LONDON (IT BOLTWISE) – Bei dem Bitget-Hack sollen Angreifer 351,6 Millionen US-Dollar gestohlen haben, darunter rund 103 Millionen XRP. Laut Darstellung von Bitgets CEO nutzten die Täter nicht gestohlene Schlüssel, sondern gefälschte Transaktionsdaten, die unautorisierte Abhebungen aus den Hot-Wallets auslösten. Das betrifft den Kernpunkt: XRP lässt sich auf der XRP Ledger-Ebene nicht einfrieren, weil Freeze-Tools nur für ausgegebene Token gelten. Für Anleger ist das Risiko dennoch begrenzt, hängt aber stark davon ab, ob die Täter XRP in kurzer Zeit am Markt verkaufen.

Der Bitget-Vorfall zeigt eine Besonderheit, die viele Marktteilnehmer im Alltag ausblenden: Nicht jedes Krypto-Asset lässt sich nach einem Diebstahl tatsächlich „einfrieren“. Bitget berichtet, dass Angreifer über eine Schwachstelle im Backend-System gefälschte Transaktionsdaten eingespeist haben. Damit soll die Freigabe-Logik der Börse 19 unautorisierte Abhebungen aus den Hot- und Warm-Wallets ausgelöst haben. Wichtig ist dabei die Abgrenzung zur klassischen „Key-Compromise“-Erzählung: Die Angreifer sollen nicht an die privaten Schlüssel gekommen sein, und die Cold-Wallets seien weiterhin geschützt geblieben. Erst als eine erste unautorisierte Überweisung gegen 18:31 UTC erkannt wurde, stoppte Bitget die weiteren Abhebungen, während Ein- und Auszahlungen zunächst eingeschränkt weiterliefen.
Technisch betrachtet lag der Angriff damit nicht im „Schlüssel stiehlt Exchange“, sondern im „Exchange genehmigt falsche Transaktionen“. Das ist ein anderes Risiko-Profil als bei Fällen, in denen Angreifer vollständigen Zugriff auf Signierschlüssel erhalten. Wenn die Backend-Prüfung beispielsweise Transaktionsparameter oder Freigabesignale nicht ausreichend gegen Manipulationen absichert, kann es zu unautorisierter Auszahlung kommen, ohne dass die Cold-Wallet-Keys kompromittiert werden. Dass Bitget anschließend weiter untersucht und dabei auch auf Übereinstimmungen bei verwendeten IP-Adressen verweist, ordnet den Vorfall in die breitere Landschaft vergangener Kampagnen ein, bleibt aber ohne endgültige Zuschreibung. Für Betreiber bedeutet das: Selbst starke Wallet-Hygiene schützt nicht automatisch, wenn die Genehmigungsstrecke zwischen Nutzerlogik, internen Validierungen und Auszahlungsprozessen angreifbar ist.
In der Schadenssumme dominierte XRP. Von den 351,6 Millionen US-Dollar sollen rund 44% XRP betroffen haben, also etwa 103 Millionen XRP im Wert von ungefähr 157 Millionen US-Dollar zum damaligen Zeitpunkt. Daneben werden weitere Assets genannt: etwa 31.900 Ethereum im Wert von rund 86 Millionen US-Dollar sowie etwa 75 Millionen US-Dollar in Stablecoins wie USDT und USDC. Hinzu kommen außerdem 3.000 XAUt (tokenisiertes Gold) im Wert von circa 13 Millionen US-Dollar sowie kleinere Positionen in BNB, Avalanche und Tron. Auffällig sind die späteren Transfermuster: Das XRP wurde demnach rasch auf neue Adressen umgebucht und auf fünf Wallets verteilt, wobei ein Teil der Transaktionen winzige XRP-Beträge von 0,00001 XRP enthalten soll. Solche Kleinstzahlungen werden häufig als „Rauschsignal“ genutzt, um Wallet-Cluster bei Analysen zu erschweren, etwa wenn Zieladressen mit ähnlich aussehenden Einträgen verwechselt werden.
