LONDON (IT BOLTWISE) – KI-Unternehmen wie Anthropic und OpenAI verbreiten zunehmend den generischen Titel „Member of the Technical Staff“. Laut einer Auswertung von Nick Bloom und Gideon Slocum Moore stieg die Nutzung bei mehreren Firmen im vergangenen Jahr um 50 Prozent. Auf LinkedIn werden damit offenbar auch organisatorische Hierarchien bewusst unscharf. Dahinter stehen neben Statussignalen auch Fragen nach Verantwortlichkeit und Verantwortungsdiffusion in Teams.

Bei KI-Unternehmen wird ausgerechnet die Stellenbezeichnung selbst zum Teil der Produktstrategie: Während traditionelle Jobtitel wie „Chief Technical Officer“ oder „Senior Software Engineer“ klare Karrierepfade markieren, taucht in wachsenden Teilen der Teams zunehmend die unspezifische Rollenformel „Member of the Technical Staff“ auf. Die Idee wirkt auf den ersten Blick wie ein simples HR-Upgrade. Tatsächlich verändert sie aber die Art, wie interne Zuständigkeiten nach außen lesbar sind, wie sich Mitarbeitende im Unternehmen verorten und wie konkurrierende Firmen die Kompetenzverteilung einschätzen können.
Laut einer Analyse der Stanford-Forscher Nick Bloom und Gideon Slocum Moore hat die Nutzung des generischen Titels unter Mitarbeitenden bei Anthropic, OpenAI und weiteren KI-Firmen deutlich zugenommen. Für Ende des Vorjahres nennt die Auswertung 39 Prozent bei Anthropic, 31 Prozent bei OpenAI und 26 Prozent bei xAI, jeweils bezogen auf den Eintrag „member of technical staff“ als aktuelle Position auf LinkedIn. Besonders auffällig: Über mehrere Unternehmen hinweg stieg die Verwendung im Verlauf des letzten Jahres um 50 Prozent. Die Kennzahl ist mehr als eine Sprachspielerei, denn sie spiegelt wider, wie stark Organisationen in der Aufbauphase von KI-Produkten ihre Teamstrukturen standardisieren.
Der Wechsel weg von hierarchisch klingenden Titeln erfüllt dabei gleich mehrere Funktionen. Erstens kann der allgemein gehaltene Titel Wettbewerbern die Einordnung erschweren, etwa weil nicht unmittelbar erkennbar wird, wer in einem Bereich die technische Gesamtverantwortung trägt oder wer primär an Modelltraining, Infrastruktur oder Software-Engineering arbeitet. Zweitens kann das Format Mitarbeitenden eine Art „Insider-Status“ geben: Wer sich als „technical staff“ einordnet, bindet seine Identität stärker an technische Arbeit als an Managementstufen. Gleichzeitig wirkt die Formulierung wie eine Programmatik gegen klassische „Business“-Titel – ein Ansatz, der auch in der Tech-Kultur des Silicon Valley seit Jahren gern aufgegriffen wird.
Auch historisch ist der Titel kein kompletter Neuanfang. Nach Angaben aus der Branchen- und Innovationsgeschichte griff Bell Labs, gegründet 1925, bereits in frühen Jahrzehnten auf den Begriff „technical staff“ zurück. Jon Gertner, Autor von „The Idea Factory: Bell Labs and the Great Age of American Innovation“, beschreibt in dem Kontext die Attraktivität einer Rolle, die weniger als Karriereschritt in Richtung Management verstanden wurde, sondern stärker als Einladung zu Experimenten und zum Erweitern von Wissen. Für die 1960er Jahre nennt die Auswertung außerdem Fälle bei Unternehmen wie IBM, Texas Instruments und Hughes Aircraft, bei denen einzelne Mitarbeitende ebenfalls den Titel führten. Der aktuelle KI-Hype ist damit weniger „Erfindung“, sondern eher eine Neuauflage eines sprachlichen Modells, das damals Prestige über Fachlichkeit definierte.
In der KI-Branche trifft das Sprachmodell jedoch auf einen zweiten, viel konkreteren Druck: KI-Technologie ersetzt und transformiert Arbeitsabläufe, besonders im Software-Engineering. Genau hier kann die neue Titelnorm ambivalente Effekte haben. Einerseits verspricht die Unschärfe, dass Mitarbeitende leichter in neue technische Aufgaben wechseln können, wenn sich Modelle, Toolchains und Systemdesigns weiterentwickeln. Andererseits kann die gleiche Unschärfe auch verschleiern, wer in operativen Fragen letztlich verantwortlich ist. In der Argumentation von Margaret O’Mara, Historikerin an der University of Washington, verschiebt der Ansatz die Betonung auf Zusammenarbeit, reduziert aber zugleich die Sichtbarkeit von Accountability – ein Punkt, der in Phasen steigender gesellschaftlicher Sorge um KI besonders sensibel ist.
Die öffentliche Diskussion zeigt zudem, wie sehr Unternehmen den Titel als Zeichen nach innen und außen nutzen. In einem Beitrag aus Dezember 2024 hatte ein Mitarbeitender des KI-Unternehmens ElevenLabs den Gedanken aufgegriffen, Jobtitel könnten von den Ergebnissen ablenken. Bob McGrew, ehemaliger OpenAI-Manager, wird in der Quelle außerdem mit einer Reflexion zitiert: Schon die einheitliche Bezeichnung „member of the technical staff“ habe geholfen, eine „level playing field“ zu schaffen. Daneben findet sich die kulturelle Aufladung direkt in Social-Media-Posts: In einem LinkedIn-Beitrag eines Google-DeepMind-Mitarbeiters, der zuvor offenbar als Product Manager tätig war, wird das formale Aufgeben des „PM“-Titels als Zeichen dafür beschrieben, dass nun „member of the technical staff“ als gemeinsame Identität akzeptiert werde.
Für Unternehmen bedeutet das: Titel werden zu einem Steuerungsinstrument für Wahrnehmung, nicht nur für Personalakten. Wer „Member of the Technical Staff“ großflächig einführt, sollte deshalb parallel prüfen, wie Verantwortung im Tagesgeschäft sichtbar bleibt – etwa über klare Eigentümerschaften für Code-Qualität, Modell-Iterationen, Sicherheits-Reviews und Deployment-Entscheidungen. Gleichzeitig lässt sich die Entwicklung auch als Signal lesen: KI-Organisationen wollen verstanden werden wie „Labs“ mit Fokus auf Forschung und Technologie. Genau diese Spannung zwischen Prestige durch Fachlichkeit und der Notwendigkeit, Verantwortlichkeit organisatorisch festzuzurren, entscheidet am Ende darüber, ob der neue Titel langfristig Orientierung schafft oder nur die Oberfläche glättet.
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