LONDON (IT BOLTWISE) – Der Milchindustrie-Verband rechnet mit spürbaren Preissteigerungen für Milch, Joghurt und Quark. Hintergrund sind ein Fünfjahrestief beim Milchpreis, regionale Einbußen durch Sommerdürren sowie Erwartungen, dass ein El-Niño-Effekt die weltweite Milchanlieferung weiter dämpft. Erste Gespräche zu neuen Kontrakten rund um die „Weiße Linie“ laufen bereits. Parallel deutet sich bei Butter wieder eine Erholung an, während der Proteinboom die Nachfrage nach Molkenprodukten zusätzlich anzieht.

Die „Weiße Linie“ könnte schon in den kommenden Kontraktzyklen spürbar teurer werden: Milch, Joghurt und Quark stehen laut Milchindustrie-Verband (MIV) erneut im Fokus, weil sich die Kostensituation in der Lieferkette verschiebt und die Marktlage aus Sicht der Hersteller nicht dauerhaft „billig“ bleibt. Der Einstiegspunkt für die Diskussion ist dabei eindeutig: Der MIV beziffert den Milchpreis aktuell rund ein Viertel unter dem Vorjahresniveau und ordnet ihn damit als Fünfjahrestief ein. In der Praxis bedeutet das, dass sich bereits jetzt Spielräume für höhere Erlöse in den Verhandlungen auftun könnten – mit unmittelbaren Folgen für Handelsspannen und vor allem für Eigenmarken, die auf stabile Einkaufspreise angewiesen sind.
Für die erwartete Trendwende nennt der Verband mehrere Einflussfaktoren, die sich gegenseitig verstärken. Erstens wächst die Nachfrage nach Milch und Milchprodukten nach Angaben des MIV sowohl in Deutschland als auch international „ausgesprochen gut“. Zweitens habe eine sommerliche Dürrephase die Milchanlieferung regional deutlich einbrechen lassen – und das trifft vor allem Regionen, in denen Futtermittelknappheit und Wetterextreme schnell auf die verfügbare Milchmenge durchschlagen. Drittens kommt eine globale Komponente hinzu: Viele Experten rechnen wegen eines starken El-Niño-Effekts im tropischen Pazifik mit einer Abschwächung der weltweiten Milchanlieferung. Gerade für Exportregionen ist das relevant, weil Dürrephasen dort nicht nur die Angebotsmengen reduzieren, sondern sich in der Preisbildung über Warenströme und Notierungen auswirken.
Dass diese Mechanik den deutschen Milchmarkt direkt betrifft, liegt auch an der Exportorientierung. Nach Angaben des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH) gehen 49 Prozent der in Deutschland hergestellten Milchprodukte in den Export. Wenn sich also irgendwo auf den Absatzwegen – etwa durch geringere Verfügbarkeiten oder verschobene Liefertermine – das Gleichgewicht ändert, schlägt das nach dieser Logik nicht erst mit Verzögerung in der heimischen Preisbildung durch. Als Indiz dafür, dass Marktkräfte wieder nach oben drehen können, nennt der MIV einen bereits gestarteten Wechsel beim Butterpreis: Nach einem starken Preisverfall Ende 2025, als Butter zeitweise unter die Marke von einem Euro pro 250-Gramm-Päckchen rutschte und Bauernverbände zu Protesten veranlasste, zog der Preis wieder an. Auch im Handel zeigen sich dabei konkrete Anpassungen: Supermärkte und Discounter erhöhten Mitte September den Preis für Eigenmarken-Päckchen um 14 Cent auf 1,19 Euro.
Neben der Angebotsseite spielt offenbar auch die Nachfrageverschiebung über industrielle Folgeprodukte eine Rolle. Kerstin Keunecke von der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) ordnet den Proteinboom als zusätzlichen Treiber ein: Molkenproteinkonzentrate seien derzeit stark gefragt. Für deren Herstellung wird Molkenkonzentrat benötigt, das wiederum knapp und hochpreisig ist – eine Kette, die in der Praxis schnell auf die gesamte Milchnutzung zurückstrahlt. Molke ist dabei das flüssige Nebenprodukt, das bei der Käseherstellung aus Milch entsteht. Wenn Molkenproteine über Prozesstechnik und Abnahmeverträge stärker nachgefragt werden, steigt der wirtschaftliche Druck, verfügbare Mengen möglichst rentabel zu nutzen; das kann zur Folge haben, dass Preisverhandlungen in der „Weißen Linie“ härter ausfallen, obwohl Verbraucherpreise im Alltag erst zeitversetzt ankommen.
Genau diese Weitergabe von Erlösen fordern auch die Erzeugerverbände. Der Deutsche Bauernverband verlangt, dass sich Markterholungen bei Milch zeitnah an die Erzeuger weitergegeben werden, weil Düngemittel-, Energie- und Treibstoffkosten die Betriebe weiterhin erheblich belasten. Karsten Schmal, Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes und Milchpräsident, bringt es mit Blick auf die Wertschöpfungskette auf den Punkt: „Der Deutsche Bauernverband fordert, dass sich abzeichnende Markterholungen bei Milch zeitnah an die Erzeuger weitergegeben werden, da Düngemittel-, Energie- und Treibstoffkosten die Betriebe weiter erheblich belasten“. Ähnlich argumentiert der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM): Angesichts zurückgehender Milchanlieferungen und einer deutlich besseren Nachfrage vor allem nach Milcheiweiß sei die Forderung nach höheren Preisen für Trinkmilch und Quark „höchst angebracht“. Aus Sicht der Verbände geht es damit nicht nur um höhere Einkaufspreise, sondern um die Frage, wie fair Erlöse entlang der Verarbeitung, Vermarktung und des Handels verteilt werden.
Für Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette ist entscheidend, dass sich hier mehrere Trends überlagern: wetterbedingte Angebotsrisiken, die globale Preisweitergabe über Exportmärkte und die zusätzliche Industrie-Nachfrage nach Molkenprotein. Der Blick auf andere Produkte unterstreicht die Dynamik: Laut MIV ziehen die Erlöse auch bei Käse, Milchpulver und Proteinprodukten an, während der Preis für frische Vollmilch über das Jahr hinweg bei rund 95 Cent pro Liter relativ stabil geblieben sei. Das kann bedeuten, dass der Preisdruck nicht gleichmäßig wirkt, sondern zuerst jene Segmente trifft, in denen Knappheit und Nachfragespitzen besonders sichtbar sind. Für Händler und Molkereien bedeutet das zugleich: Kontraktverhandlungen zur „Weißen Linie“ werden nicht nur über Mengen und Laufzeiten geführt, sondern müssen sehr wahrscheinlich auch die kurzfristige Volatilität bei Energie, Rohstoffen und globalen Liefermustern stärker einpreisen.
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