LONDON (IT BOLTWISE) – KKR-Chefstratege McVey erklärt das klassische 60/40-Modell für überholt. Er argumentiert, dass sich Aktien und Anleihen in einem Umfeld mit gleichzeitigen makroökonomischen Schocks nicht mehr zuverlässig ausgleichen. Stattdessen empfiehlt er einen stärkeren Fokus auf Private Markets, weil diese Cashflows direkter zugänglich und weniger von Echtzeit-Preisen öffentlicher Märkte getrieben seien. Für Investoren verschiebt sich damit die Frage weg von Korrelationen hin zu Kontrolle, Tempo und Strukturierung der Investments.

Das 60/40-Modell ist für viele institutionelle Investoren lange ein beruhigendes Standardrezept gewesen: ein Teil in Aktien, ein Teil in Anleihen, und im Idealfall gleicht sich das Verhalten beider Blöcke über Marktphasen hinweg zumindest teilweise aus. Genau diese Annahme stellt KKR-Chefstratege McVey nun grundsätzlich infrage. Sein Kernpunkt lautet nicht, dass Diversifikation an sich falsch wäre, sondern dass sie in der aktuellen Makrolage ihre erwartete Stabilität verloren hat. Wenn Regierungen Defizite finanzieren, indem sie zusätzliche Liquidität schaffen, und wenn parallel dazu das geopolitische Risiko hoch bleibt, Energieschocks auftreten und fiskalische Spielräume enger wirken, entstehen laut seiner Argumentation nicht zwei unabhängige Risikoquellen, sondern eine gemeinsame Stoßrichtung. In solchen Phasen würden Aktien und Anleihen stärker gemeinsam leiden, wodurch die klassische Korrelation, die das Modell historisch gestützt hat, strukturell „kaputt“ geht.
Technisch betrachtet hängt die Wirksamkeit eines 60/40-Portfolios an einem Mechanismus, der in der Praxis oft unterschätzt wird: dem Erwartungswert darüber, wie sich Preisbewegungen bei Zins-, Inflations- und Risikoprämien über verschiedene Asset-Klassen hinweg entwickeln. Anleihen reagieren in der Regel stark auf die Entwicklung von Realzinsen, Inflationsnarrativen und Risikoprämien. Aktien spiegeln zusätzlich noch Wachstumserwartungen und Unternehmensmargen. Wenn aber mehrere makroökonomische Kräfte gleichzeitig auf beide Bereiche wirken, verschiebt sich das Verhältnis von „Offset“ zu „Co-Movement“. McVeys Darstellung zielt genau darauf: Kriegsrisiko, Energieschocks und fiskalische Entgleisungen seien keine isolierten Ereignisse, sondern Teile eines gemeinsamen Gesamtbilds, das die Bewertungslogik beider Asset-Klassen gleichzeitig verändert. Die Folge ist, dass man nicht mehr automatisch davon ausgehen kann, dass der Anleihenteil in Stressphasen als Puffer funktioniert.
Aus dieser Diagnose leitet McVey einen zweiten Gedanken ab, der eher in die Portfoliostruktur als in die reine Statistik führt. Private Markets, so die Argumentationslinie, bieten einen direkteren Zugriff auf Cashflows. Der entscheidende Unterschied zu öffentlichen Märkten liegt dabei nicht nur in der fehlenden täglichen Handelbarkeit, sondern in der Tatsache, dass öffentliche Preise in Echtzeit Informationen verdichten. Private Deals hingegen werden über Vertragsbedingungen, Fristen, Covenants und operative Steuerung strukturiert. Genau darin sieht McVey den Nutzen: Für unternehmerisches Kapital zählt Geschwindigkeit und Kontrolle. Wer eine Beteiligung oder Finanzierung nicht nur hält, sondern gestaltet, kann in der Krise andere Hebel nutzen als der klassische Anleger, der in börsengehandelten Produkten vor allem auf Kursverläufe reagiert. Selbst wenn das Risiko nicht verschwindet, ändert sich die Art, wie Risiko in das Investment eingebaut ist.
