KENNEDY SPACE CENTER / LONDON (IT BOLTWISE) – NASA nimmt nach eigenen Angaben stärker Aufgaben von Auftragnehmern zurück und holt Kernkompetenzen an das Kennedy Space Center. Der Contractor Amentum kündigt deshalb 70 Stellen auf dem Space Coast an; betroffen sind mehrere Rollen in Engineering, Planung, Analytik und Systemadministration. Hintergrund ist auch die Aufarbeitung von Problemen aus dem Commercial-Crew-Programm, inklusive der Starliner-Mission mit Triebwerksausfällen und Lecks. Wie sich die Inhouse-Umstellung auf operative Prozesse rund um Artemis und die bodenseitige Infrastruktur auswirkt, wird damit zum zentralen Thema für die nächsten Monate.

Am Kennedy Space Center (KSC) verschiebt sich die Arbeitsverteilung zwischen NASA und Auftragnehmern spürbar: Nach einer von NASA initiierten Insource-Strategie hat der Contractor Amentum angekündigt, 70 Positionen auf der Space Coast abzubauen. Die Begründung knüpft direkt an eine interne Entscheidung zur Rückholung von Fähigkeiten und Funktionen an, die NASA für sich als „Core Competencies“ am Standort definiert. Konkret geht es laut dem veröffentlichten Hinweis, der im Rahmen des Worker Adjustment and Retraining Notification (WARN) Act von 1988 zugestellt wurde, um Tätigkeiten, die Amentum in den Bereichen Base Operations und Spaceport Services (BOSS) sowie weiteren Aktivitäten am KSC übernommen hatte.
Amentum hatte nach Angaben aus dem Umfeld der KSC-Aktivitäten fast 2.800 Mitarbeitende vor Ort und war damit in der Breite bei sehr vielen technischen Bausteinen vertreten. Besonders greifbar wird das am Zusammenspiel mit der NASA-internen Infrastruktur: Amentum arbeitet unter anderem mit dem Bereich „Exploration Ground Systems“ zusammen, der für zentrale Prozesse rund um die Artemis-Raketen auf der Startroute verantwortlich ist. Dazu gehört etwa das Fahren und Betreiben des Crawler-Transporters, der die Artemis-Raketen zwischen Startanlage und Montage- bzw. Rückführbereichen bewegt. Daneben stellt Amentum häufig auch operative Teams für den Übergang zwischen Bodenmontage und Raumflug: So gehörte der Closeout-Teil, der Artemis-II-Astronauten vor dem Start in die Orion-Kapsel begleitet, zu einem Schwerpunkt der Organisation.
Welche Rollen nun betroffen sind, beschreibt der WARN-Hinweis relativ konkret: Von den 70 Stellen entfallen 14 auf Positionen, die durch eine Gewerkschaft vertreten werden. Der größte Anteil der betroffenen Jobs wird als Engineering ausgewiesen, daneben tauchen aber auch weniger „sichtbare“ Funktionsprofile auf – etwa Analysten, Planer und Systemadministratoren. Auch das ist ein Hinweis darauf, dass es nicht nur um einzelne Anlagen oder Geräte geht, sondern um den kontinuierlichen Betrieb und die Schnittstellenpflege. Amentum führt am KSC drei Verträge an: Der BOSS-Vertrag umfasst institutionelle Support-Services, wovon Amentum zuvor im Jahresverlauf rund 550 Beschäftigte zugeordnet hatte. Der größere Block schlägt sich in mehr als 2.100 Mitarbeitenden nieder, die unter den 3,2-Milliarden-US-Dollar-NASA-Vertrag „COMET“ fallen, Consolidated Operations, Management, Engineering and Test.
