FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Die IG Metall fordert in der Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie fünf Prozent mehr Entgelt und will zudem eine Gewinnbeteiligung für Beschäftigte in „Boom-Unternehmen“ durchsetzen. Die Gewerkschaft plant außerdem Verhandlungen zur Absicherung von Arbeitsplätzen und Standorten und nennt eine Laufzeit des neuen Tarifvertrags von zwölf Monaten. Erste Gespräche mit den Arbeitgeberverbänden sollen ab dem 7. Oktober beginnen, während die aktuellen Tarifverträge zum 31. Oktober auslaufen. Gleichzeitig stellt die IG Metall Angriffe auf die 35-Stunden-Woche in den Mittelpunkt und macht damit die Konfliktlinie zur Automobilindustrie deutlich.

Die anstehende Tarifrunde in der deutschen Metall- und Elektroindustrie wirkt auf den ersten Blick wie ein klassisches Lohn-Thema. Bei genauerer Betrachtung entscheidet sie aber darüber, wie Unternehmen in unterschiedlichen Teilbranchen mit stark auseinanderlaufenden Rahmenbedingungen umgehen. Die IG Metall fordert fünf Prozent mehr Geld für rund 3,7 Millionen Beschäftigte und koppelt die Entgeltfrage an ein zweites Ziel: eine Gewinnbeteiligung für Beschäftigte in „Boom-Unternehmen“. Damit setzt die Gewerkschaft bewusst auf eine Verteilungskomponente, die nicht nur den aktuellen Kaufkraftverlust abfedern soll, sondern auch den Anteil der Belegschaften an überdurchschnittlichen Unternehmensgewinnen adressiert.
Am Auftakt der Debatte steht zudem eine klare zeitliche und prozessuale Leitplanke. Nach Darstellung der IG Metall soll der neue Tarifvertrag eine Laufzeit von zwölf Monaten haben. Die Gewerkschaft kündigt Verhandlungen zu Arbeitsplatzen und Standorten an und will dabei keine Arbeitszeit- und Belastungssteigerungen ohne Gegenleistung akzeptieren. In Frankfurt betonte die IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner den Ton der Verhandlungen: kempferischer Realismus statt Krisenrhetorik, und keine Angriffe auf soziale Standards. Gleichzeitig richtet sich die Linie gegen drohende Werksschließungen sowie gegen Forderungen nach unbezahlter Mehrarbeit.
Technisch-ökonomisch ist die Tariflage besonders relevant, weil sie genau jene industrienahen Wertschöpfungsbereiche betrifft, in denen Produktionssysteme, Ingenieursleistungen und Lieferketten eng verzahnt sind. In den Flächentarifverträgen wird nach Quelle insbesondere für Branchen wie Autoindustrie, Maschinenbau, Metallbearbeitung, Elektrotechnik und sonstigen Fahrzeugbau verhandelt. Dort ist der Arbeitsmarkt nicht nur über Beschäftigtenzahlen, sondern auch über Qualifikationsprofile definiert: Wer Service-, Produktions- und Instandhaltungsrollen absichert, stabilisiert in der Praxis auch das Know-how rund um Anlagen, Automatisierung und Fertigungstechnologien. Die IG Metall verortet die Forderung deshalb ausdrücklich im Kontext gestiegener Lebenshaltungskosten und argumentiert, dass „Wer Aufschwung will, Kaufkraft braucht“ – ein Signal, das auch die Binnenkonjunktur stützen soll.
Die Konfliktlinien werden zusätzlich dadurch verschärft, dass die Metall- und Elektroindustrie in sich gespalten ist. Während die Autobranche laut IG Metall tief in der Krise stecke und der Maschinenbau angeschlagen sei, liefen Teile der Elektroindustrie gut, und der sonstige Fahrzeugbau profitiere der Darstellung zufolge von Sonderkonjunktur durch Staatsausgaben für Rüstung. Gleichzeitig heißt es, dass es nicht nur um den Auto-Cluster geht: „Metall und Elektro ist mehr als Autoindustrie.“ Diese Differenzierung macht deutlich, dass sich die Verhandlungslogik verändern kann, sobald Arbeitgeber nicht in einer homogenen Branchenlage argumentieren, sondern unterschiedliche Teilmärkte mit unterschiedlichen Ergebnispfaden abbilden wollen.
Für die nächste Eskalationsstufe ist entscheidend, wie die Gewerkschaft die Arbeitszeitfrage rahmt. Die IG Metall stellt Forderungen nach Mehrarbeit ohne Lohnausgleich in den Mittelpunkt und bewertet insbesondere einen Angriff auf die 35-Stunden-Woche als nicht akzeptabel. Benner verweist dabei auf die 35-Stunden-Woche als gewerkschaftliche Errungenschaft und nennt eine „Kriegserklärung“, falls Arbeitgeber den Manteltarifvertrag kündigen sollten. Hintergrund ist auch, dass Mercedes-Benz-Aufsichtsratschef Martin Brudermüller zuvor die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche angeregt hatte – allerdings „für dasselbe Gehalt“. In einer Branche, in der die 35-Stunden-Woche bei tarifgebundenen Unternehmen Standard ist, nicht aber gesetzlich verpflichtend, verschiebt bereits die Diskussion über Stundenmodelle die Verhandlung vom Entgelt in Richtung Produktions- und Personalplanung.
Konkrete nächste Schritte sind bereits terminiert: Erste Verhandlungen mit den Arbeitgeberverbänden sollen ab dem 7. Oktober auf regionaler Ebene beginnen. Die aktuellen Tarifverträge laufen zum 31. Oktober aus; danach sind laut Quelle sofort auch Warnstreiks möglich, weil auf eine nachlaufende Friedenspflicht verzichtet werde. In der Vorbereitung hatte die IG Metall laut Text bereits am Montag einen bundesweiten Aktionstag mit rund 175.000 mobilisierten Beschäftigten durchgeführt. Nicht verhandelt werden in der Flächenrunde dabei die Beschäftigten von Volkswagen, weil dort ein eigener Haustarifvertrag gilt; für diesen Bereich fordert die IG Metall ebenfalls fünf Prozent mehr Geld bei zwölf Monaten Laufzeit.
Für Unternehmen bedeutet das: Die Tarifrunde ist nicht nur eine Reaktion auf aktuelle Preis- und Konjunkturdaten, sondern ein Belastungstest für Personal- und Investitionsentscheidungen. Wenn Arbeitsplätze und Standorte explizit zum Verhandlungsgegenstand werden, treffen Lohn- und Arbeitszeitmodelle direkt die Planungssicherheit in Fertigungsnetzwerken. Gleichzeitig zeigt die Quelle, dass Mercedes-Benz mit der Schließung von zwei Werken in Deutschland gedroht hatte, sollten die Kosten nicht sinken. Damit wird die Verhandlungslage nicht allein über Prozentsätze entschieden, sondern über die Frage, wie glaubwürdig und wirtschaftlich tragfähig Arbeitgeber ihre Kostenargumente mit dem Ziel der Standortstabilität in Einklang bringen können – und wie stark die Gewerkschaft die Kaufkraftlogik in den Mittelpunkt ihrer Ausgleichsforderung stellt.
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