LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie verknüpft Kaltblütigkeit, sadistische Neigungen und das Interesse an militärischen Themen mit der Zustimmung zu Gewalt gegen Israel und gegen Hamas. Während politische Ansichten und Gruppenidentität typischerweise dazu führen, dass Gewalt nur „für die eigene Seite“ unterstützt wird, bleiben psychopatische und sadistische Merkmale über Parteigrenzen hinweg signifikant. In zwei Online-Erhebungen zeigte sich zudem, dass moralische Entkopplung und eine Faszination für Militarismus diesen Zusammenhang teilweise erklären. Die Ergebnisse beruhen jedoch auf Selbstauskünften und sind nicht direkt auf die Konfliktregion übertragbar.

Die Annahme, politische Gewalt werde vor allem entlang der eigenen Gruppenidentität bewertet, wirkt in polarisierten Konflikten zunächst plausibel: Wer einer Seite nahesteht, rechtfertigt deren Handlungen eher, während Gewalt der Gegenseite schnell als inakzeptabel gilt. Genau dieses Muster findet sich auch in den Daten einer neuen psychologischen Untersuchung zum Konflikt zwischen Israel und Hamas. In der Gesamtbetrachtung lagen Befürwortungen gewaltsamer Handlungen durch die eine Seite und durch die andere Seite nicht gleichzeitig hoch; vielmehr zeigte sich ein negatives Zusammenspiel, das zu einem actor-spezifischen Blick auf Gewalt passt.
Dabei geht es aber nicht um den „typischen“ Mechanismus, sondern um die Frage, ob bestimmte Persönlichkeitsmerkmale diese parteigebundene Loyalität übersteuern können. Die Forschenden um Tobias Greitemeyer von der Universität Innsbruck ordneten vier sogenannte Dark-Tetrad-Merkmale zusammen, die in der Psychologie seit längerer Zeit als sozial aversive Dispositionen beschrieben werden: Narzissmus (Grandiosität und Anspruchsdenken), Machiavellismus (manipulatives, zynisches Vorgehen), Psychopathie (u. a. geringe Empathie und Impuls-/Belohnungsorientierung) sowie Sadismus (Genuss am Leiden anderer). Entscheidend ist: In der Studie zeigen gerade Psychopathie und Sadismus nicht nur eine spezifische, sondern eine generalisierte Tendenz, Gewalt zu bejahen – und zwar unabhängig davon, welche Konfliktpartei die jeweilige Gewalt ausübt.
Technisch und methodisch setzt die Arbeit bei zwei getrennten Online-Studien an, um das Muster nicht nur einmal zu sehen. Studie eins umfasste 257 deutschsprachige Teilnehmende, überwiegend aus Österreich und Deutschland. Diese füllten standardisierte Fragebögen aus, die sowohl die Ausprägungen der Dark-Tetrad-Merkmale als auch politische Orientierung, generelle Einstellungen zu Krieg und Frieden sowie die konkrete Unterstützung gewaltsamer Handlungen durch Israel bzw. durch Hamas erfassten. In dieser ersten Erhebung blieb das parteispezifische Muster zwar statistisch sichtbar: Wer Gewalt der einen Seite billigte, unterstützte eher seltener Gewalt der anderen Seite. Nach Berücksichtigung der Persönlichkeitsdimensionen drehte sich das Bild allerdings für zwei Merkmale: Psychopathie und Sadismus sagten die Zustimmung zu Gewalt auf beiden Seiten positiv voraus; Narzissmus und Machiavellismus zeigten dieses robuste, cross-actor Verhalten dagegen nicht konsistent. Zusätzlich wurden in den Daten Alters- und Geschlechtsunterschiede sichtbar, die vor allem in Richtung einer stärkeren Unterstützung israelischer Handlungen und einer weniger ausgeprägten Zustimmung zu Hamas-Gewalt interpretiert wurden.
Im zweiten Studiendesign testeten die Forschenden, ob sich das Muster in einer größeren Stichprobe stabil reproduzieren lässt. Dafür wurden 470 Teilnehmende aus dem Vereinigten Königreich rekrutiert. Zusätzlich zu den Dark-Tetrad-Merkmalen erhoben die Teilnehmenden hier zwei Variablen, die als psychologische „Brücken“ zwischen Persönlichkeit und Gewaltbefürwortung dienen könnten: erstens das Interesse an Militarismus, also die Faszination für Waffen, Spezialeinheiten und martialische Themen; zweitens die Neigung zu moralischer Entkopplung, bei der schädliche Handlungen mental so umgedeutet werden, dass man die eigenen moralischen Standards ohne Schuldgefühl suspendieren kann. Die Ergebnisse spiegelten das erste Studiendesign: Insgesamt blieb die negative Korrelation zwischen Israel- und Hamas-Unterstützung bestehen, doch Psychopathie und Sadismus sagten erneut eine beidseitige Gewaltakzeptanz voraus. Interessant war dabei die Feingrenze bei den anderen Merkmalen: Narzissmus zeigte eine Verbindung zur Unterstützung für Hamas-Gewalt, während Machiavellismus in dieser größeren Stichprobe keine verlässliche Assoziation mit der Zustimmung zu Gewalt auf irgendeiner Seite zeigte.
