SHENZHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – In der KI-Welt zeigen sich ungewöhnliche Muster: Gründer und Investoren verknüpfen ihre Kontaktpflege wieder mit Zigarettenpausen. Der Co-Creator von Revamp AI beschreibt, wie eine Geschäftsbeziehung in Shenzhen erst über Essen und Rauchrunden persönlicher wurde. Auch in San Francisco treffen viele Singles und Teams Entscheidungen außerhalb des Pitch-Decks, oft vor oder nach einem Drink in der Nähe der Bar. Die zentrale Frage bleibt, warum sich die Tech-Kultur trotz Gesundheitsdiskussionen an einer Nebenhandlung festbeißt.

Dass Tech-Startups in der Öffentlichkeit für Wellness, Schlafoptimierung und „Disziplin“ stehen, kollidiert an manchen Orten mit einem sehr praktischen Ritual: dem Zigarettenstummel. In den Erzählungen aus dem Silicon-Valley-Umfeld tauchen Zigaretten weniger als „Nikotin-Konsum“ auf, sondern als sozialer Auslöser für Gespräche, Standortwechsel und informelle Entscheidungen. Besonders auffällig ist dabei, wie stark das Thema rund um KI-Produkte und frühe Finanzierung in den Berichten präsent bleibt: Ein Gründer von Revamp AI schildert, dass die Beziehung zu einem „enormen“ chinesischen Technologieunternehmen erst über gemeinsames Essen, Baijiu und viele Zigaretten von einer reinen Lieferanten-Kunden-Dynamik zu etwas Persönlicherem wurde. Und während das offizielle Narrativ der Branche oft lautet, „Draußen“ sei nur zum Auftanken da, wird „Draußen“ in diesen Momenten zu einer Bühne für Verhandlung, Vertrauen und nicht selten auch für das Durchbrechen von Sprachbarrieren.
Technisch betrachtet ist die Zigarette natürlich kein Performance-Tool, und der Nutzen bleibt sozial statt algorithmisch. Trotzdem lässt sich die Wirkung plausibel erklären: Rauchpausen erzeugen feste Zeitfenster, in denen sich hierarchische Rollen vorübergehend auflösen. In den Schilderungen heißt das konkret, dass Investoren und Gründer sich „ohne Agenda“ begegnen, etwa beim Spaziergang oder draußen vor einem Café. Einer der Investoren wird dabei so beschrieben, dass er Gründer schon früh sieht, teils noch bevor überhaupt ein Pitch-Deck existiert, und dass er dabei auch beobachtet, wann und wie Gründer zur Zigarette greifen. Entscheidend ist nicht, dass er den Tabakkonsum gutheißen würde, sondern dass die „Guard“-Ebene sinkt, also Hemmungen abnehmen, wenn man in einer Situation ist, die von vielen als ungezwungen empfunden wird.
Der Markt- und Kulturkontext verstärkt den Effekt. In den Berichten wird betont, dass Rauchen in den USA historisch stark zurückgegangen ist: 1966 lag der Anteil erwachsener Raucher laut Centers for Disease Control and Prevention bei über 40%, bis 2022 sank er auf 11,6%. In der Tech-Industrie, in der „Longevity“ quasi als offizielles Dogma gilt, sind dafür vapes und Zyns als work-taugliche Alternativen präsent. Gleichzeitig entsteht aber eine Gegenbewegung, die sich wie ein Gegenentwurf zu „Optimierung“ liest: Während andere mit Produktivitäts- und Gesundheitsroutinen die Tagesform maximalisieren, erzählen einige Entwickler von Kettenrauchen in Coding-Sprints – nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel gegen die monotone Reibung langer Arbeitstage. In dieser Spannung wirkt die Zigarette wie eine Art „Cignal“: weniger messbar als ein Metrik-Dashboard, aber spürbar im Verhalten rund um Treffen, Recruiting und auch um Auswahlentscheidungen.
