LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie prüft, ob sexuelle Objektifizierung die vermeintliche Menschlichkeit von OnlyFans-Creators „löscht“. Die Ergebnisse zeigen: Beobachter können Inhalte durchaus objektifizierend wahrnehmen, schreiben der Person aber weiterhin Entscheidungsfreiheit zu. Besonders stark wird diese Handlungsfähigkeit über die wahrgenommene Motivation erklärt, nicht über Kleidung oder alleinige Einkommenshöhe. Offen bleibt, wie sich die Wahrnehmung verändert, wenn Menschen selbst regelmäßig Abos für explizite Inhalte kaufen.

Die Forschung zu Dehumanisierung geht seit Jahrzehnten von einem widersprüchlich wirkenden Mechanismus aus: Wer andere vor allem als Körper und Erscheinung betrachtet, soll ihnen häufig Eigenschaften absprechen, die als „menschlich“ gelten – etwa Selbstbestimmung oder die Fähigkeit, mit Absicht zu handeln. Genau diese klassische Annahme nimmt eine neue Arbeit zum Anlass, sie für digitale Plattformen zu testen, auf denen Betroffene ihre Darstellung aktiv kuratieren. Im Zentrum steht die Frage, ob sexuelle Objektifizierung im Netz automatisch die Handlungsfähigkeit („agency“) ausradieren muss oder ob sich Wahrnehmungen neu zusammensetzen, wenn die Rollen für Produzenten und Konsumenten näher aneinander rücken.
Sexuelle Objektifizierung bedeutet in diesem Kontext, dass eine Person auf Körperteile oder Äußerlichkeiten reduziert wird, um die Wünsche anderer zu bedienen. In der psychologischen Literatur wird diese Fokussierung häufig mit Dehumanisierung verknüpft: Wenn Beobachter ausschließlich auf das „Wie sie aussieht“ schauen, blenden sie demnach das „Wer sie ist“ und „was sie will“ aus. Als zentrale „Bruchstelle“ gilt dabei die agency – also die Fähigkeit, zu denken, zu planen und mit Absicht zu handeln. Frühere Studien kamen häufig zu dem Schluss, dass objektifizierte Frauen als passiv wahrgenommen werden und weniger Kontrolle über eigene Entscheidungen haben. Die neue Studie stellt nun die Gültigkeit dieses Musters für eine Umgebung in Frage, in der Creators nicht nur dargestellt werden, sondern die Präsentation selbst steuern.
OnlyFans fungiert dabei als konkretes Testfeld für eine Form digitaler Selbstinszenierung: Creator teilen explizite, personalisierte Inhalte direkt mit zahlenden Abonnenten, während sie – zumindest in der Selbstdarstellung – über Taktung, Stil und Preisstruktur mitbestimmen. Das Forscherteam um Chiara Pecini und Alessandra Sacino von der Universität Genua wollte deshalb wissen, ob Beobachter jemanden objektifizieren können, ohne die Person zugleich als handlungsunfähig abzustempeln. In vier Experimenten wurden Wahrnehmungen gezielt variiert: Zunächst lasen 220 Männer fiktive Umfrageantworten, die einer jungen Frau zugeschrieben waren. Die einen erhielten die Information, die Frau nutze OnlyFans aktiv und genieße die Erstellung von Content, die anderen nicht. Zwar äußerten die Teilnehmer in der OnlyFans-Bedingung eine höhere Absicht, die Person sexuell zu objektifizieren – aber sie schrieben ihr deshalb nicht weniger Fähigkeit zu, Entscheidungen zu treffen oder Selbstkontrolle auszuüben.
Um zu prüfen, ob dieser Befund nur für eine bestimmte Art sexualisierter Tätigkeit gilt, verglichen die Forschenden die OnlyFans-Creator in einem zweiten Experiment (253 Männer) mit einer „Motorsport Umbrella Girl“-Rolle, einer eher traditionellen Beschäftigung, bei der Frauen neben Rennfahrern stehen. Zusätzlich wurden Bilder gezeigt, entweder in stark sexualisierten oder in eher casualen Outfits, die jeweils als vom KI-System generiert beschrieben waren. Wieder ergab sich ein klares Muster: Die Absicht, zu objektifizieren, war bei der digitalen Content-Creator höher als bei der Umbrella-Girl-Person. Gleichzeitig beurteilten die Teilnehmer der Creator jedoch weiterhin mehr „free will“ – unabhängig davon, ob das Outfit sexualisiert war oder nicht. Dass die Kleidung allein die Ergebnisse nicht signifikant verschob, deutet darauf hin, dass vor allem die berufliche Rolle und nicht die sichtbare Sexualisierung den Wahrnehmungsrahmen bestimmt.
