FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Die IG Metall fordert in der Tarifrunde für die Metall- und Elektroindustrie fünf Prozent mehr Entgelt. Die Gewerkschaft will zudem eine Gewinnbeteiligung für Beschäftigte in sogenannten „Boom-Unternehmen“ und Verhandlungen über die Absicherung von Arbeitsplätzen sowie Standorten führen. Nach IG-Metall-Vorstellung soll der neue Tarifvertrag zwölf Monate laufen. Die Arbeitgeber warnen dagegen vor fehlender Rentabilität und drängen auf Kostensenkung; die ersten Gespräche sind ab dem 7. Oktober geplant.

IG Metall startet Tarifrunde: Fünf Prozent mehr Lohn, 35-Stunden-Woche unter Druck
IG Metall startet Tarifrunde: Fünf Prozent mehr Lohn, 35-Stunden-Woche unter Druck (Foto: IT BOLTWISE)
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Die anstehende Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie trifft die Branche in einem Moment, in dem sich die wirtschaftliche Lage spürbar auseinanderzieht. Während die IG Metall für die rund 3,7 Millionen Beschäftigten in Deutschland eine deutliche Entgelterhöhung fordert, argumentiert der Arbeitgeberverband Gesamtmetall, viele Unternehmen könnten in dieser Phase nicht mehr rentabel arbeiten. Der Konflikt ist damit weniger eine Frage „ob“ Löhne steigen, sondern „wie viel“ Verteilungsspielraum in den nächsten Monaten vorhanden ist – und ob sich dieser Spielraum über Kaufkraft in eine stabilere Binnenkonjunktur übersetzen lässt.

Im Zentrum der Gewerkschaftsforderung steht eine Erhöhung um fünf Prozent. Gleichzeitig geht es der IG Metall nicht nur um den klassischen Lohnabschluss, sondern auch um eine Komponente, die sich an Unternehmensdynamik orientiert: In „Boom-Unternehmen“ soll es eine Gewinnbeteiligung für Beschäftigte geben. Ergänzend fordert die Gewerkschaft Verhandlungen zur Absicherung von Arbeitsplätzen und Standorten. Auch die zeitliche Rahmung ist bereits vorgegeben: Nach Vorstellung der IG Metall soll der neue Tarifvertrag eine Laufzeit von zwölf Monaten haben. Damit will sie die Verhandlungsperiode eng genug halten, um auf die Preis- und Nachfrageschwankungen in Industriebranchen reagieren zu können.

Die Arbeitgeberseite setzt dem eine nüchternere Rechnung entgegen. Gesamtmetall-Präsident Udo Dinglreiter macht deutlich, dass „zu viele“ Unternehmen in ihrer Existenz bedroht seien und deshalb Prioritäten auf Kosten senken und den Standort sichern gelegt werden müssten. In der Auseinandersetzung um den Verteilungsspielraum wird damit ein grundlegender Zielkonflikt sichtbar: Die IG Metall verbindet Entgelterhöhungen mit Planbarkeit für Beschäftigte und einem Signal für die Kaufkraft, während die Arbeitgeberseite stärker auf kurzfristige Sanierungs- und Wettbewerbsfähigkeit abstellt. Hinzu kommt, dass die Tarifvertragsperiode zum 31. Oktober ausläuft. Danach sind wegen des Verzichts auf eine nachlaufende Friedenspflicht auch unmittelbar Warnstreiks möglich – ein Ablauf, der den Zeitdruck für beide Seiten erhöht.

Für die Dynamik der Verhandlungen entscheidend dürfte zudem die „ungleiche“ Branchenlage sein. Die Metall- und Elektroindustrie ist nicht nur eine Sammelbezeichnung, sondern umfasst Arbeitswelten, in denen Autozulieferer, Maschinenbauer und Teile der Elektroindustrie sehr unterschiedliche Auftragsbilder haben. Die IG Metall verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass die Autobranche tief in der Krise stecke und etwa in der Fahrzeugkette Werksschließungen drohen. Gleichzeitig sei der Maschinenbau angeschlagen, während die Geschäfte in der Elektroindustrie nach Angaben der Gewerkschaft besser liefen. Daneben nennt die IG Metall Betriebe der Medizintechnik sowie der Luft- und Raumfahrt; dort spiele auch die Sonderkonjunktur durch staatliche Ausgaben für Rüstung eine Rolle. Für die Verhandlungspraxis heißt das: Selbst wenn die Kernforderung überall gleich klingt, steigt der Bedarf an Differenzierung zwischen Teilbranchen und Unternehmensprofilen.

