BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Sebastian Matthes fordert eine Innovationspolitik, die nicht nur in Ressorts gedacht wird, sondern ministerienübergreifend koordiniert. Im Gespräch kritisiert er die Hightech-Agenda als Strategie eines einzelnen Ministeriums statt als Gesamtrahmen. Zudem bemängelt er, dass die Bundesregierung Zukunftsreformen kommunikativerweise zu oft als Verlustprojekt darstellt. Als Vorbild nennt er ein stärker zielorientiertes „Nation Building“ nach kanadischem Muster.

Die Debatte um Deutschlands Innovationsfähigkeit bekommt gerade eine neue Stoßrichtung: Nicht die Frage, ob es Technologiepolitik gibt, sondern wie sie orchestriert wird. Sebastian Matthes, der als Chefredakteur einen technologieaffinen Kurs für eine Wirtschaftszeitung verfolgt, stellt im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur einen Koordinationsmangel heraus. Seine zentrale Kritik lautet: Innovationspolitik werde zu stark als Summe einzelner Initiativen verstanden und zu wenig als übergreifendes Programm, das Entscheidungen in verschiedenen Ressorts zusammenführt.
Matthes’ Argument zielt dabei weniger auf einzelne Förderbausteine als auf die Entscheidungsarchitektur. Wenn Innovation über Ministerien hinweg geplant und finanziert werden soll, braucht es laut seiner Darstellung eine Bündelung im Kanzleramt. Im technischen Sinne ist das eine Frage der „Policy-Integration“: Förderlogiken, Zeitpläne, Zuständigkeiten und Erfolgskriterien müssen so zusammenlaufen, dass aus Programmen tatsächlich durchgängige Wertschöpfungsketten entstehen, etwa von der Grundlagenforschung über die Skalierung bis zur Markteinführung.
Gleichzeitig räumt Matthes ein, dass die Hightech-Agenda des Forschungsministeriums wichtige Punkte enthält. Genau hier setzt jedoch der zweite Teil seiner Kritik an: Sie bleibe als Strategie eines Ministeriums zu sehr in dessen Perspektive verankert. Für Unternehmen bedeutet das oft eine praktische Zersplitterung, weil Antragswege, Förderlogik und Projektzeiträume nicht automatisch zueinander passen. In der Folge entstehen Zwischenlösungen, bei denen Firmen zwar Fortschritte erzielen, aber zusätzliche Abstimmungs- und Verwaltungsaufwände tragen müssen.
Auch die Kommunikationsstrategie sieht Matthes als Bremsklotz. Er beschreibt, die Bundesregierung verkaufe Zukunftsreformen häufig als Verlustprojekt: Menschen sollen länger arbeiten, später in Rente gehen und mehr vorsorgen, ohne dass klar werde, wofür genau. Dass Reformen politisch und gesellschaftlich getragen werden müssten, ist nicht neu; neu ist in seiner Darstellung jedoch der fehlende „Zielsinn“, also die konkrete Aussicht, was die Änderungen technisch, wirtschaftlich und sozial ermöglichen. Als Kontrast nennt er Mark Carney, der seinen Landsleuten Einschnitte ebenfalls zumutet, sie aber in einen Rahmen stellt, den Matthes als „Nation Building“ beschreibt.
Damit verknüpft Matthes eine Idee, die in der Tech-Branche seit Jahren diskutiert wird: Reformen brauchen ein extern verständliches Zielbild, damit Prioritäten konsistent bleiben. Wenn ein Staat beispielsweise bei riskanten Technologien stärker als Auftraggeber auftreten will, dann muss er nicht nur Budget bereitstellen, sondern auch Risiken so verteilen, dass aus Experimenten nutzbare Plattformen und Produkte werden. In seiner Argumentation spielt dabei der Wechsel vom reinen Förderansatz hin zu einem Markt-erzeugenden Ansatz eine Rolle, bei dem Finanzmarktregeln so angepasst werden sollen, dass mehr Kapital aus Europa in junge Technologiefirmen fließt.
Konzeptionell erinnert das an Mechanismen, die in den USA unter dem Stichwort Public-Private-Risikoteilung diskutiert werden. Matthes verweist dabei auf die Agentur für fortgeschrittene Forschungsprojekte (DARPA) als Vorbild, und er betont zugleich, dass Deutschland mit der Agentur für Sprunginnovationen über deutlich geringere finanzielle Möglichkeiten verfügt. Entscheidend ist weniger der Vergleich als solcher, sondern der zugrunde liegende Effekt: Wenn Mittel für riskantere Entwicklungsschritte größer und schneller verfügbar sind, lassen sich Prototypen und Skalierungsschritte eher in Pilotlinien überführen statt in langen Warteschleifen festzustecken.
Matthes bringt außerdem seine eigene Arbeitsweise als Branchenbeobachter in die Debatte ein. Er führt demnach seit fünf Jahren als Chefredakteur ein technologieaffines Profil, richtet seit 2025 eine Tech-Konferenz aus und hat sein Technologie-Team ausgebaut. Sein erstes Buch, das am 1. Oktober 2026 erscheinen soll, heißt „Inside 2029“ und thematisiert laut Beschreibung, warum Deutschland Innovationskraft eingebüßt hat und welche Lösungspfade funktionieren könnten. Als persönliche Datenpunkte nennt Matthes Hightech-Zentren in Boston, Shenzhen und Bangalore, mit dem Hinweis, dass dort langfristige Strategien entwickelt wurden.
Für die Praxis ergibt sich daraus eine klare Herausforderung für Politik und Wirtschaft: Wer Innovationspolitik ernst meint, muss sie wie ein System betrachten – mit verknüpften Zuständigkeiten, konsistenten Zielen und einer Kommunikation, die Akzeptanz nicht nur durch Appelle, sondern durch nachvollziehbare Nutzenversprechen schafft. Ob das gelingt, hängt letztlich daran, ob Koordination im Kanzleramt tatsächlich zu schnelleren Entscheidungen und besser abgestimmten Programmen führt. Dann könnten Investitionen, insbesondere in KI-Entwicklung und andere Schlüsseltechnologien, vom Status einzelner Projektförderung stärker in Richtung wiederholbarer Skalierungsmuster rücken.
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