LONDON (IT BOLTWISE) – Ein neuer Kostenindex für die ersten 90 Tage zeigt: Das Basis-Software- und Infrastrukturpaket wird teurer, besonders dort, wo Preise übergreifend anziehen. Gleichzeitig verschiebt sich die Kaufreihenfolge deutlich – KI-Abos rücken vom späteren Projekt hin zum frühen Day-One-Ausgabenposten. In den 2026er Daten taucht Claude in 62% der neuen Unternehmen auf und erreicht damit den Spitzenplatz, noch vor Google Workspace. Für Gründer bedeutet das: KI muss früh ins Budget, nicht erst als nachträgliches Add-on.

Ein Preisindex wirkt auf den ersten Blick wie ein Werkzeug aus der Makroökonomie: Man definiert eine feste Waren-„Einkaufsliste“ und beobachtet dann, wie sich deren Kosten über Zeit verändern. Genau dieses Prinzip wenden Forschende jetzt auf Unternehmensgründungen an – mit einer wichtigen Nuance. Statt einen Warenkorb für eine Volkswirtschaft zu bauen, wird ein Startup-spezifisches „Starter Kit“ aus Software- und Hardware-Ausgaben zusammengestellt, das nach demselben Muster jedes Jahr neu bewertet wird. Die Datengrundlage ist anonymisiert und aggregiert: Für die ersten 90 Tage im Leben neuer Unternehmen werden die typischen Käufe betrachtet, wobei Reise und Mahlzeiten außen vor bleiben.
Der Kern des Ansatzes lautet „mindestens 1 von 10“. Händler werden danach gerankt, wie häufig neue Firmen in diesem frühen Zeitraum bei ihnen einkaufen. Wer in einem Jahr diese Schwelle überschreitet, gehört in die fest definierte Liste für genau dieses Jahr. Im Zeitraum 2023 bis 2025 schaffen es jedes Mal 15 Anbieter in den jeweils gültigen festen Kern – darunter Google Workspace, Amazon, OpenAI, Slack, Apple, LinkedIn, GitHub, Zoom, AWS, Intuit, GoDaddy, DocuSign, Microsoft, Figma und Notion. Ab 2023 stoßen dann Cursor und Claude hinzu, weil sie die 10%-Marke überschreiten. Damit wird greifbar: Die erste Phase eines Startups hat zwar je nach Branche unterschiedliche Ausgaben, aber ein kleiner, wiederkehrender Stack bildet sehr häufig den Sockel.
Bei den Kosten zeigt der Index zunächst eine Art S-förmigen Verlauf. Für die 2023er Kohorte liegt das feste Kit bei 3.886 US-Dollar, 2024 sinkt es auf 3.391 US-Dollar, 2025 steigt wieder auf 3.772 US-Dollar und 2026 erreicht es 4.417 US-Dollar. Auf den ersten Blick wirkt der Gesamttrend daher nicht linear, sondern wie eine Abfolge von Dämpfung, teilweiser Erholung und anschließendem Schub nach oben. Über die drei vollständig beobachteten Kohorten 2023 bis 2025 liegt das Kit insgesamt „roughly flat“. Der entscheidende Hinweis steckt in den Einzelpositionen: Wenn man Apple und Amazon ausklammert, wächst die reine Software- und Infrastrukturkomponente dennoch von 1.525 auf 1.766 US-Dollar – also um 16%. Der Anstieg ist damit nicht nur ein Effekt einzelner Hardware- oder Bündelpreispakete, sondern zieht sich in den Stack hinein.