Damit verändert sich auch die Art der „Diversifikation“, die McVey meint: Nicht mehr primär Diversifikation durch unterschiedliche Preisbewegungen, sondern durch unterschiedliche Zugriffswege auf Werttreiber. Öffentliche Anleihen und Aktien versuchen, über Marktbewertungen ein Bild „auszugleichen“. Private Investments dagegen zielen darauf, Wert über Zeit und Umsetzung zu erzeugen, inklusive der Möglichkeit, Konditionen aktiv zu setzen. Der Satz „Sie besitzen das Asset, setzen die Konditionen und sichern sich den Aufwärtspotenzial“ ist in dieser Logik keine Werbeaussage über Renditeversprechen, sondern eine Beschreibung von Ownership-Mechaniken: Wer die Struktur eines Investments mitprägt, entscheidet typischerweise stärker darüber, wie und wann Cashflows realisiert werden, welche Risiken vertraglich abgefedert sind und wie sehr das Management in die Wertschöpfung eingreifen kann. In McVeys Bild liefert das alte Modell genau diese Art der Steuerung nicht mehr, weil es weiterhin auf einem Vertrauen in sich ausgleichende Korrelationen basiert.
Für den Markt ist das weniger eine Abkehr von Disziplin als eine Verschiebung von Disziplinformen. Investoren, die am alten 60/40-Modell festhalten, werden laut McVey nicht als „konservativ“, sondern als „exponiert“ beschrieben – nicht, weil sie Risiko suchen, sondern weil sie von der Annahme leben, dass öffentliche Märkte in Stressphasen verlässlich gegenläufig werden. Private Markets sind dagegen kein Selbstläufer. Gerade die größere Gewichtung in illiquide Strategien verlangt ein sehr sauberes Liquiditäts- und Risikomanagement, denn Renditepfade entstehen über mehrere Jahre, Commitments sind gebunden, und Exit-Pfade folgen nicht automatisch einem Börsenrhythmus. Gleichzeitig verschiebt sich die operative Aufmerksamkeit: Statt nur Rebalancing nach Kursen zu betreiben, rücken Auswahl, Due Diligence, Deal-Struktur und das Verständnis von Cashflow-Qualität in den Vordergrund. McVeys Position ist daher auch ein Appell an die Anleger, sich intensiver mit dem „Wie“ der Investments zu beschäftigen – nicht nur mit dem „Was“ im Sinne der Asset-Klasse.
Historisch lässt sich beobachten, dass sich die Attraktivität von Private Markets in unterschiedlichen Zins- und Wachstumsregimen jeweils anders begründet hat. In Phasen hoher Zinsen und schwankender Bewertungssätze suchen viele institutionelle Investoren nach Allokationen, die weniger von kurzfristigen Marktnarrativen getrieben sind. McVeys Argument knüpft daran an, macht aber den Schritt zur Begründung über Korrelation: Wenn die Korrelation zwischen Aktien und Anleihen nicht mehr als Stabilitätsanker dient, wird das klassische Portfolio-Framework weniger planbar. Entscheidend ist dabei, dass die „Überholung“ nicht nur eine Frage der Renditeerwartung ist, sondern eine Frage der Robustheit gegenüber gleichgerichteten Schocks. Genau das macht die Diskussion für Entscheider praktisch: Wer Portfolio-Risiko in den Begriffen Korrelation und Duration steuert, stößt an Grenzen, sobald mehrere Makrotreiber parallel wirken. Wer dagegen Cashflow-orientierte Strukturen bevorzugt, setzt stärker auf den Charakter der Investitionsmaschine – Deal-Design, Laufzeit und Steuerbarkeit.
Am Ende verdichtet sich McVeys Aussage auf eine klare Entscheidungsvorlage für die Allokationspraxis: In einem Umfeld, in dem sich die erwartete Schutzwirkung klassischer Korrelationen abschwächt, reicht „Diversifikation nach Schema“ nicht mehr. Stattdessen braucht es eine bewusste Exposure zu Private Markets, die das Portfolio nicht nur um einen anderen Renditetreiber ergänzt, sondern die Risikoübertragung selbst verändert. Für Unternehmen und institutionelle Investoren bedeutet das: Ausschlaggebend ist, ob die Organisation die Fähigkeit mitbringt, Private-Deal-Risiken aktiv zu managen – von der Strukturierung über das Monitoring bis zur Liquiditätsplanung. Wer diese Fähigkeit aufbaut, kann McVeys Logik nutzen, um sich weniger von der Frage abhängig zu machen, ob Aktien und Anleihen sich gerade gegenseitig kompensieren. Wer hingegen ausschließlich auf das vertraute 60/40-Gerüst setzt, müsste sich darauf einstellen, dass das Modell in genau den Phasen an Grenzen stößt, in denen öffentliche Marktpreise besonders stark gleichzeitig reagieren.
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