LONDON (IT BOLTWISE) – Der ehemalige Army-Spezialeinsatzsoldat Seth Krummrich warnt, dass Rechenzentren nicht nur aus Standort- und Umweltgründen zum Streitobjekt werden, sondern vor allem als strategische Ziele für Cyberangriffe gelten. Er ordnet die Bedrohung ausdrücklich in eine „Nation-State“-Perspektive ein, bei der neben IT-Angriffen auch gezielte Störungen der Daten- und Infrastrukturkette möglich sind. Krummrich betont, dass nach einem erfolgreichen Angriff die zentrale Frage die Wiederanlaufzeit des Betriebs ist. Gleichzeitig empfiehlt er Rechenzentrums- und KI-Entscheidern, proaktiv gegen Desinformation in der Öffentlichkeit zu kommunizieren und Bedrohungen früh in Chats und Protestumfeldern zu erkennen.

Rechenzentren stehen derzeit in den USA nicht nur wegen Flächen, Stromverträgen und Umweltauflagen im Fokus, sondern auch wegen eines Sicherheitsmodells, das Krummrich aus seiner Zeit im Special Forces-Kontext heraus konsequent weiterdenkt. Seth Krummrich, Executive Vice President bei der Sicherheitsfirma Global Guardian, ordnet die Bedrohungslage so ein, dass Rechenzentren als „strategische Assets“ für die USA und verbündete Staaten wirken. Entscheidend ist dabei, dass sich der Angriff nicht auf ein einzelnes IT-System reduzieren lässt: Daten, Netzwerke und die physische Versorgungsinfrastruktur bilden zusammen ein angreifbares Geflecht. Genau an dieser Stelle verschiebt sich die Diskussion im Markt häufig von der Frage „Wo wird gebaut?“ zur Frage „Wie schnell kann der Betrieb nach einer Störung wieder laufen?“
Technisch betrachtet beginnt die Angriffsfläche nicht erst dort, wo Server stehen, sondern dort, wo Schnittstellen zur Außenwelt und zur Energieversorgung zusammenlaufen. Krummrich hebt explizit hervor, dass man über die großen Hallen hinausdenken muss: Dazu gehören auch Transformator- und Schaltanlagen („Substations“) sowie die langen Strecken Glasfaser, über die Daten in Rechenzentrumsverbünde eingespeist und wieder abgeführt werden. Gerade diese Kombination macht Rechenzentren für verschiedene Angreiferklassen interessant: Cyberkriminelle könnten finanziell motiviert handeln, andere Akteure könnten Informationsvorsprünge anstreben oder eine länderübergreifende „Continuity“-Logik stören. Neben der IT-Sphäre erwähnt Krummrich zudem den Kontext von kombinierten Wirkprofilen, bei denen man physische oder operationelle Störungen mit digitalen Angriffen verzahnen kann.
Um die Konsequenzen zu illustrieren, zieht Krummrich einen historischen Vergleich heran: Im Kontext eines militärischen Konflikts seien laut seinen Angaben gezielt Rechenzentrumsstrukturen in Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten angegriffen worden. Er leitet daraus ab, dass eine solche Maßnahme nicht nur einzelne Systeme betrifft, sondern große Datenmengen in Mitleidenschaft ziehen kann – mit spürbaren Auswirkungen auf Geschäftskunden. Für die Praxis in der heutigen Rechenzentrumsplanung bedeutet das: Resilienzpläne müssen nicht nur das Wiederherstellen von Services abbilden, sondern auch die Frage, wie sich Datenzugriff, Lastverteilung und Abhängigkeiten aus einem gestörten Betrieb heraus neu organisieren lassen. Genau deshalb betont Krummrich Business Continuity als Kernfrage nach einem Angriff.
