LONDON (IT BOLTWISE) – Milch, Joghurt und Quark stehen laut Milchindustrie-Verband vor möglichen weiteren Preisschritten. Als Treiber nennt der Verband vor allem starke Nachfrage sowie eine Dürrephase, die die Milchanlieferung in Deutschland und Europa regional einbrechen ließ. Zusätzlich wird ein weltweiter Lieferengpass durch einen möglichen El-Niño-Effekt diskutiert. Parallel steigt die Nachfrage nach Molkenproteinkonzentraten, was die Kosten in Teilen der Molkereikette erhöht.

Milchprodukte in Deutschland könnten schon bald erneut teurer werden. Der Milchindustrie-Verband (MIV) sieht für die bevorstehenden Kontraktverhandlungen zur sogenannten „Weißen Linie“ – also Trinkmilch, Joghurt, Quark und ähnliche Frischeprodukte – einen klaren Handlungsbedarf. Gleichzeitig deutet der Verband an, dass bereits erste Gespräche gestartet sind, konkrete Zahlen aber noch nicht genannt werden. Unterm Strich verschiebt sich damit das Preisbild in einem Marktsegment, das für viele Verbraucher alltäglich ist – und für Molkereien zugleich eng kalkulierte Absatz- und Beschaffungszyklen hat.
Technisch betrachtet hängt die Preisbildung in der Molkereikette an mehreren, zeitlich versetzten Stellschrauben: Rohmilchverfügbarkeit, Verarbeitungsmix und internationale Vermarktung. Laut MIV liegt der Milchpreis derzeit rund ein Viertel unter dem Vorjahresniveau und damit auf einem Fünfjahrestief. Die Ursachen für den erwarteten Stimmungswechsel liegen jedoch weniger in einzelnen Einzelereignissen als in einem Bündel aus Angebot und Nachfrage. Auf der Nachfrageseite läuft der Absatz von Milch und Milchprodukten demnach sowohl in Deutschland als auch international ausgesprochen gut. Auf der Angebotsseite hat die sommerliche Dürrephase in Deutschland und Europa die Milchanlieferung regional stark einbrechen lassen, was kurzfristig Druck auf die Beschaffung ausübt.
Besonders relevant ist dabei der Export: Der Weltmarkt hat für die deutsche Milchwirtschaft erhebliches Gewicht. Nach Angaben des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels gehen 49 Prozent der hierzulande hergestellten Milchprodukte in den Export. Wenn sich dort Liefermengen verändern oder Erzeugerregionen unter Stress geraten, schlägt das unmittelbar auf das Preisniveau in Deutschland durch. Als zusätzlichen Risikofaktor wird ein starker El-Niño-Effekt im tropischen Pazifik genannt, der die weltweite Milchanlieferung dämpfen könnte. El-Niño kann nach den vorliegenden Erklärungen in wichtigen Molkereiexportregionen zu Dürren führen – und damit genau in der Zeit, in der Molkereien ihre Mengenplanung für Vertragszeiträume absichern müssen.
Ein weiteres Signal kommt aus dem Buttermarkt, wo sich zuletzt eine Wende andeutete. Nach einem starken Preisverfall Ende 2025, bei dem Butter zeitweise unter die Marke von einem Euro pro 250-Gramm-Päckchen gedrückt wurde und Bauernverbände zu Protesten veranlasste, zog der Preis wieder an. Supermärkte und Discounter erhöhen für Eigenmarken-Päckchen Mitte September den Preis um 14 Cent auf 1,19 Euro. Auch bei Käse, Milchpulver und Proteinprodukten steigen die Erlöse offenbar an, während der Preis für frische Vollmilch über das Jahr hinweg bei rund 95 Cent pro Liter relativ stabil blieb. Diese unterschiedliche Dynamik zeigt, wie stark sich die Wertschöpfung je nach Produktform trennt: Trockenerzeugnisse und Spezialsorten reagieren häufig schneller auf Engpässe, während Frischmilchpreisen über Verträge und Absatzkanäle eine gewisse Stabilität gegeben wird.
Dass neben Wetter und Export auch die Proteinseite mit in die Rechnung gehört, unterstreicht die Nachfrage nach Molkenproteinkonzentraten. Kerstin Keunecke von der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) sagt, dass Molkenproteinkonzentrate derzeit stark gefragt seien. Für ihre Herstellung wird Molkenkonzentrat benötigt, das entsprechend knapp und hochpreisig sei. Technisch bedeutet das: Molke ist das flüssige Nebenprodukt, das bei der Käseherstellung aus Milch entsteht. Wenn Hersteller zusätzliche Proteinprodukte nachfragen, steigt die Bedeutung der Nebenstromverwertung, und die Preisbildung orientiert sich stärker an Proteinfraktionen als an der reinen Milchmenge.
Entsprechend fordern Landwirte, die möglichen Preisverbesserungen möglichst zeitnah weiterzugeben. Der Deutsche Bauernverband verlangt, dass sich abzeichnende Markterholungen bei Milch schnell an die Erzeuger weiterreichen, weil Dünger-, Energie- und Treibstoffkosten die Betriebe weiterhin erheblich belasten. Karsten Schmal, Vizepräsident des Bauernverbandes und Milchpräsident, betont zudem, dass steigende Erlöse fair entlang der Wertschöpfungskette verteilt werden und bei den Milcherzeugern ankommen sollen. Ähnlich äußert sich auch der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter: Angesichts zurückgehender Milchanlieferungen und einer deutlich besseren Nachfrage vor allem nach Milcheiweiß sei die Forderung nach höheren Preisen für Trinkmilch und Quark „höchst angebracht“.
Für Unternehmen in Handel, Molkerei und Markenfertigung wird damit vor allem eines greifbar: Preisverhandlungen in der „Weißen Linie“ werden nicht nur durch nationale Lagerbestände oder kurzfristige Promotions beeinflusst, sondern zunehmend durch Wetterrisiken und internationale Mengenverschiebungen. Gleichzeitig zeigt der Butter-Impuls, dass der Markt schon innerhalb kurzer Zeit Preisniveauänderungen signalisiert, bevor sich das endgültig in allen Produktkategorien durchsetzt. Für die nächste Vertragsrunde dürfte deshalb entscheidend sein, wie stark Preisformeln und Abnahmestrukturen die Protein- und Rohstoffkomponente abbilden – und ob sich die gewünschte Weitergabe an die Erzeuger in der Praxis tatsächlich durchsetzt.
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