ROSTOCK / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Rostocker Team will das Tempo bei Ausgründungen deutlich erhöhen: Statt 5 bis 15 pro Jahr sollen laut ZfE künftig 30 bis 50 möglich sein. Der Ansatz setzt auf Ideenscouting unter Studierenden und Forschenden sowie auf sichtbare Zugänge durch Innovationswettbewerbe. Beim AIDA Innovation Hub wurden 150 eingereichte Ideen zu neun Finalisten verdichtet, die mit Entscheidungsträgern zusammenkamen. Entscheidend bleibt dabei, dass Netzwerke nicht nur beim Pitch helfen, sondern bis zur Marktreife tragen.

Wenn aus einer Idee ein marktfähiges Produkt werden soll, beginnt der Engpass selten bei der ersten Skizze, sondern später: bei Sichtbarkeit, Finanzierungspfaden und dem Übergang von Forschungsergebnissen in belastbare Geschäftsmodelle. Genau an dieser Schnittstelle setzt Martin Setzkorn an, der als Leiter des Centers for Entrepreneurship (ZfE) an der Universität Rostock zugleich das Digitale Innovationszentrum (DIZ) mitgestaltet. Seine Kernbotschaft ist pragmatisch: „Gründer brauchen diesen Stempel von etablierten Unternehmen, die sagen: Das ist innovativ und das probieren wir aus.“ Damit beschreibt er nicht nur die psychologische Hürde, sondern auch die operative Realität, dass Innovationen im Wettbewerb um Aufmerksamkeit selten allein durch wissenschaftliche Exzellenz gewinnen.
Der konkrete Hebel, den Setzkorn dafür nennt, sind Formate, die Netzwerke in Gang setzen, bevor die Marktreife erreicht ist. Beim ersten AIDA Innovation Hub in Rostock zeigte sich das Vorgehen in Zahlen: Nach der Sichtung von 150 Ideen kamen neun junge Unternehmen in eine finale Pitch-Runde, in der Entscheidungsträger eines Konzerns zusammen mit Vertretern der lokalen Wirtschaft und Politik über die nächsten Schritte sprachen. Zu den Finalisten zählten auch drei Ideen aus der Region, und für die Gewinner war als Perspektive die Umsetzung ihrer Ansätze an Bord eines Kreuzfahrtschiffes angelegt. Für Ausgründungen ist das mehr als ein PR-Anlass; es schafft konkrete Gespräche, Kontakte zu Ansprechpartnern und einen schnelleren Abgleich zwischen technischer Machbarkeit und tatsächlichen Anforderungen im Markt.
Setzkorns Einordnung verschiebt den Fokus von „mehr Gründungen“ hin zu „mehr geeignete Gründungen“. Aus seiner Sicht entstehen über 80 Prozent technologischer Innovationen im Umfeld von Hochschulen und Forschungseinrichtungen, doch die Potenziale liegen häufig ungenutzt. Das ZfE-Team versucht deshalb, diese Lücke aktiv zu schließen: Unter Studierenden und Wissenschaftlern betreibt es aktives Ideenscouting, um vielversprechende Erfindungen früh zu identifizieren und gezielt in tragfähige Geschäftsmodelle zu überführen. Diese Logik passt zu einem Muster, das man aus vielen Innovationsbiografien kennt: Forschung liefert Ergebnisse, aber erst die Übersetzung in Nutzerprobleme, Produktversprechen und Pilotfähigkeit macht aus Wissen einen skalierbaren Ansatz. Genau diese Übersetzungsarbeit will Setzkorn mit einem systematischen Vorgehen beschleunigen.
