CHINA / LONDON (IT BOLTWISE) – Xiaomi überträgt das Nachtraining neuer MiMo-KI-Modelle MiMo-V2.6 Pro und Flash öffentlich per Dashboard. Das Unternehmen legt dabei minutengenau sowohl technische Metriken als auch die anfallenden Kosten offen. Die Teamchefin Luo Fuli nennt Trainingskosten von bis zu 31.000 US-Dollar pro Trainingsstunde. Die Xiaomi-Aktie steigt am Handelstag um 1,8 Prozent auf 2,93 Euro.

Beim MiMo-Nachtraining setzt Xiaomi auf eine ungewöhnlich offene Form der Entwicklungsdokumentation. Anstatt das Reinforcement-Learning-Ergebnis erst nach dem Abschluss in die Öffentlichkeit zu bringen, zeigt der chinesische Technologiekonzern den laufenden Prozess direkt über ein Dashboard. Sichtbar werden dabei nicht nur klassische Fortschrittsanzeigen wie Evaluierungskurven, sondern auch betriebsnahe Kennzahlen wie der Token-Verbrauch. Für Teams, die KI-Entwicklung operativ steuern, ist genau diese Kombination aus wissenschaftlicher Metrik und „Kosten-Taktung“ entscheidend, weil sie den Übergang vom Experiment zur wiederholbaren Pipeline messbar macht.
Technisch betrachtet basiert das Training auf Reinforcement Learning, also auf einem Ansatz, bei dem ein Modell über Rückmeldungen aus Umgebungen optimiert wird. Xiaomi beschreibt, dass das Team nach der Veröffentlichung des Vorgängermodells MiMo-2.5 im April fast ein halbes Jahr lang an den Skalierungsgrenzen dieser Trainingsmethode geforscht hat. Jetzt soll die Skalierung in drei Dimensionen erfolgen: über mehr Rechenressourcen, über Anpassungen an Aufgaben- und Trainingsumgebungen sowie über eine präzisere Reward-Evaluierung. Diese Struktur ist ein Hinweis darauf, dass das Unternehmen nicht nur „mehr Hardware“ nachrüstet, sondern auch versucht, Engpässe in der Trainingsdynamik zu reduzieren, etwa bei der Qualität der Belohnungssignale oder der Effizienz der jeweiligen Trainingsumgebung.
Besonders aufmerksamkeitsstark ist die Preistransparenz: Luo Fuli beziffert Trainingskosten von bis zu 31.000 US-Dollar pro Stunde. Damit verschiebt sich die Diskussion weg vom reinen Modell-„Capability“-Marketing hin zu einer knallharten Betrachtung der Kosten pro Iteration. Das ist für Entscheider in Unternehmen relevant, weil Rechenbudgets und Zeitpläne in der KI-Entwicklung zunehmend zu einem Engpass werden, der sich nicht allein über bessere Daten oder neue Architekturen lösen lässt. Umso stärker wirkt die Idee, die Ausgaben minutengenau zusammen mit Evaluierungsergebnissen darzustellen: So können Beobachter besser einschätzen, wie effizient eine Verbesserung erzielt wird, statt nur den finalen Sprung in einem Leaderboard zu sehen.
Xiaomi verknüpft diese Softwarearbeit zudem mit der kommenden Endgeräte-Strategie. Die Entwicklung ist nicht als rein akademisches Nebenprojekt beschrieben, sondern als Baustein für die direkte Integration in das eigene Ökosystem. Ende September soll in China die Smartphone-Serie Xiaomi 18 Pro offiziell vorgestellt werden; bei dieser Modellreihe setzt der Konzern unter anderem auf ein rückseitiges Zweitdisplay. Nutzer können dort mit KI eigene Minianwendungen erstellen, was die Frage nach latenzarmen KI-Funktionen und einer passenden Modellverteilung zwischen Gerät und Cloud in den Vordergrund rückt. Für die Praxis heißt das: Sobald KI-Fähigkeiten in UI-nahe Funktionen wandern, wird die Kombination aus Modelltraining, Inferenzkosten und Geräteprofilen zur zentralen Produktarchitektur – und nicht nur zur Hintergrundforschung.
Auch aus Finanzsicht fügt sich das Bild zu einem klaren Investitionsmuster: Die Forschungs- und Entwicklungsausgaben des Konzerns lagen im zweiten Quartal 2026 bereits bei 9,2 Milliarden Renminbi. Für das Gesamtjahr 2026 peilt das Management ein Forschungsbudget von mehr als 40 Milliarden Renminbi an. Solche Größenordnungen deuten darauf hin, dass KI-Infrastruktur und Plattformentwicklung als dauerhaftes Fundament behandelt werden, während neue Wachstumsfelder wie Elektromobilität parallel vorangetrieben werden. In der Marktlogik ist das nachvollziehbar, weil sich KI-Kompetenz nicht nur in Modellen ausdrückt, sondern in der Fähigkeit, Trainings- und Deploymentschleifen industriell zu betreiben – von Datenpipelines über MLOps bis hin zur Integration in reale Consumer-Produkte.
Für die nächsten Wochen kündigt Xiaomi weitere Details zu den Modellen an, die als Open Source bereitgestellt werden sollen. Das passt zu einem Trend, bei dem Unternehmen Transparenz nicht nur als Marketinginstrument nutzen, sondern auch als Beschleuniger für die Community-Validierung. Gleichzeitig bleibt entscheidend, welche Teile der Trainings- und Evaluierungsumgebung veröffentlicht werden: Open-Source-Modelle helfen zwar beim Nachbau der Inferenz, aber die tatsächliche Reproduzierbarkeit hängt oft an Trainingseinstellungen, Reward-Design und den verwendeten Umgebungen. Wenn Xiaomi hier den Nachtraining-Ansatz und die zugehörigen Werkzeuge nachvollziehbar macht, könnte das auch Entwickler außerhalb des eigenen Hauses anziehen – insbesondere dann, wenn die Kosten- und Effizienzlogik so klar offengelegt wird wie im laufenden Dashboard.
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