Technisch betrachtet lässt sich aus den beschriebenen Aufgaben ableiten, warum eine Rückholung inhouse organisatorisch so „fett“ sein kann. COMET umfasst laut Amentum die Flugintegration des Hardware-Setups und die Instandhaltung der bodenseitigen Systeme für den Start. Die Analogie mit den „Lego-Stücken“ wurde dabei als Arbeitsprinzip erklärt: Man nimmt Komponenten aus dem Launch-Hardware-Portfolio, integriert sie, prüft den funktionalen Zusammenhalt der Systeme, sorgt dafür, dass die einzelnen Elemente „miteinander sprechen“, und stellt anschließend sicher, dass Startablauf, Landung und Bergung wie vorgesehen funktionieren. Genau an solchen Stellen wirken Übergaben an mehrere Lieferanten über Jahre hinweg wie ein zusätzlicher Qualitäts- und Kommunikationslayer – ein Grund, warum NASA Inhouse-Kompetenz stärker betonen will, wenn sie zugleich die Kontrolle über Prozesse und Know-how verdichten möchte.
Der Hintergrund der Inhouse-Neuausrichtung wird im Bericht außerdem mit einer grundlegenden Frage verknüpft: Wie viel Verantwortung will NASA bei der Programmsteuerung direkt selbst tragen, nachdem im Commercial-Crew-Programm eine Mission mit erheblichen technischen Problemen auffiel. In der Aufarbeitung wird auf den Testflug des Boeing Starliner verwiesen, bei dem Triebwerksausfälle und Lecks am Raumfahrzeug auftraten; NASA schickte die Kapsel später ohne Besatzung zurück. Als Folge bewertet NASA das Ereignis als „Type A mishap“ und bezeichnet es als nahezu katastrophal. Isaacman, der NASA-Administrator, ordnete das als Auslöser für eine Neubewertung ein: Nicht, weil „kommerzielle Unternehmen“ per se ein Risiko wären, sondern weil Starliner die Diskussion über Aufsicht, Managementkultur und Informationsfluss im eigenen Haus neu fokussiert hat.
Dass die Umstellung inzwischen auch personell spürbar wird, zeigt ein Blick auf die KSC-Gesamtbelegschaft. Laut dem KSC-Bericht zum fiscal year 2025 arbeiten am Standort 2.079 zivile Beschäftigte der NASA, hinzu kommen 5.868 Auftragnehmer sowie 540 Bau- und Projektarbeiter. Insgesamt liegt die KSC-Population bei 17.701 Mitarbeitenden, wobei weitere 9.214 Personen aus privaten Unternehmen wie SpaceX und Boeing vor Ort sind. Nach außen tritt NASA damit als Inhouse-Arbeitgeber sichtbar mit neuen Einstellungen auf: KSC veröffentlichte dazu auf X, dass Direktor Brian Hughes 150 neue zivile Mitarbeitende begrüßt habe, um die Operations- und Missionsupport-Arbeit zu stärken. Für Amentum bedeutet das: Der Abbau konzentriert sich nicht auf eine „fremde“ Randfunktion, sondern auf Aufgaben, die NASA künftig stärker selbst abdeckt – inklusive der technischen und organisatorischen Übergabepunkte zwischen Programmplanung und Startbetrieb.
Für die Industrie und speziell für Entwickler, Integratoren und Systemlieferanten ist die Botschaft deutlich: Verträge im Raumfahrtbetrieb werden damit nicht nur nach Preis, sondern nach strategischer Steuerbarkeit und Kompetenzdichte überprüft. Das kann kurzfristig zu mehr Ausschreibungs- und Migrationsaufwand führen – etwa bei Schnittstellen, Dokumentationsketten und Betriebsroutinen –, eröffnet aber auch neue Geschäftsfelder für spezialisierte Partner, die sich stärker auf klar abgegrenzte Module und Test- oder Engineering-Dienstleistungen konzentrieren. Gleichzeitig bleibt die praktische Frage, wie schnell NASA die zurückgeholten Rollen in der Alltagstaktung absichern kann, ohne dass Know-how-Lücken entstehen. Die nächsten Monate dürften deshalb weniger durch Schlagzeilen über 70 Stellen geprägt sein, sondern durch die messbare Qualität der Operations: Wie stabil laufen Integration, Bodenbetrieb, Informationsweitergabe und Oversight in dem Moment, in dem Teams und Verantwortlichkeiten neu sortiert werden?
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