Politisch und emotional wird der Tarifkonflikt zusätzlich durch das Thema Arbeitszeit aufgeladen. Die Gewerkschaft stellt klar, dass sie einen Angriff auf die 35-Stunden-Woche als „nicht akzeptabel“ betrachtet. Sie verweist dabei auf die 35-Stunden-Woche als gewerkschaftliche Errungenschaft in der deutschen Autoindustrie und betont, dass diese tarifgebundenen Unternehmen der Standard seien, obwohl sie gesetzlich nicht zwingend vorgeschrieben ist. Der Streit um Arbeitszeit und Lohnkorrelation ist inhaltlich hochrelevant, weil Mehrarbeit ohne Lohnausgleich in der Wirkung oft stärker als eine reine Lohnhöhefrage wahrgenommen wird. Laut IG Metall geht es auch um den Umgang mit Preissteigerungen: Die Tarifvorständin Nadine Boguslawski argumentiert, Beschäftigte spürten steigende Lebenshaltungskosten, daher brauche es eine spürbare Entgelterhöhung. Parallel warnt die Gewerkschaft vor Verschiebungen, die im Ergebnis den sozialen Schutz absenken könnten, etwa wenn Arbeitgeber den Manteltarifvertrag kündigen würden.

Der Druck auf die Tarifverhandlungen zeigt sich zudem an konkreten Unternehmenssignalen. Die IG Metall nennt Forderungen nach Mehrarbeit ohne Lohnausgleich in Zusammenhang mit Mercedes-Benz als Beispiel für den Konflikt. Auch die Werksschließungsdrohungen, die mit einer Kostensenkung verknüpft werden, bleiben in der Debatte präsent. Bei Mercedes-Benz hatte es den Angaben zufolge Hinweise auf die Schließung von zwei Werken in Deutschland gegeben, falls die Kosten nicht sinken. Bei Volkswagen existiert darüber hinaus eine besondere Tariflogik: Für die kriselnde Volkswagen AG gibt es einen eigenen Haustarifvertrag, und dort fordert die IG Metall ebenfalls fünf Prozent mehr Geld bei zwölf Monaten Laufzeit. Diese Aufteilung kann die Verhandlungskultur beeinflussen, weil Flächen-Tarifverträge und Haustarifverträge unterschiedliche Dynamiken erzeugen, etwa hinsichtlich Mobilisierung, Eskalationspfad und Signalwirkung gegenüber anderen Unternehmen.

Technisch betrachtet – auch wenn es sich hier um Tarifpolitik handelt – hängt viel an der Frage, wie Unternehmen kurzfristige Ergebnisrisiken in Personalplanung übersetzen. Wenn die Beschäftigung an Kosten- und Produktivitätskennziffern hängt, verschiebt sich der Konflikt schnell in Richtung Arbeitszeit, Standort-Entscheidungen und die Frage, wer die Belastung trägt. Für die Arbeitgeber bedeutet das: Jedes zusätzliche Entgelt wirkt wie ein fixer Kostenblock, den man in schwierigen Phasen schwerer durch kurzfristige Produktivitätsgewinne ausgleichen kann. Für die IG Metall bedeutet es: Unterlassene Entgelterhöhungen wirken in der Realität oft zeitverzögert über Kaufkraft und Fluktuationsrisiken. Genau deshalb will die Gewerkschaft eine Gewinnbeteiligung für Boom-Unternehmen verankern: Damit soll ein Mechanismus entstehen, der Erfolge in einzelnen Segmenten nicht ausschließlich den Kapitalrenditen überlässt.

Die nächsten Schritte sind ebenfalls klar terminlich gesetzt. Erste Verhandlungen mit den Arbeitgeberverbänden auf regionaler Ebene sollen ab dem 7. Oktober starten, während die aktuellen Tarifverträge bis zum 31. Oktober laufen. Am Montag hatte die IG Metall zudem bei einem bundesweiten Aktionstag rund 175.000 Beschäftigte mobilisiert, um die Verhandlungsposition sichtbar zu machen. Für Unternehmen entsteht daraus eine doppelte Herausforderung: Sie müssen sowohl Kosten- und Produktionsplanung als auch die Kommunikations- und Verhandlungsfähigkeit ihrer Standorte auf den Eskalationspfad einstellen. Wenn unmittelbar nach dem Auslaufen der Verträge Warnstreiks möglich sind, wird die Frage, wie schnell man sich über Rahmenbedingungen einigen kann, zum entscheidenden Faktor für die Stabilität in den Lieferketten. Für Beschäftigte bleibt der Ausgang offen, aber die Leitplanken sind bereits gesetzt: fünf Prozent mehr Entgelt, zwölf Monate Laufzeit, Schutz der 35-Stunden-Woche sowie Spielräume zur Absicherung von Arbeitsplätzen und Standorten.


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