Der zentrale Punkt für die Anleger-Perspektive ist jedoch die Frage nach der Einfrierbarkeit. XRP funktioniert auf dem XRP Ledger, und Freeze-Mechanismen beziehen sich nur auf ausgegebene Token – also Token, die von einer emittierenden Organisation erstellt werden. Das native Asset XRP selbst kann daher nicht eingefroren werden, weder durch Ripple noch durch die XRP Ledger Foundation oder eine andere Instanz. Selbst wenn eine Börse betroffen ist, kann sie typischerweise nur Vermögenswerte in ihren eigenen Konten sperren – XRP „im freien Umlauf“ bleibt davon unberührt. Genau diese Logik erklärt, warum im Fall Bitget neben XRP auch andere native Coins wie ETH, BNB, Avalanche und Tron als nicht einfrierbar gelten, zusammen also einen großen Teil der genannten Gesamtsumme ausmachen. Im Gegensatz dazu können Vermögenswerte wie Dollar-Token oder tokenisiertes Gold je nach Emittent und Vertragslage eher durch entsprechende Mechanismen gebunden sein.
Um mögliche Sperrungen weiter zu umgehen, sollen die Angreifer laut Darstellung einen Teil der gestohlenen Mittel während des Vorfalls in Richtung ETH umgeschichtet haben. Das verschiebt den Fokus von „kann eingefroren werden“ hin zu „muss über Liquidität abverkauft werden“. Denn selbst wenn ein bestimmtes Asset nicht eingefroren werden kann, bleibt der Praxishebel: Liquidität zu finden. Der Verkauf großer Mengen hängt dann davon ab, über welche Börsen, Swap-Dienste und Handelsrouten die Täter liquidieren, und ob diese Zwischenstationen Transaktionen noch stoppen können. Konkrete Marktspuren zeigen sich bereits in der On-Chain-Beobachtung: Bislang wurden laut Tracker-Analysen rund 400.000 XRP im Bereich von etwa 620.000 US-Dollar von einer Wallet weiterbewegt, zudem soll ein weiterer XRP-Block über einen Swap-Service sichtbar geworden sein. Ob daraus kurzfristiger Preisdruck entsteht, ist weniger eine Frage der „Unfreeze“-Eigenschaft als vielmehr der Timing-Entscheidung.
Aus Marktsicht fällt das Risiko für XRP-Inhaber eher begrenzt aus, zumindest im Verhältnis zur gehandelten Menge. Der gestohlene XRP-Block mit einem damaligen Wert nahe 160 Millionen US-Dollar entspricht in der Argumentation der Quelle etwa 3,8% des XRP-Handelsvolumens über 24 Stunden rund um den 25. September. Zusätzlich werden Zuflüsse bei XRP-basierten ETFs genannt, etwa 38 Millionen US-Dollar an Inflows an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Für Bitget-Kunden kommt außerdem eine interne Schutzmechanik ins Spiel: Bitgets CEO verweist auf einen User Protection Fund mit einem Volumen von 5.500 BTC im Wert von über 464 Millionen US-Dollar, der demnach den Verlust vollständig abdecken soll. Entscheidend bleibt trotzdem das Verhalten der Täter nach Wiederaufnahme möglicher Abhebungen: Wenn sie größere XRP-Mengen in kurzer Zeit verkaufen, kann das den Markt spürbarer bewegen als ein gestaffeltes Vorgehen. Wenn hingegen Abhebungen erst verzögert wieder möglich sind und ein Teil der Beute in Wallets geparkt bleibt, wird der Schaden vor allem Bitget selbst treffen – nicht zwingend den gesamten XRP-Markt.
Für Entscheider in der Krypto-Infrastruktur ist der Fall damit ein Lehrstück über die Grenzen typischer Sicherheitsannahmen. Hot- und Cold-Wallet-Trennung ist wichtig, aber sie reicht nicht aus, wenn die Genehmigungsstrecke im Backend durch manipulierte Transaktionsdaten aus dem Tritt gebracht werden kann. Gleichzeitig zeigt der Vorfall, dass „nicht einfrierbar“ nicht automatisch „unaufhaltsam“ bedeutet: Zwischenstationen wie Börsenkonten, Swap-Pipelines und die Geschwindigkeit der Täter bleiben reale Variablen. Für Anleger bedeutet das schließlich: Das Asset-Risiko hängt nicht nur von technischen Eigenschaften wie Freeze-Rechten ab, sondern vor allem von Liquiditätswegen, Ausführungsfriktionen und dem Handels-Timing. Genau hier entscheidet sich, ob aus einem spektakulären Hack kurzfristige Kursveränderungen werden oder ob der Markt den Vorfall im Kern absorbiert.
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