvell jetzt prüfen sollten
KI-Halbleiter erholen sich: Was Anleger bei AMD, NVIDIA und Marvell jetzt prüfen sollten (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Erholung bei KI-Halbleiteraktien läuft nicht leise an, sondern zieht sich über mehrere Segmente hinweg. Am Donnerstag kletterten etwa AMD und NVIDIA im vorbörslichen US-Handel wieder nach oben: AMD stieg um 2,71 % auf 526,45 US-Dollar, NVIDIA gewann 1,38 % auf 216,86 US-Dollar. Auch Marvell machte Tempo und legte um 3,10 % auf 236,82 US-Dollar zu; Teradyne rutschte nicht weiter ab, sondern verbesserte sich um rund 2,88 % auf 350,99 US-Dollar. Intel zog ebenfalls an und kletterte um gut drei Prozent auf über 104 US-Dollar. Die Kernaussage dahinter: Der Verkaufsdruck aus der vorangegangenen Sitzung war zwar kräftig, wirkt aber offenbar eher wie eine Neubewertung als wie ein sofortiger Nachfrageknick bei Rechenleistung.

Für die kurzfristige Neubewertung sorgte eine Debatte, die in der Branche schnell auf die Bewertungsmodelle durchschlägt. Auslöser des Kurssturzes war ein Essay von Anthropic-Chef Dario Amodei, in dem er ein langsameres KI-Entwicklungstempo forderte und vor autonomen KI-Agenten warnte. Sam Altman schloss sich dem nach dem Bericht indirekt an, indem er den für dieses Jahr geplanten Börsengang von OpenAI aufschob. In der Folge deuteten Anleger den Richtungswechsel zunächst als Signal, dass Unternehmen weniger zügig in Rechenzentren und KI-Infrastruktur investieren könnten. Genau an dieser Stelle setzt die Gegenposition an: KC Rajkumar, Analyst bei Lynx Equities Strategies, hält die Lesart für überzogen, weil seine Überprüfung der Lieferkette keine Verlangsamung bei den GPU-Auslieferungen ergeben habe.

Technisch betrachtet ist eine solche Lieferkettenprüfung entscheidend, weil sich Produktions- und Liefermuster selten über Nacht ändern. Rajkumars Argumentation lautet, dass sich vom Silizium bis zur Verpackung ein unverändertes Bild zeige: keine stornierten Aufträge bei Speicher- und Flash-Bauteilen und keine geänderten Lieferpläne bei den Ausrüstern. Damit entfällt der naheliegende Mechanismus, der aus einer KI-Debatte automatisch eine geringere Nachfrage nach Hardware machen würde. Auch aus dem Essay selbst lasse sich keine konkrete Forderung nach einem langsameren Ausbau der Hardware ableiten. Für Investorinnen und Investoren übersetzt sich das in eine praktische Leitfrage: Handelt es sich bei der aktuellen Kursbewegung überwiegend um eine Bewertungskorrektur durch Stimmungs- und Makroeffekte – oder gibt es belastbare, operative Hinweise auf ein nachlassendes Investitionsniveau in GPU-, Netzwerk- und Speicherkapazitäten?

Die zweite Ebene der Argumentation kommt aus dem Makrobereich und wirkt häufig direkter auf Wachstumswerte. Rajkumar macht als eigentliche Treiber nicht die KI-Debatte aus, sondern steigende Renditen langlaufender Anleihen und geopolitische Spannungen. Genannt werden dabei Exportkontrollen zwischen den USA und China sowie Risiken rund um Taiwan. Genau diese Faktoren verändern nicht nur die erwarteten Finanzierungskosten, sondern auch die Bewertung künftiger Cashflows, weil langlaufende Titel stärker auf Diskontierungssätze reagieren. Entscheidend war zusätzlich ein unmittelbarer realer Datenpunkt: Die US-Notenbank hob den Leitzins um 25 Basispunkte auf eine Spanne von 3,75 bis 4,00 Prozent an. Die erste Zinserhöhung seit 2023 traf den Markt zwar weitgehend vorbereitet; da der Schritt bereits teilweise eingepreist war und Fed-Chef Kevin Warsh ihn mit dem Kampf gegen die nochmals erhöhte Inflation begründete, hielt sich die Kursreaktion in Grenzen. So konnte die Erholung bei den Chipwerten über den Sitzungstag hinaus bis in den Donnerstag fortsetzen.

Für Anleger heißt das zunächst nicht „Entwarnung“, sondern ein anderer Fokus beim Abwägen. Operativ könnte eine Korrektur dann eher eine Bewertungsdelle gewesen sein, falls Rechenzentrums- und GPU-Investitionen hoch bleiben. NVIDIA arbeitet in diesem Kontext nach dem Bericht daran, die Abhängigkeit von wenigen Großkunden zu reduzieren, unter anderem durch die Übernahme der Entwicklerplattform Hugging Face, die bereits Anfang September vereinbart wurde. Solche Schritte sind in der Praxis wichtig, weil sie den Umsatzmix diversifizieren und damit die Risikowahrnehmung der Märkte verändern können. Gleichzeitig bleiben konkrete Belastungen: Mit der erneuten Wiedereröffnung des Straffungszyklus rückt die Frage nach weiteren Zinsschritten wieder in den Vordergrund, und bei hoch bewerteten Wachstumswerten schlagen steigende Anleiherenditen besonders spürbar durch. Hinzu kommt, dass Börsengänge im KI-Lager sich verzögern können; wenn etwa ein geplanter OpenAI-Event nicht wie erwartet stattfindet, könnten sich erwartete Bewertungsgewinne aus Milliardenbeteiligungen dämpfen.

Damit verschiebt sich die eigentliche Wette hinter einer Rückkehr in den Markt: Wer den Rucksetzer nutzt, kauft nicht nur die Nachfragestory, sondern geht zugleich ein Risiko gegenüber dem Zinsdruck ein. Der nächste belastbare Datenpunkt dürften laut Bericht die kommenden US-Inflationsdaten sein, weil sich daran ablesen lässt, ob die Fed noch einmal nachlegt. Ob die Erholung dann nachhaltig wird, hängt folglich weniger an der Debatte über das Tempo der KI-Entwicklung als an dem Zusammenspiel aus Zinsen, Renditeerwartungen und geopolitischer Lage. Für die Praxis bedeutet das: Wer sich jetzt positioniert, sollte besonders prüfen, ob die Unternehmenskommunikation und die Lieferkettenindikatoren mit dem Kursbild „stabile Nachfrage“ konsistent bleiben – und ob der Zinskanal den Bewertungsfaktor weiter zu stark belastet.


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