LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie verknüpft Persönlichkeitsfaktoren mit politischem Aktivismus im Kontext der „Men’s Rights“-Bewegung. Geringe Bescheidenheit hängt dabei mit dem Gefühl zusammen, dass Männer als Gruppe unfair benachteiligt seien. Dieses Gefühl sagt sowohl Unterstützung für konventionelle als auch für deutlich extremere Formen des Aktivismus voraus. Die Forschenden warnen zugleich: Aus den Daten lässt sich keine eindeutige Ursache-Wirkung-Richtung ableiten.

Wer innerhalb strukturell privilegierter Gruppen das Gefühl entwickelt, selbst ungerecht behandelt zu werden, zeigt nicht selten mehr als nur eine persönliche Empfindung: Es kann in Handlungsbereitschaft münden. Genau diese Brücke versucht eine aktuelle psychologische Untersuchung zu schlagen, veröffentlicht in Personality and Individual Differences. Im Kern geht es um die Frage, warum manche Männer das eigene Geschlecht als „unterdrückt“ wahrnehmen und daraus höhere Bereitschaft ableiten, sich an Aktivismus der „Men’s Rights“-Szene zu beteiligen.
Die Autorinnen und Autoren arbeiten dafür mit zwei Konzepten, die psychologisch eng miteinander verknüpft sind. Zum einen beschreibt trait modesty (Bescheidenheit als stabiler Persönlichkeitszug) die Art, wie Menschen ihr Selbstbild im Vergleich zu anderen einordnen: Wer hier hoch punktet, sieht sich in der Regel nicht „besser“ als andere. Wer niedrig bescheiden ist, interpretiert die soziale Welt eher als Bühne für Ansprüche und besondere Privilegien. Zum anderen steht group-based relative deprivation (gruppenbezogene relative Benachteiligung) für die Wahrnehmung, dass die eigene Gruppe gegenüber anderen gesellschaftlich unfair schlechtergestellt sei. Entscheidend ist dabei die Logik: Nicht nur ein Vergleich findet statt, sondern die Person bewertet die Benachteiligung als ungerecht und damit als etwas, das eigentlich nicht sein dürfte.
Die Studie setzt diese theoretischen Bausteine in zwei Untersuchungsschritten praktisch um. Im ersten Teil nahmen 195 weiße amerikanische Männer über eine Online-Plattform teil. Sie füllten einen standardisierten Persönlichkeitsfragebogen aus, der Bescheidenheit als Trait messbar macht, und beantworteten anschließend Fragen zur gruppenbezogenen Benachteiligung – also wie stark sie sich darüber frustriert fühlen, dass Männer angeblich im modernen Alltag verlieren. Danach erfassten die Forschenden die Unterstützung für und die Absicht zur Teilnahme an „Men’s Rights“-Aktivismus. Dabei unterschieden sie konventionelle politische Handlungen, die innerhalb des gesellschaftlichen Rahmens üblich sind (etwa die Unterstützung von Reformen oder das Mitwirken in Organisationen), von extremen bzw. nicht-traditionellen Formen, die Normen überschreiten können – etwa die Teilnahme an Protesten, bei denen Gewalt plausibel werden kann, oder die Unterstützung von Akteuren, die körperliche Aggression für das Anliegen rechtfertigen.
Die Ergebnisse zeichnen ein recht klares Muster, das zugleich differenziert ist. Männer mit niedriger Bescheidenheit meldeten häufiger, dass Männer als unterdrückte Gruppe behandelt würden. Dieses Benachteiligungsgefühl sagte wiederum eine höhere Unterstützung sowohl für friedliche als auch für extremere Aktivismen voraus. Interessant ist die Gewichtung: Die gruppenbezogene Benachteiligung erwies sich stärker als Prädiktor für konventionelles Engagement, während niedrige Bescheidenheit selbst ein stärkerer Hinweis auf die Bereitschaft zu nicht-traditionellen Handlungen war. Die Autorinnen und Autoren interpretieren das als indirekten Pfad: Niedrige Bescheidenheit verstärkt die Wahrnehmung relativer Benachteiligung, und erst diese Wahrnehmung fördert den Wunsch, sich an Aktivismus zu beteiligen.