Während die Sicherheitsagenda bei vielen Projekten indirekt mitschwingt, dominiert gleichzeitig die öffentliche Debatte über den Bau neuer Kapazitäten. Laut Data Center Watch wurden in den ersten drei Monaten des Jahres 2026 mindestens 75 US-Rechenzentrumsprojekte mit einem Volumen von rund 130 Milliarden US-Dollar blockiert oder zumindest verzögert. Diese Blockaden sind für Betreiber nicht nur organisatorisch teuer, sondern erhöhen auch den Druck auf Kommunikation und Prozesse, weil lokale Akzeptanzfragen und Sicherheitsfragen häufig gegeneinander ausgespielt werden. Krummrich beschreibt, dass Klagen und Widerstand teils über Narrative laufen, nach denen etwa Strom- und Wasserpreise „durch die Decke“ gehen würden oder Rechenzentren unberechtigt Subventionen erhielten. In der Folge müssten Sicherheitsteams und Projektverantwortliche auch in öffentlichen Formaten wie Townhalls „Schadensbegrenzung“ leisten, weil Desinformation reale operative Verzögerungen verstärken kann.
Für KI-Entscheider und Rechenzentrumsbetreiber folgt daraus ein zweigleisiger Ansatz: erstens operative Schutzmaßnahmen und zweitens die Fähigkeit, die eigene Lagekommunikation konsistent zu führen. Krummrich empfiehlt, das Gespräch mit der Öffentlichkeit aktiv zu suchen („Engage, engage, engage“), Desinformation nicht einfach auszuhalten, sondern ihr mit Fakten und nachvollziehbaren Nutzenargumenten zu begegnen. Gleichzeitig sollen Betreiber laut seinen Hinweisen die Community einbinden, sichtbar lokale Vorteile adressieren und konkret machen, welche Jobs entstehen. Das ist nicht bloß „PR“: Wenn ein Projekt ohnehin unter Beschleunigungsdruck steht, werden Verzögerungen durch politische oder soziale Reibungspunkte schnell zum Risiko für Projektkaskaden, Lieferketten und spätere Betriebsstabilität.
Der zweite Schwerpunkt liegt in einem konsequenten Bedrohungs- und Lagebild, das über klassische „Perimeter“-Logik hinausgeht. Krummrich rät Unternehmen, ihre Gegnerprofile „von innen und außen“ zu kennen und die Abwehr sowohl im Cyberbereich als auch im physischen Umfeld vorzubereiten. In der praktischen Umsetzung bedeutet das typischerweise, dass man nicht nur auf eingehende Angriffe reagiert, sondern proaktiv nach Hinweisen sucht, etwa in Kommunikationsräumen oder in Bezug auf Aktivitäten in der Nähe von Protestgeschehen. Zudem verweist er darauf, dass Angreifer ihre Methoden häufig an anderen Orten „mitführen“ und lernen; wer dieses Muster nicht beobachtet, übersieht möglicherweise frühe Warnzeichen. Für Security-Teams erhöht das den Stellenwert von Detection-Strategien, die Cyber- und Umfeldsignale zusammenführen, statt sie getrennt zu betrachten.
Marktseitig entsteht hier eine zusätzliche Spannung: Rechenzentren gelten zugleich als Grundlage für KI-Infrastruktur, die wiederum politischen und wirtschaftlichen Erwartungen unterliegt. Während Regulierungs- und Standortdebatten Projekte zeitlich verschieben können, wächst parallel der Anteil von Workloads, die eng mit Datenverfügbarkeit und Latenzanforderungen verknüpft sind. In diesem Umfeld ist der „Wiederanlauf“ nach einem Angriff nicht mehr nur ein Notfallplan, sondern ein Wettbewerbsfaktor. Die von Krummrich betonte Kernfrage – wie schnell lässt sich nach einer Störung alles wieder online bringen – wird damit zur Logik für Architekturentscheidungen, Übungsszenarien und die konkrete Ausgestaltung von Redundanzen. Wer das als reines IT-Thema adressiert, greift zu kurz; wer es als End-to-End-Resilienz begreift, kann sowohl betriebliche als auch öffentliche Risiken besser abfedern.
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