Besonders interessant wird das Thema dort, wo Zigaretten in die Finanzierung und in Recruiting-Entscheidungen hineinspielen. Ein Startup-Gründer namens Revamp AI wird in dem Zusammenhang so eingeordnet, dass er nach Rauchgesprächen Mitarbeitende eingestellt hat. Ein weiterer Seed-Investor beschreibt, dass er sich nach dem Anblick des Gründers „mehr“ sicher fühlte – nicht weil er den Geschmack von Marlboro Reds oder einen bestimmten Brand-Index bewertet, sondern weil die Szene eine persönliche Seite sichtbar macht. Auch ein Gründer aus dem Krypto-Umfeld, der seinen Namen nicht nennen möchte, erzählt von einem Gespräch in einer Kava-Bar in Miami, begleitet von Rauchern in der Ecke: In dieser Konstellation kam es zum Dialog über sein Startup und zu einer Woche später erfolgten Unterschrift unter einen Investment-Check. Solche Geschichten sind natürlich anekdotisch, aber sie zeigen ein Muster: Zigarette fungiert als Gesprächsöffner, und daraus kann sehr konkret Kapital folgen.
Gleichzeitig wandelt sich das Motiv je nach Hintergrund. Historisch gibt es in Tech immer wieder Nähe zu Tabak: Robert Noyce, in der Erzählung als „Mayor of Silicon Valley“ bezeichnet, soll Kettenraucher gewesen sein, Atari-Mitarbeitende sollen „special cigarettes“ am Produktionsband genutzt haben, und die Popkultur rund um „Silicon Valley“ wird ebenfalls mit einzelnen Rauchmomenten verknüpft. Heute bleibt das Bild regional: In San Francisco wird es in den Berichten als wahrscheinlicher beschrieben als etwa in Seattle, wo eher Manager und seniorere Mitarbeitende sichtbar seien. Dazu kommt ein internationales Element. Angesprochen werden etwa Zigaretten aus China und Japan, einschließlich Geschmacksprofilen, die als „berry-like“ beschrieben werden. Ebenso wird erwähnt, dass in der Tech-Community Immigrationsbiografien eine Rolle spielen: In Europa und Asien seien Rauchraten traditionell höher, und die Nähe zu Herkunftsgewohnheiten könne sich in ein neues Setting übertragen, etwa in Netzwerke im Umfeld von Palo Alto.
Am deutlichsten verdichtet sich der Konflikt, wenn die Zigarette als absichtliches Störsignal eingesetzt wird. In den Berichten wird ein Fall genannt, in dem ein Gründer für ein KI-Produkt-Launchvideo mit Zigaretten provozierte, um Reaktionen in sozialen Netzwerken auszulösen: Gesundheitsbewusste Techies hätten es als „insane“ eingeordnet, echte Raucher als „Kulturelle Aneignung“ – doch beides erzeugte Aufmerksamkeit. Andere kontern den Widerspruch mit einer Art „Cancel out“-Logik: Wer Sauna- und Kälte-Programme für teures Geld bucht, könnte damit versuchen, moralische oder körperliche Ausgleichshandlungen zu schaffen. Und wieder andere sehen die Zigarette als bewusstes, aggressiv ineffizientes Tool: nicht produktiv im Sinne von „Output pro Stunde“, sondern nützlich, weil es gerade die starre Effizienz entkoppelt. Damit verschiebt sich die Diskussion: Es geht nicht nur um Gesundheit, sondern um Identität, Zugehörigkeit und den Umgang mit Widersprüchen in einer Wellness-lastigen Kultur.
Für Unternehmen und KI-Teams steckt darin eine praktische Lehre, weniger aus Gesundheitsgründen, sondern aus Kommunikations- und Teamdynamik. Rauchpausen sind ein „Sync Point“ im Alltag: Sie schaffen zwangsläufig Interaktion außerhalb von Ticket-Systemen, Roadmaps und Status-Calls. Wer in einer Organisation also bewusst informelle Räume entwirft – etwa kurze Outdoor-Slots, Lounge-Zonen oder geführte Networking-Formate ohne Kaufzwang – kann ähnliche soziale Funktionen abbilden, ohne dass sich Verhalten an einer umstrittenen Gewohnheit „aufhängt“. Gleichzeitig bleibt die zentrale Beobachtung: In einer Branche, die auf Messbarkeit und Optimierung getrimmt ist, erscheinen Zigaretten in diesen Stories als radikal menschliches Gegenstück. Und solange frühe Beziehungen, Vertrauen und das „Runterfahren des Guards“ in Startups entscheidend sind, wird das Thema als kulturelles Nebenmotiv immer wieder auftauchen.
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