LONDON (IT BOLTWISE) – Beim Bitget-Hack sind nach Angaben aus der Blockchain etwa 54 Millionen XRP im Wert von rund $83 Millionen aus den fünf ursprünglichen Wallets abgezogen worden. Der Unterschied liegt laut Mechanismen der jeweiligen Token: Tether USDT und Circle USDC lassen sich über Issuer-Backdoors wie Blacklists gezielt adressieren, XRP dagegen nicht. Bitget verweist zugleich auf die Infrastruktur, über die Angreifer die Gelder umschichten, und ruft dazu auf, bestimmte Adressen für Tauschvorgänge nicht zu bedienen.

Die on-chain Bewegung von gestohlenem XRP nach dem Bitget-Hack macht vor allem eines sichtbar: Nicht jede Kryptowährung lässt sich genauso „stoppen“, sobald sie in den Wallets eines Angreifers landet. Laut den im Kontext genannten Zahlen wurden bei dem Vorfall insgesamt Vermögenswerte in Höhe von etwa $387,5 Millionen auf attacker-controlled Adressen transferiert. Etwa 103 Millionen XRP sollen am 24. September aus dem Umfeld des Angriffs entwendet und zunächst auf fünf Konten verteilt worden sein. Zwei Tage später, am 26. September, waren davon rund 54 Millionen XRP (ca. $83 Millionen) aus genau diesen Anfangs-Wallets herausgelaufen.
Das klingt nach einer reinen Transfer-Story – ist aber eher eine Frage der Kontrollen über Token: USDT und USDC gehören zu den Stablecoins, die von ihren jeweiligen Emittenten ausgegeben werden. Dieser Emittenten-Status ermöglicht es, bestimmte Funktionen wie Blacklist-Mechanismen zu nutzen. Wird eine Adresse oder ein Zieltoken in eine solche Sperrliste aufgenommen, können betroffene Token nach den im Text beschriebenen Kontrollen am Weitertransfer gehindert werden. Aus derselben Logik folgt, warum Tether und Circle in Verbindung mit dem Vorfall konkrete Sperrungen bei stabilen Coins vornehmen konnten: Im Kontext wird genannt, dass es dabei um das Einfrieren von etwa $320.000 in stablecoins ging, die mit dem Angriff verknüpft waren.
Bei XRP ist das Modell anders gelagert. XRP ist die native Einheit des XRP Ledger und wird nicht von Ripple wie ein Token mit einem issuer-spezifischen Konto ausgeliefert. Dadurch fehlt nach der im Text beschriebenen Systematik ein zentraler „Issuer-Schalter“, mit dem Ripple Adressen, die XRP aus dem Hack enthalten, remote blacklistieren oder die Tokenbewegung technisch blockieren könnte. Selbst wenn der XRP Ledger grundsätzlich Mechanismen zum Einfrieren von für den Ledger ausgegebenen Tokens unterstützt, gilt diese Reichweite laut Beschreibung nicht für XRP selbst. Für die Praxis heißt das: Identifizierte Wallets des Angreifers können zwar als kompromittiert eingestuft werden, aber die Sperrung der XRP-Balance ist dadurch nicht automatisch durch eine einzelne Institution möglich.
Die Folgeverschiebung trifft dann den Blick auf Infrastruktur statt auf Token-Mechanik. Wenn Ripple XRP nicht remote einfrieren kann und Bitget selbst keine allgemeine Sperrfunktion für die native Währung hat, verlagert sich der Handlungsschwerpunkt auf die Routen, die Angreifer zur Umverteilung nutzen. In dem Zusammenhang wird etwa erwähnt, dass der CEO von Bitget, Gracy Chen, THORChain dazu auffordern wollte, Transaktionen zu verweigern, die Adressen betreffen, die mit dem Angreifer verknüpft sind. Chen argumentiert in der zitierten Form sinngemäß, dass Dezentralität ein Designprinzip sei – aber kein Freifahrtschein für die Abwicklung bereits identifizierter gestohlener Mittel.
Damit sind wir bei dem Spannungsfeld, das in DeFi-Umgebungen regelmäßig auftaucht: Protokolle sind oft „permissionless“ und werden durch Netzwerkteilnehmer getragen, die Transaktionen signieren und routen. GoPlus Security wird im Kontext als Gegenposition beschrieben, die THORChain nicht mit Base-Layer-Netzwerken wie Bitcoin oder Ethereum gleichsetzen will. Die Argumentation läuft darauf hinaus, dass THORChain nicht nur passiv Transaktionen validiert, sondern dass Nodes aktiv Outbound-Transaktionen über TSS-Vaults unterzeichnen. Gleichzeitig wird darauf verwiesen, dass es im Protokoll bereits Mechanismen gibt, um den Handel oder das Outbound-Signing zu pausieren – womit der Streit weniger akademisch wird und näher an „Kann das System bei bekannter Schadenslage technisch gestoppt werden?“ heranrückt.
Wichtig ist auch, was die Zahlen aus der Blockchain zwar nahelegen, aber nicht beweisen. Dass am 26. September etwa 49 Millionen XRP (ca. $75 Millionen) in den ursprünglichen Konten verblieben sein sollen, bedeutet nicht automatisch, dass der Angreifer in der Größenordnung von $83 Millionen bereits verkauft hat. On-chain Transfers zeigen Umverteilungen zwischen Adressen, sagen aber zunächst nichts darüber, ob Liquidität tatsächlich realisiert wurde. Für Unternehmen und Sicherheitsverantwortliche ist das trotzdem verwertbar: Die Geschwindigkeit der Wallet-Umlagerungen spricht für eine aktive Cash-Management-Strategie, während die Unterschiede zwischen Token-Standards zeigen, warum Incident Response je nach Asset-Typ unterschiedlich ausfällt. In der Praxis müssen Teams daher frühzeitig prüfen, welche Sperr- und Compliance-Mechanismen es auf Ebene des Emittenten gibt – und wo stattdessen Netzwerk- oder Protokollinterventionen nötig werden.
Für den Markt bleibt damit eine zweigeteilte Lehre bestehen. Stablecoins mit issuer-basierten Blacklists lassen sich im besten Fall schneller und gezielter „abschneiden“, sobald die Verknüpfung zu einem Angriff klar ist. Native Assets ohne vergleichbare zentrale Steuerung verlangen dagegen nach technischen Gegenmaßnahmen, die das Weiterleiten über DEX-, Bridge- oder Router-Infrastruktur betreffen – und nach Koordination zwischen Betreibern, Ermittlern und Plattformen. Gerade deshalb bekommt die Diskussion über Dezentralitätsgrenzen in der Sicherheitslage an Gewicht: Nicht die Idee der Dezentralität selbst steht im Fokus, sondern die Frage, ob und wie ein Protokoll bei bestätigtem Fehlgebrauch zuverlässig gegen bestimmte Routingschritte vorgehen kann, ohne die Legitimität des gesamten Systems unnötig zu beschädigen.
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