Innerhalb des festen Kerns verschiebt sich außerdem die interne Preislogik. Infrastruktur- und Backoffice-Tools werden im Median spürbar teurer: AWS steigt von 186 auf 295 US-Dollar, Microsoft von 68 auf 150 US-Dollar und Intuit von 70 auf 118 US-Dollar; auch Google Workspace liegt mit 72 auf 101 US-Dollar höher. Parallel dazu geben klassische Kollaborations- und Design-Werkzeuge nach – allerdings nicht genug, um die Aufwärtsbewegung zu kompensieren. Figma fällt im Median von 144 auf 65 US-Dollar, Slack von 88 auf 60, Zoom von 93 auf 54. GitHub bleibt am stabilsten und bewegt sich nur leicht; selbst dort liegt der Preis im Jahresvergleich eher im Bereich einiger weniger Dollar. Die Botschaft für Gründer ist damit zweigeteilt: Bestimmte „Default“-Tools sind günstiger geworden, aber die Kosten steigen vor allem dort, wo Infrastruktur und Unternehmenssoftware zusammenkommen.
Noch stärker als über die festen 15 Anbieter verändert sich die Kaufreihenfolge durch KI. Während OpenAI in den Daten relativ konstant um etwa 80 US-Dollar liegt, passiert die eigentliche Dynamik bei Claude und Cursor. Claude springt von einem kaum messbaren Wert in 2023 auf eine Kaufbeteiligung von 62% in der 2026er Kohorte und wird damit zum meistgekauften Bestandteil des jeweiligen 2026er Kits – noch vor Google Workspace mit 41%. Auch Cursor etabliert sich deutlich: Von 2023 mit einem Median von 40 US-Dollar geht es bis 2026 auf 223 US-Dollar, und zugleich gehört Cursor in 31% der Firmenkäufe zu den ersten 90 Tagen. Wichtig ist dabei die Absurdität, die für viele Teams neu wirkt: Diese Ausgaben sind im Alltag „line items“, die 2023 in dieser Form kaum existierten oder jedenfalls nicht so früh sichtbar waren. KI funktioniert damit nicht nur als Zusatz, sondern als strukturelle Verschiebung im Ausgabenmuster.
Die jährliche Liste „lebt“ zusätzlich, weil jedes Jahr andere Voraussetzungen greifen, welche Händler die 10%-Schwelle überspringen. Beim Vergleich zwischen 2023 und 2026 fällt ein Wechsel in der mittleren Schicht besonders auf: Webflow (von 18% auf 6%), Google Domains (15% auf 0), Paddle (13% auf 0), Calendly (20% auf 9%) sowie weitere Kandidaten verlassen den festen Kern. Zwei Abgänge haben dabei besondere Erklärlogik: Google Domains wurde teils geschlossen und an einen anderen Anbieter überführt, und Paddle spiegelt als Abrechnungsdienst eher die Vendor-Landschaft wider als eine reine Gründernachfrage. Auf der anderen Seite kommen Claude (0,2% auf 62%), Cursor (0,7% auf 31%) und außerdem weitere Infrastruktur- und KI-nahe Anbieter wie Vercel, Google Cloud, Supabase und Cloudflare hinzu. Genau dieser Tausch erklärt die scheinbare Paradoxie: Obwohl der feste Kit-Preis insgesamt nach oben zieht, bleibt die Summe über den „living kit“ zwischen 2023 (5.058 US-Dollar) und 2026 (4.940 US-Dollar) ungefähr flach.
Der Index liefert damit auch eine praktische Handlungsregel für die Planung: Wer heute gründet, sieht KI-Abos in der Regel nicht erst im sechsten Monat, sondern im frühen Zeitfenster. In der 2026er Kohorte liegt die Zeit vom ersten Karten-Charge bis zur ersten KI-Charge bei neun Tagen, gegenüber 24 Tagen in der 2023er Kohorte. Zudem startet bei etwa einem Fünftel der Firmen bereits die allererste Kartenbelastung bei einem KI-Anbieter – damals waren es weniger als 3%. Für Finanzplanung und Budget-Controlling heißt das konkret, dass KI-Abonnements als Day-One-Position behandelt werden sollten. Entscheidend bleibt, ob die höheren KI-Sitzplatzpreise weiter steigen, während die „klassische“ Kollaborations- und Infrastruktur-Schicht weiter dekontiert wird, oder ob sich die beobachtete, relativ stabile Gesamtkostenlinie fortsetzt.
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