Im zweiten Teil erweiterten die Forschenden den Ansatz auf 492 Männer, fast gleichmäßig aufgeteilt zwischen weißen und schwarzen amerikanischen Teilnehmenden. Damit testen sie, ob der Zusammenhang über unterschiedliche rassische Gruppen hinweg sichtbar bleibt. Zusätzlich variierten sie ein Experiment-Element: Die Hälfte der Teilnehmenden sollte sich eine Minute lang mit der Frage beschäftigen, wie Männer im Vergleich zu Frauen benachteiligt seien, und anschließend vier Sätze dazu formulieren. Die Kontrollgruppe schrieb vier Sätze über ihre morgendliche Routine. Die entscheidende Beobachtung: Diese Schreibaufgabe änderte die grundlegenden Effekte nicht. Niedrige Bescheidenheit sagte in beiden Gruppen weiterhin stärker das Gefühl unfairer Benachteiligung voraus, und dieses Gefühl ging erneut mit höherer Bereitschaft einher, „Men’s Rights“-Aktivismus zu unterstützen und zu betreiben.
Für die Einordnung ist wichtig, was die Studie nicht behauptet. Die Autorinnen und Autoren bleiben bei der Korrelationsebene; sie können keine eindeutige Ursache-Wirkung-Richtung festlegen. Die Forschenden weisen explizit darauf hin, dass weitere experimentelle Designs nötig seien, um zu klären, ob ein gesteigertes Benachteiligungsgefühl Aktivismus kausal erhöht oder ob das Engagement selbst die Wahrnehmung des Status der eigenen Gruppe verändert. Diese Unschärfe ist methodisch relevant, denn sie betrifft die Interpretationslogik von Persönlichkeitsmerkmalen: Niedrige Bescheidenheit teilt in der Tat Berührungspunkte mit Narzissmus, wie die Autorinnen und Autoren ergänzen. Damit bleibt offen, ob tatsächlich der Bescheidenheitszug alleine wirkt oder ob verwandte Merkmale – etwa eine starke Autoritätsorientierung oder ein Hang, andere eher auszunutzen – einen Teil des Effekts tragen. Auch die Reichweite ist begrenzt: Die Untersuchungen fanden ausschließlich in den USA statt, und kulturelle Normen rund um Bescheidenheit und Geschlechterrollen variieren deutlich. Die Übertragbarkeit auf andere Länder und Gemeinschaften bleibt daher eine offene Forschungsfrage.
Für Unternehmen, die im Umfeld von Plattformen, Communities oder Policy-orientierten Themen arbeiten, ist das trotzdem keine rein akademische Debatte. Die Untersuchung liefert ein psychologisches Modell dafür, wie sich Wahrnehmungen von Statusverlust in kollektive Mobilisierung übersetzen können. Das betrifft nicht nur die Ausrichtung auf bestimmte Geschlechterthemen, sondern grundsätzlich die Dynamik, wie gruppenbezogene Deutungen persönliches Selbstbild, Emotionen (z. B. Ärger) und Handlungsbereitschaft koppeln. So wird nachvollziehbar, warum Narrative, die „Ungerechtigkeit“ betonen, bei bestimmten Persönlichkeitsprofilen besonders anschlussfähig sein können. Gleichzeitig betonen die Autorinnen und Autoren, dass Persönlichkeit veränderbar ist: Sie argumentieren, dass höhere Bescheidenheit möglicherweise ein Schutzfaktor gegen den Einfluss der „Manosphere“ sein kann.
„I was initially interested in understanding why some (but not all) members of structurally advantaged groups perceive that their group is unjustly disadvantaged, despite statistics and history suggesting otherwise, “ sagte Joanna Lindström. „This led me to show that low modesty was linked to feeling deprived among men (but not women), and among White Americans (but not Black Americans).“
Auch für weitere Forschung setzt die Arbeit klare Fortsetzungen: Die Autorinnen und Autoren nennen, dass sie die Linie der Untersuchung ausbauen wollen, unter anderem im Rahmen eines EU-geförderten Projekts, das die Rolle von Männlichkeit in extremistischen Bewegungen untersucht. Dabei geht es laut Angaben der Forschenden um die Frage, wie Bescheidenheit und gruppenbezogene Benachteiligung die Unterstützung für Figuren aus der „Manosphere“ im US-Kontext vorhersagen und wie daraus informierte Interventionen gestaltet werden könnten.
„Given the correlational nature of the data, we also cannot determine a causal link between personality, perceptions of relative deprivation, and men’s rights activism, “ halten die Autorinnen und Autoren fest. Für die Praxis bedeutet das: Statt fertiger „Erklärrezepte“ liefert die Studie ein verwertbares Raster, um Einflussmechanismen in sozialen Debatten besser zu verstehen – und gezielter zu untersuchen, welche psychologischen Stellschrauben tatsächlich helfen, Eskalationspfade zu unterbrechen.
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