BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute sehen die deutsche Konjunktur wieder im Aufwind, aber der bremsende Faktor bleibt das Vertrauen. Für das laufende Jahr erwarten sie ein BIP-Wachstum von 1,3 Prozent nach zuvor 0,6 Prozent. Treiber sind eine robustere Weltwirtschaft, der KI-Boom sowie von der Bundesregierung finanzierte Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung. Gleichzeitig warnen die Institute, dass skeptische Unternehmen und Haushalte Investitionen und Konsum noch zurückhalten.

Deutsche Wirtschaft wächst, aber Vertrauen fehlt: Institute senken den Optimismus
Deutsche Wirtschaft wächst, aber Vertrauen fehlt: Institute senken den Optimismus (Foto: IT BOLTWISE)
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Die aktuelle Konjunkturlage wirkt wie ein Schritt vorwärts, der gleichzeitig neue Fragen aufwirft: Die deutsche Wirtschaft ist zwar seit Ende des vergangenen Jahres „im Aufschwung“, doch nach Einschätzung der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute beruht dieser Aufschwung „auf einem schmalen Fundament“. In der Begründung zieht sich ein roter Faden durch den Bericht der Gemeinschaftsdiagnose: Die Lage verbessert sich, aber die Erwartungshaltung bleibt vorsichtig. Damit wird aus dem kurzfristigen Wachstumsimpuls eher ein Zwischenstand als ein stabiler Trend, denn Investitionen und Konsum reagieren in der Praxis nicht nur auf Produktionszahlen, sondern auch auf Planungssicherheit und politische Kontinuität.

Für das laufende Jahr heben die Institute ihre Wachstumsprognose deutlich an: Das Bruttoinlandsprodukt soll um 1,3 Prozent zulegen, nachdem im Frühjahrsgutachten noch 0,6 Prozent erwartet wurden. Unterm Strich ist dabei auch der Kontext entscheidend, der sich gegenüber früheren Sorgen relativiert hat. Der angekündigte „Energiepreisschock“ blieb laut Darstellung der Institute geringer aus als befürchtet, und die Weltwirtschaft entwickelt sich „erstaunlich robust“. Genau das trägt vor allem die Exportwirtschaft, während die Konjunktur zugleich zeitweise an Tempo verliert, etwa durch Niedrigwasser und hohe Energiepreise.

Technisch betrachtet liegt die Logik der Prognose weniger in einer einzelnen Kennzahl als in der Kombination aus Nachfrageimpulsen und Angebotseffekten. Laut Institutsargumentation kurbeln mehrere Faktoren parallel an: Der Boom rund um Künstliche Intelligenz wirkt in Deutschland vor allem über Investitionen in Anwendungen, Infrastruktur und Automatisierung in verschiedenen Branchen. Dazu kommen von der Bundesregierung mit Schulden finanzierte Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung, die kurzfristig reale Nachfrage schaffen. Interessant ist zudem, wie die Institute die Dynamik für die kommenden Jahre staffeln: Der private Konsum dürfte anziehen, ebenso wie der Wohnungsbau. Für 2027 rechnen sie daher mit 1,1 Prozent Wachstum, während die Erwartungen für 2028 auf 0,4 Prozent zurückgehen.

Gerade diese Spreizung zeigt, wo der Optimismus abnimmt: Dahinter stehen strukturelle Engpässe wie Kapazitätsgrenzen in Unternehmen und ein schrumpfendes Arbeitskräfteangebot. Hinzu kommen hohe Energiepreise sowie steigende Sozialversicherungsbeiträge, also Kostenfaktoren, die sich in Unternehmen schnell in Preissetzung, Investitionsplanung und Beschäftigung übersetzen. Auffällig ist auch der Ton zur Stimmung: Zwar steigt das Geschäftsklima im Ifo-Geschäftsklimaindex auf den höchsten Stand seit mehr als drei Jahren, doch die Institute formulieren den Widerspruch deutlich als „Die Stimmung ist schlechter als die Lage“. Damit ist das zentrale Risiko benannt: Sobald die Akteure das Gefühl haben, dass Rahmenbedingungen kurzfristig wechseln oder Reformen nicht eingehalten werden, verschiebt sich Bereitschaft zur Investition häufig nach hinten.

Entsprechend richten die Institute den Blick auf Politik und Reformpfade. Das Prognosezentrum im Kieler Institut für Weltwirtschaft betont, Reformen dürften nicht nur angekündigt, sondern mit verlässlichem Timing umgesetzt werden, damit sich Unternehmen und Haushalte darauf einstellen können. Werden hingegen Pakete im Quartalsrhythmus angekündigt und anschließend wieder aufgeschnürt oder verschoben, entstehen Unsicherheiten, die sich in Projektbudgets und Einstellungsentscheidungen bemerkbar machen. Konkret nennen die Institute einen Reformkatalog, der unter anderem eine Begrenzung der Sozialversicherungsbeiträge und stärkere Arbeitsanreize für ältere Beschäftigte umfasst. Bei der Energiewende setzen sie stärker auf Preissignale und warnen davor, nationale Alleingänge beim Klimaschutz zu verstärken, statt markt- und investitionsfreundliche Rahmenbedingungen zu sichern.

Auch die Details zur Wirtschafts- und Finanzpolitik sind Teil der Wachstumsstory, allerdings mit Gegenargumenten. Die Institute sprechen sich angesichts absehbarer Finanzierungslücken gegen Steuererhöhungen aus und plädieren stattdessen für Kürzungen bei Staatsausgaben. Dass der Staat bereits stark stimuliert, wird dabei nicht als Aussage gegen Investitionspolitik verstanden, sondern als Hinweis auf die Zusammensetzung der Impulse: Ein großer Teil der Zuwächse seit 2019 sei laut Institutsdarstellung aus staatlich geprägten Wirtschaftsbereichen gekommen. Beim geplanten Tankrabatt zeigen sich die Experten hingegen skeptisch, weil sie ihn als Entlastung mit „der Gießkanne“ ansehen, für die es nach ihrer Bewertung keinen ausreichenden finanzpolitischen Spielraum gibt. Gleiches gilt für den nächsten Schritt bei Sondervermögen: Die Institute erwarten, dass Investitionen aus Infrastruktur- und Klimaprogrammen zügig anlaufen und bei den richtigen Stellen ansetzen.

Wie der Trend von außen eingeordnet wird, unterstreicht die gemischte Signalfunktion der Zahlen. So rechnen andere Organisationen für dieses Jahr mit etwa 1,1 Prozent Wachstum, während der Industrieverband ein Plus von einem Prozent nennt. Bundeskanzler Friedrich Merz sieht derweil Anzeichen für eine Erholung und betont, dass Deutschland „raus“ aus einer Phase schrumpfender oder stagnierender Wirtschaftsleistung sei. Gleichzeitig bleibt der Tenor: Reformen werden dadurch nicht obsolet. Für die Praxis bedeutet das, dass Unternehmen ihre Kapazitäten eher dann hochfahren, wenn Kostenpfade, Energiepreise und Sozialabgabenplanbarkeit deutlicher werden. Vor allem der private Sektor braucht nach Ansicht der Institute wieder mehr Dynamik – und zwar nicht nur aufgrund kurzfristig besserer Daten, sondern wegen stabiler Regeln, die Investitionsentscheidungen über Quartale hinweg tragen.


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