LONDON (IT BOLTWISE) – Trotz zuletzt wieder nachgebender Goldnotierungen sehen Analysten die Hausse noch nicht als beendet. Besonders Zentralbanken und börsengehandelte Gold-ETFs sollen die Nachfrage stützen, obwohl die US-Zinsen höher bleiben. Erwartet wird eine neue Aufwärtsphase mit Kurszielen über 5.000 US-Dollar je Feinunze bis 2027. Im Fokus steht dabei auch eine sich verschiebende Beziehung zwischen Gold und Realzinsen.

Der Goldpreis wirkt in der aktuellen Gemengelage widersprüchlich: In den letzten Wochen ist er laut den vorliegenden Marktbeobachtungen wieder auf etwa 4.250 US-Dollar je Feinunze zurückgefallen, doch genau daraus leiten mehrere Strategen ihre Argumentation für die nächste Rally ab. Die Kernaussage lautet dabei nicht, dass höhere Zinsen Gold automatisch ausbremsen, sondern dass der Markt seine Logik gerade neu ausbalanciert. Statt nur auf die klassische Zinsbrille zu schauen, rücken sie vor allem die physisch unterlegte Nachfrage durch Zentralbanken sowie die Kapitalflüsse über ETFs in den Mittelpunkt.
Technisch-ökonomisch lässt sich diese Sicht gut erklären, wenn man Gold als Anlageklasse betrachtet, deren Renditeerwartungen aus mehreren „Treibern“ entstehen. In vielen Marktphasen korreliert Gold stark mit Realzinsen, weil die Opportunitätskosten von Zinsanlagen gegenüber zinslosem Metall steigen. Im vorliegenden Szenario wird diese Kopplung jedoch als weniger stabil beschrieben: Geopolitische Unsicherheit, das Thema Entdollarisierung und die Sorge vor Währungsentwertung sollen die Nachfrage auch dann tragen, wenn die Zinskurve nicht nach unten zeigt. Hinzu kommt ein zweiter Mechanismus, der in der Argumentation auftaucht: Wenn der Markt bereits mehrere mögliche Zinsschritte der US-Notenbank eingepreist hat, kann eine Abweichung nach unten ein asymmetrisches Aufwärtsrisiko auslösen, obwohl die Nominalwelt kurzfristig „restriktiv“ bleibt.
Im Investment-Alltag wird diese These besonders greifbar, weil die Nachfrage nicht nur aus diskreten Käufen besteht, sondern über handelbare Produkte in den Markt fließt. Nach den genannten TD-Schätzungen haben globale Gold-ETFs seit Juli rund 6,3 Millionen Unzen akkumuliert; entscheidend ist dabei, dass die erneute Straffung nicht zu einem spürbaren Nachfrageknick geführt habe. Auf der Zentralbankseite wird im Drei-Monats-Durchschnitt eine Größenordnung von nahezu 70 Tonnen Gold pro Monat genannt. Solche regelmäßigen Zuflüsse wirken oft wie eine „Untergrenze“ für den Preis, weil sie nicht in derselben Geschwindigkeit auf kurzfristige Kursbewegungen reagieren wie kurzfristige Trading-Positionen.
Daneben spielt die geografische Verteilung eine Rolle, weil sie Erwartungen über die nächsten Quartale formt. Für China wird in den vorliegenden Angaben eine besonders anhaltende Nachfrage beschrieben: Die People’s Bank of China habe seit 22 aufeinanderfolgenden Monaten Goldkäufe gemeldet. Außerdem werden chinesische Netto-Long-Positionen an der Shanghai Futures Exchange nahe einem seit 2017 gemessenen Höchststand verortet. Dazu passt die von BMO Capital Markets genannte Zahl für August: Netto-Goldimporte in Höhe von 124,5 Tonnen, ein Plus von 48 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Aus Strategensicht entsteht daraus nicht nur ein Momentum-Effekt, sondern auch ein mögliches „Nachholpotenzial“, weil die diskretionäre, spekulative Positionierung angeblich noch nicht wieder die Niveaus erreicht hat, die in früheren Hochphasen beobachtet wurden.
Auch die konkurrierenden Prognosen im Marktbild zeigen, wie unterschiedlich die Strategen ihre Zeithorizonte und Preisanker setzen. BMO Capital Markets bleibt der in der Quelle beschriebenen Long-Perspektive treu und hält an der Erwartung fest, dass Gold im ersten Quartal 2027 wieder über 5.000 US-Dollar je Feinunze zurückkehrt. Kurzfristig wird aber eine Bremse eingezogen: Im Juni senkte die Bank die Zielspanne für das zweite Halbjahr auf einen Durchschnitt von 4.625 US-Dollar. Standard Chartered geht wiederum von einem durchschnittlichen Preis nahe 4.650 US-Dollar im vierten Quartal aus und erwartet für den Dezember noch einen weiteren Zinsschritt, danach jedoch eine Phase unveränderter Geldpolitik bis 2027. Fidelity schließlich stützt einen fairen Wert um 5.000 US-Dollar stärker auf ein Modell, das Gold mit globaler Liquidität statt mit Realzinsen koppelt. Genau diese Bandbreite ist für Anleger relevant: Sie zeigt, dass nicht „eine“ Variable allein entscheidet, sondern wie sich mehrere Faktoren über Zeit überlagern.
Für die Marktmechanik bedeutet das: Wenn Zentralbanken und ETF-Nachfrage zugleich wirken, kann Gold kurzfristige Rücksetzer überstehen, ohne dass die grundlegende Nachfragekurve bricht. Gleichzeitig bleiben Risiken bestehen, etwa wenn die Realzinsen doch stärker anziehen als erwartet oder wenn sich die Erwartungshaltung zur Geldpolitik schneller dreht als die physischen Käufer nachziehen. Trotzdem lautet das stimmige Gesamtbild in den vorliegenden Einschätzungen, dass die nächste Aufwärtsphase weniger aus einem einzelnen Datenpunkt entsteht, sondern aus dem Zusammenspiel aus persistenter Absicherung, strukturellem Portfolio-Interesse und liquiditätsgetriebenem Kapitalfluss. Wer diese Perspektive in der Strategieplanung berücksichtigt, sollte deshalb weniger nur auf kurzfristige Kursreaktionen schauen, sondern die Treiber hinter den Preisbewegungen regelmäßig gegeneinanderstellen.
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