Auch wenn diese Zusammenhänge statistisch klar erkennbar sind, erklären sie nicht alles. Die Daten deuten an, dass Interesse am Militarismus und moralische Entkopplung den Zusammenhang zwischen Psychopathie bzw. Sadismus und Gewaltunterstützung für die israelische Seite teilweise vermitteln. Für die Hamas-Seite fehlte jedoch ein entsprechendes Erklärungsmuster; das spricht dafür, dass je nach Konfliktpartei unterschiedliche kognitive Pfade wirken könnten. Die Autorinnen und Autoren versuchen damit, weniger „ein Gesamtmodell der Gewalt“ zu liefern, sondern eher die plausiblere Idee, dass dieselbe Persönlichkeitsdisposition in verschiedenen politischen Kontexten nicht identisch verarbeitet wird. Das passt auch zu früheren Arbeiten, die in ähnlicher Richtung Dark-Triade- bzw. Dark-Tetrad-Ansätze mit Gewalt- und Feindbildparametern verknüpften, darunter Forschung zu moralischer Entkopplung und zu antisemitschen Einstellungen, die jeweils über eigene Fragebogenlogiken erhoben wurden.
In den begleitenden Kommentaren wird betont, dass die Studie die Verbindung von Persönlichkeitspsychologie und politischer Psychologie stärker zusammenzieht. Tomislav Pavlović, der am MOTIKA-Projekt arbeitet, erklärte, die Ergebnisse bestätigten frühere Befunde und zeigten zusätzlich explizit, dass hohe Werte – besonders bei Psychopathie und Sadismus – eine Zustimmung zu politischer Gewalt über mehrere, teils direkt gegensätzliche Gruppen hinweg wahrscheinlicher machen. Anja Wertag vom Ivo Pilar Institute of Social Sciences hob derweil hervor, dass die Studie vor allem die Bedeutung eines integrierten Blicks zeigt, zugleich aber auch methodische Vorsicht nahelegt. Die Studie selbst adressiert mehrere Einschränkungen: Die Befragungen basieren auf Selbstauskünften, die in sensiblen politischen Themen die Tendenz zu sozial erwünschten Antworten haben können. Außerdem handelt es sich um nicht-repräsentative Online-Stichproben aus Europa, und keines der Stichprobenmitgliedschaften stammt aus Israel oder Gaza. Zudem erlaubt das querschnittliche Studiendesign keine eindeutige Kausalität; es könnte auch Medienkonsum über Gewalt sein, der psychologische Zustände beeinflusst.
Die praktische Relevanz liegt daher weniger darin, „Persönlichkeit“ als alleinigen Treiber politischer Haltung darzustellen, sondern darin, welche Einflussfaktoren man bei der Risiko- und Kommunikationsanalyse ernst nehmen sollte. Wenn Psychopathie und Sadismus in beiden Studien einen Anteil an der Varianz in der Gewaltunterstützung erklären – Wertag nannte hierfür eine Größenordnung von 5 bis 8 % – dann bedeutet das: Politische Einstellungen und soziale Identität bleiben wichtig, aber sie sind nicht das komplette Bild. Für Unternehmen, Verwaltungen und Plattformbetreiber ist das ein Hinweis, dass Maßnahmen gegen Polarisierung nicht nur auf Inhalte und Informationsräume zielen, sondern auch auf die Mechanismen, über die Menschen moralische Schranken aussetzen oder sich durch militaristische Narrative emotional stabilisieren. Gleichzeitig bleibt die wissenschaftliche Aufgabe offen, die Messinstrumente zu verbreitern und die Befunde in anderen Konfliktumfeldern zu prüfen, um zu klären, wie robust solche psychologischen Pfade wirklich sind. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse in Personality and Individual Differences, unter dem Titel When darkness overrides partisanship: Psychopathy and sadism predict support for violence on both sides of the Israel–Hamas conflict.
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