LONDON (IT BOLTWISE) – Laut dem Krypto-Analysten Benjamin Cowen passt das aktuelle Makro-Bild zwar zu einer Schwächephase, aber Bitcoin läuft dagegen. Steigende Ölpreise treiben demnach die Renditen: Die 10-jährige US-Staatsanleihe liegt bei 5,1 %, während die 2-jährige Rendite in einem Tag um 20 Basispunkte auf 4,9 % springt. Gleichzeitig bleibt die Fed mit rund 4 % aus Cowens Sicht zu langsam, was Dollar und US-Aktien dämpft. Cowen sieht nun vor allem auf den wöchentlichen Schlusskurs über der 50-Wochen-Linie und den Bereich um 83.000 US-Dollar, um die nächsten Schritte einzuordnen.

Dass Bitcoin sich derzeit im Makro-„Gegentakt“ zu Gold und Aktien bewegt, wirkt wie ein Ausnahmefall in einem Umfeld, das eigentlich für Risikoassets und breit gefächerte Marktpositionierungen weniger freundlich ist. Der Krypto-Analyst Benjamin Cowen beschreibt das Gefühl dabei mit einem konkreten Bild: Er vergleicht den aktuellen Zustand mit „the upside down“, also einer verkehrten Welt, in der die erwartete Reihenfolge der Bewegungen nicht eintritt. Technisch spannend ist dabei weniger das Bauchgefühl als die Frage, wie sich ein einzelnes Asset gegen einen übergreifenden Treiber wie Zinskurve und US-Dollar durchsetzen kann.
Im Kern stützt Cowen seine These auf die Wechselwirkung aus steigenden Zinsen, einem festeren US-Dollar und nachlassendem Risikoappetit. In seiner Darstellung steigen die Renditen im Zuge höherer Ölpreise; dadurch gerät auch die 10-jährige US-Rendite unter Druck nach oben, die er mit 5,1 % beziffert. Parallel betrachtet er die 2-jährige Rendite als häufig verwendeten Näherungswert für eine „neutrale“ Zinsrate und nennt einen Sprung um 20 Basispunkte innerhalb eines Tages auf 4,9 %. Wenn die Fed Funds Rate dagegen nur bei etwa 4 % liegt, ergibt sich aus Cowens Perspektive eine Lücke von rund einem Prozentpunkt – und genau diese Lücke, so seine Argumentation, bremst das Ziel, Inflation zügig einzufangen.
Für die Marktseite bedeutet das: Wenn Renditen steigen und der Dollar fester wird, reagieren häufig zuerst jene Segmente, die besonders stark mit Liquiditätsbedingungen und Diskontierungserwartungen verknüpft sind. Cowen verortet diese Mechanik bereits in der Entwicklung des S& P 500: Der Index habe Mitte August ein Hoch ausgebildet und seitdem kein neues Hoch mehr markiert. Gold und Silber ordnet er ebenfalls in einen erwarteten Schwächezeitraum ein, konkret in das Fenster von Mitte September bis Mitte Oktober, das er zuvor prognostiziert hatte. In dieser Konstellation wirkt es zunächst konsistent, dass „klassische“ Makrobarometer auf dem Rückzug sind – nur eben nicht vollständig, wenn man Bitcoin betrachtet.
Der eigentliche Outlier ist für Cowen Bitcoin selbst. Während das Setup laut seiner Makro-Erzählung eher eine Schwäche hätte nahelegen können, kam stattdessen ein Breakout nach oben. Er ordnet den aktuellen Kursverlauf dabei in zwei frühere Muster ein: 2019 folgte auf ein „Golden Cross“ (der Kreuzen-Point, an dem eine kurzfristige Durchschnittslinie eine längerfristige nach oben überholt) zunächst ein Dump und anschließend eine Rally. 2023 habe man eine sehr ähnliche Folge gesehen: wieder zunächst ein Rücksetzer, dann eine Erholung. Auch aktuell sieht Cowen Parallelen, jedoch mit dem Unterschied, dass Bitcoin diesmal nicht „fällt“, sondern aus dem erwarteten Bewegungsrahmen ausbricht.