Im Gespräch wird auch die Ausgangslage messbar. Die Gründungsförderung arbeitet laut Setzkorn über Rostock hinaus regional, etwa mit Partnern in Greifswald, Stralsund und Wismar. Das Team komme aktuell auf eine Größenordnung von etwa 5 bis 15 Ausgründungen pro Jahr. Doch angesichts des vorhandenen Potenzials hält er 30 bis 50 Ausgründungen jährlich für realistisch – und unterstreicht zugleich das Risiko von „guten, aber zu kleinen“ Vorhaben: In Rostock gebe es jährlich an die 100 Gründungen, allerdings nur ein Bruchteil mit dem Anspruch, sich als Technologie- oder Innovationsanbieter groß aufzustellen. Damit wird klar, warum Netzwerke in seinem Modell so wichtig sind: Sie sollen nicht nur die Anzahl erhöhen, sondern auch die Qualität der Gründungsroute, also die Wahrscheinlichkeit, dass aus Ideen echte Entwicklungspipelines werden.
Technisch betrachtet hängt der Effekt solcher Ökosysteme stark davon ab, wie gut sie die Lücke zwischen Prototyp und Markteinführung überbrücken. Setzkorn verweist darauf, dass bis zur Platzierung eines ausgereiften Produkts je nach Branche in Deutschland „zwischen einem und zehn Jahren“ vergehen können. Diese Spanne ist weniger ein Zufallsfaktor als ein Resultat unterschiedlicher Reifegrade: Was sich im Software-Umfeld oft schneller iterieren lässt, verlangt in sicherheitskritischen Bereichen wie der Medizintechnik längere Entwicklungs- und Prüfphasen. Für Unternehmen bedeutet das: Ein Innovationswettbewerb kann den Start beschleunigen, ersetzt aber nicht das langfristige Zusammenspiel aus Produktentwicklung, Qualitätsanforderungen und Feedbackschleifen mit späteren Anwendern. Genau deshalb betont Setzkorn die Bereitschaft, Ideen früh zu teilen und professionelle Unterstützung anzunehmen – nicht zuletzt, um Lernzyklen zu verkürzen.
Auch die regionale Wirtschaftsstruktur spielt in die Argumentation hinein. In Mecklenburg-Vorpommern seien industrielle Großkonzerne im Vergleich zu anderen Bundesländern zwar seltener vertreten; dennoch beschreibt Setzkorn die Bedingungen für Unternehmensgründungen als grundsätzlich gut. Seine Begründung setzt auf Eigenschaften der Ostseeregion, etwa Flexibilität und kurze Wege, plus den politischen Willen, Dinge voranzutreiben. Dazu kommen strukturelle Faktoren wie Fläche, Lebensqualität und die wirtschaftliche Kraft des baltischen Raumes. In der Logik des Ökosystems heißt das: Wenn weniger große Akteure „von allein“ im Umfeld dominieren, müssen Kooperationen noch bewusster organisiert werden – und zwar so, dass Startups nicht nur in der Startphase Hilfe bekommen, sondern später auch in Richtung Pilotierung und Skalierung Anschluss finden.
Damit ein konstantes Gründungsnetzwerk Wirkung entfaltet, fordert Setzkorn eine Art Plattformdenken: Er spricht davon, ein verlässliches, konstantes Ökosystem für Gründungen aufzubauen und damit ein dauerhaftes Netzwerk zu schaffen. Natürlich fehlt laut ihm die „riesengroße Wirtschaft“ als Vergleichsfaktor; zugleich sieht er eine Hebelwirkung, wenn mehr Schwer- und Mittelgewichte aus der Region den Mut aufbringen, frische Lösungsansätze als Plattform zu testen – im eigenen Haus oder gemeinsam mit Partnern. Sein Ziel ist, Neugründungen zu fördern und zur Marktreife zu bringen, sodass hochqualifizierte Arbeitsplätze vor Ort entstehen und Wertschöpfung dauerhaft in der Region bleibt. Der strategische Kern bleibt dabei gleich: nicht nur Ideen anzuzünden, sondern den langen Weg zu begleiten, der aus Forschung tatsächlich Innovation in der Breite macht.
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