Die Arbeit geht anschließend einen Schritt weiter und nimmt die Logik „Geld gleich Autonomie“ auseinander. In Experiment drei (188 Männer und Frauen) wurde eine Creator anhand zweier Einkommensniveaus beschrieben – 4.000 Euro monatlich gegenüber 120 Euro – wieder ergänzt durch Unterschiede im Kleidungsstil. In diesem Test änderten weder Einkommenshöhe noch Outfit-Varianz die Bewertungen so, dass sich statistisch belastbare Effekte auf die zugeschriebene Handlungsfähigkeit ergaben. Die Autorinnen und Autoren vermuten dabei, dass finanzieller Erfolg allein nicht automatisch Autonomie kommuniziert, wenn Beobachter nicht wissen, welche persönlichen Motive hinter der Darstellung stehen. Genau diese Motivation prüfte Experiment vier mit 323 Teilnehmenden: Hier kombinierten die Profile Einkommensangaben mit intrinsischer versus extrinsischer Motivation. Intrinsisch bedeutete, dass die Creator die Präsentation ihres Körpers genießt und sich geschätzt fühlt; extrinsisch bedeutete eine Entscheidung aus finanzieller Notwendigkeit. Entsprechend wurde eine höhere „self-determination“ – als spezielle Facette von agency – der intrinsisch motivierten Creator zugeschrieben. Ein höheres Einkommen erhöhte diesen Eindruck zusätzlich leicht.
Neben der inhaltlichen Kernaussage liefert die Studie auch Hinweise auf Unterschiede in der Sensitivität gegenüber den Motiven: Weibliche Teilnehmende reagierten stärker auf die Motivationdetails als männliche. Sie justierten ihre Bewertungen deutlicher danach, ob die Creator Freude an der Tätigkeit ausdrückte. Männer hingegen betrachteten die Creator insgesamt ähnlicher, selbst wenn die zugrundeliegende Motivation unterschiedlich war. Das Gesamtergebnis formt damit ein differenzierteres Bild: Es gibt in dieser modernen digitalen Konstellation offenbar eine Variante von Objektifizierung, in der die Zielperson zwar sexualisiert betrachtet wird, aber ihre vermeintliche Menschlichkeit – verstanden als Fähigkeit zur Entscheidung – erhalten bleibt.
Damit bleibt ein ambivalenter Punkt. Die Autorinnen und Autoren weisen darauf hin, dass diese zugeschriebene Handlungsfähigkeit auch auf einer Art Wahrnehmungsillusion beruhen kann: Sobald Content digital verbreitet wird, verlieren Creator häufig Kontrolle darüber, wo Bilder tatsächlich landen. Nicht zustimmendes Teilen und Online-Belästigung sind als Risiko naheliegend, auch wenn sie nicht Teil des Experimentdesigns waren. Außerdem kann ein öffentliches Narrativ, das Creators als vollständig verantwortlich für die Sexualisierung betrachtet, zu weniger Empathie führen, wenn sie Datenschutzverletzungen oder Missbrauch erleben. Schließlich gilt in Experimenten stets: Fiktive Profile und der fehlende Austausch mit echten Gesprächspartnern bilden nicht die gesamte soziale Dynamik einer realen Plattform ab.
Für die Forschung und für Unternehmen, die digitale Content-Umgebungen gestalten, ist vor allem relevant, dass sich Wahrnehmungen nicht auf „objektifiziert = entmenschlicht“ reduzieren lassen. Die Ergebnisse legen nahe, dass Motivation, Kontext und Rollenverständnis die Bewertung von agency stark beeinflussen können. Gleichzeitig sind die nächsten Schritte klar: Die Autorinnen und Autoren nennen, dass Menschen, die regelmäßig selbst explizite Inhalte erwerben, möglicherweise anders urteilen. Ebenso interessant wäre zu testen, ob sich der Befund auf andere Formen digitaler Sexarbeit übertragen lässt oder ob sich das Muster bei anderen Plattformtypen und Rollenbildern wieder auflöst.
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