LONDON (IT BOLTWISE) – Laut einer Indeed-Auswertung sind die Stellenangebote für Berufseinsteiger seit dem Rekordjahr 2022 um zwei Drittel gesunken. Im Gesamtmarkt ging die Zahl der Jobs im selben Zeitraum dagegen nur um 39 Prozent zurück. Besonders stark betroffen sind Wissensberufe wie Marketing, IT-Anwendungen und Projektmanagement. Einen klaren KI-Effekt kann die Datenlage bislang jedoch nicht belegen.

Für Berufseinsteiger wird der Übergang von der Schule oder dem Studium ins Erwerbsleben zunehmend steiler: Seit 2022 sind die Einstiegsjobs nach einer Analyse der Online-Jobbörse Indeed deutlich geschrumpft. Während viele Unternehmen ihre Einstellungspläne an die schwache Konjunktur anpassen, zeigt sich dieser Sparhebel besonders früh in den Rollen, die traditionell Berufserfahrung im Kleinstformat voraussetzen. Genau in diese Kategorie fällt auch das, was Indeed als „Einstiegsjobs“ zusammenfasst – also Angebote, die für Personen am Anfang ihrer Karriere gedacht sind.
Die Größenordnung der Verschiebung fällt dabei klar aus: Indeed zufolge sind die Stellenangebote für Einstiegsjobs seit dem Rekordjahr 2022 um zwei Drittel zurückgegangen. Damit geht der Rückgang der Einstiegsmöglichkeiten deutlich stärker aus als der Gesamtmarkt: Die Zahl aller Stellen sei in dieser Zeit nur um gut ein Drittel, konkret um 39 Prozent, gesunken. Für junge Menschen erhöht sich dadurch das Risiko, nicht nur verzögert, sondern womöglich in einer Phase der Beschäftigungslosigkeit zu starten. Indeed-Ökonomin Virginia Sondergeld fasst das Risiko so zusammen: „Es droht ein Jahrgang, der mit einem Startnachteil ins Erwerbsleben geht.“
Die Eintrübung bleibt nicht auf einzelne Berufsfelder beschränkt. Stattdessen zieht sich der Rückgang der Einstiegsjobs durch fast alle untersuchten Bereiche: In 26 von 28 Berufsgruppen sei das Angebot seit 2022 gesunken, und in 23 Fällen stärker als der Gesamtmarkt. Besonders auffällig ist die Entwicklung bei Wissensberufen beziehungsweise Büro-Jobs, weil sie in vielen Karrierepfaden als „Einstiegsschiene“ funktionieren – etwa über Junior- oder Trainee-Rollen. In der Indeed-Analyse sinkt das Angebot im Marketing um 75 Prozent, bei IT-Anwendungen und -Lösungen um 77 Prozent und im Projektmanagement um 60 Prozent.
Dass es zugleich auch Ausnahmen gibt, zeigt, dass nicht jeder Sektor gleichermaßen auf Sparprogramme reagiert. Nach den Daten der Online-Jobbörse legten lediglich zwei Gruppen zu: Pflege, Medizin und Pharmazie verzeichnen einen Anstieg um 18 Prozent, Lebensmittel, Gastronomie und Hotellerie um zehn Prozent. Für Berufseinsteiger bedeutet das vor allem eine Verschiebung der Chancen hin zu Bereichen, in denen der Arbeitskräftebedarf eher an demografische und betriebliche Nachfrage gekoppelt ist als an kurzfristig investitionsgetriebene Wachstumspläne. Genau hier wird auch sichtbar, wie unterschiedlich „Einstieg“ in der Praxis organisiert ist: In Gesundheits- und Versorgungsberufen ist der Bedarf häufig kontinuierlicher, während Büro- und Projektrollen stärker an Auslastung und Budgetzyklen hängen.
Vor diesem Hintergrund stellt sich für viele Bewerber und Recruiting-Verantwortliche die Frage, ob Künstliche Intelligenz (KI) bereits als zusätzlicher Treiber hinter der Entwicklung steckt. Die Logik dahinter ist nachvollziehbar: KI kann Routineaufgaben übernehmen, die zuvor von Berufseinsteigern erledigt wurden – etwa bei der Erstellung standardisierter Texte, bei vorbereitenden Datenauswertungen oder bei wiederkehrenden Assistenzaufgaben im Tagesgeschäft. Virginia Sondergeld hält dagegen: „Doch anhand der aktuellen Datenlage lässt sich ein KI-Effekt bislang nicht belegen.“ Entscheidend ist damit auch der Timing-Aspekt: Der Rückgang bei Einstiegsjobs habe bereits im Sommer 2022 begonnen, also „bevor ChatGPT überhaupt erschien“.
Damit rückt vor allem ein konjunktureller Erklärungsansatz in den Mittelpunkt. Laut Sondergeld sind Berufseinsteiger vordergründig das erste Opfer der schwachen Konjunktur, weil Unternehmen in unsicheren Zeiten zuerst dort sparen, wo sie in Nachwuchs investieren müssten. Technisch betrachtet betrifft das zwar nicht „KI-Modelle“ direkt, aber es trifft die Rekrutierungs-Pipeline: Wenn Budgets gekürzt werden, verschiebt sich die Nachfrage nach Rollen mit kurzer Time-to-Productivity oft nach hinten. Zudem können Einstellungsstops die Bewerbungszyklen länger machen, wodurch Einsteiger nicht nur weniger Angebote sehen, sondern potenziell auch später in den Arbeitsmarkt „durchgereicht“ werden.
Für Unternehmen und Personalabteilungen entsteht daraus eine doppelte Aufgabe: Einerseits gilt es, Einstiegswege trotz Personalrestriktionen so zu planen, dass sie nicht vollständig abreißen. Andererseits müssen Recruiting-Strategien die Realität stärker abbilden, in der Bewerbung und Qualifikation nicht automatisch „linear“ zu einem Arbeitsplatz führen. Wenn Einstiegsjobs stärker betroffen sind als der Gesamtmarkt, kann das langfristig zu Qualifikationslücken führen, die später – etwa im Fachkräfteaufbau oder in Spezialprojekten – teurer werden. In den nächsten Monaten dürfte daher vor allem die Frage zunehmen, wie Organisationen ihre Nachwuchs-Programme skalieren, ohne dabei Stellenprofile zu „verwässern“; KI wird dabei aller Wahrscheinlichkeit nach in der operativen Arbeit zunehmen, auch wenn die vorliegenden Daten keinen unmittelbaren KI-Effekt auf die Einstiegsnachfrage belegen.
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