Ein weiterer, konkreter technischer Prüfstein ist der Wochenchart. Cowen verweist darauf, dass Bitcoin die Woche über seinem 50-Wochen-Moving-Average (50-Wochen-Durchschnitt) abgeschlossen hat – und hebt als Vergleich die bear-market-ähnliche Ausnahme von 2015 hervor. Dort habe Bitcoin zwar die Marke zunächst überboten, sie aber später nicht halten können: ein „false breakout“, der schließlich in ein neues Tief mündete. Genau deshalb ist seine Aussage zur aktuellen Lage so entscheidend: Mit dem Handel oberhalb des Mai-Hochs habe sich die Wahrscheinlichkeit zugunsten der Bullen verschoben. Gleichzeitig räumt er ein, dass seine kurzfristige Trefferquote gelitten hat, weil er zuvor nur eine 35%-Wahrscheinlichkeit dafür ansetzte, dass das Tief bereits eingepreist ist. Wer sich mit solchen Modellen beschäftigt, erkennt hier das typische Spannungsfeld aus makroökonomischen Leitplanken und der tatsächlichen Kursdynamik, die sich nicht linear daran hält.
Für das weitere Vorgehen nennt Cowen eine relativ klare Aktion: Entscheidend ist der wöchentliche Schlusskurs. Jede zusätzliche Woche, in der Bitcoin oberhalb des Mai-Hochs schließt, liefert für ihn zusätzliche Validierung, dass das Tief wirklich „drin“ ist. Fällt der Kurs dagegen wieder unter 83.000 US-Dollar, würde sich nach seinem ursprünglichen Erwartungsbild ein Pullback im vierten Quartal vorbereiten – auch wenn das nicht zwangsläufig bedeuten müsse, dass es danach sofort zu einem neuen Tief kommt. Interessant ist außerdem der Vergleich mit Silber: Cowen erinnert daran, dass ein Breakout-Trade im Jahr 2012 auf der Ebene wöchentlicher Abschlüsse zunächst scheiterte, bevor sich das Bild letztlich zugunsten eines höheren Verlaufs auflöste. Dieser Hinweis zeigt, dass „Breakout“ im Sinne einer langfristigen Trendbestätigung für manche Märkte erst nach bestätigten Closing-Events belastbar wird.
Was bleibt, ist eine Datenaufteilung, die die nächsten Entscheidungen in der Praxis strukturiert. Auf der einen Seite stehen für Cowen die gegenläufigen Makro-Faktoren: steigende Renditen, ein stärkerer Dollar, ein S& P-500, der seit Mitte August keinen neuen Hochpunkt erreicht, sowie ein angedeuteter Druck auf Gold. Diese Kette spräche eher für Vorsicht. Bitcoin hingegen, so seine Lesart, arbeitet gegen diese Richtung – und Cowen bringt es in seiner eigenen Formulierung auf den Punkt: „Markets don’t have to make sense“, also Märkte müssen sich nicht zwangsläufig in das eigene Rahmenwerk einordnen lassen. Für Unternehmen und Marktteilnehmer bedeutet das weniger „Panik“ oder „Kaufen um jeden Preis“, sondern eine nüchternere Erwartungshaltung: Wenn ein Asset mehrfach Wochen dicht über Schlüsselmarken schließt, steigt der Bedarf an Re-Assessment der Annahmen; gleichzeitig kann ein Rückfall unter definierte Triggerzonen bedeuten, dass das ursprüngliche Szenario wieder mehr Gewicht bekommt.
Technisch betrachtet ist genau diese Mischung aus Makro-Signalen und Chart-Confirmation der Punkt, an dem sich Trading- und Risikomanagement-Logiken unterscheiden. Während makroökonomische Treiber oft langsam wirken und in Erwartungsänderungen an den Terminmärkten sichtbar werden, zeigt der Bitcoin-Preis auf dem Chart unmittelbar, welche Liquidität und welches Momentum dominiert. Für die Planung von Portfolios – etwa bei der Frage, wie stark man Korrelationen zu Zins- und USD-Bewegungen erwartet – kann die aktuelle Phase deshalb als Stresstest dienen: Wenn das klassische Muster „Zinsen hoch, Risiko raus“ nicht überall gilt, muss man Annahmen zur relativen Stärke einzelner Märkte überprüfen. Cowens Betonung, dass er Preisbewegungen vorerst über seinen eigenen Rahmen stellt, ist in diesem Sinn weniger ein Verzicht auf Modellierung als eine pragmatische Priorisierung dessen, was sich im Markt tatsächlich bestätigt.
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