KENNEDY SPACE CENTER / LONDON (IT BOLTWISE) – NASA und Boeing treiben die Rückkehr der Starliner-Missionen mit Besatzung voran. Nach dem Testflug 2024 mit Problemen beim Andocken und einem anschließenden Verlust der Kontrolle sollte die Kapsel ohne Crew zurückkehren. NASA nennt insgesamt 61 Empfehlungen aus einem Bericht, die unter anderem die Ausfallursachen bei Triebwerken und die betroffene Helium-Leckage adressieren. Der nächste bemannte Testflug ist nun für 2028 vorgesehen, während ein unbemannter Test bereits ab Dezember in Aussicht steht.

Wenn ein bemanntes Raumschiff beim Andocken die Kontrolle verliert, wird das nicht nur zum technischen Problem, sondern auch zum strategischen Taktgeber. Genau diese Erfahrung prägte den bisherigen Starliner-Testflug: Im Juni 2024 starteten NASA-Astronauten Butch Wilmore und Suni Williams mit Starliner, doch während der Annäherungs- und Andockphase versagten mehrere Triebwerke. Zwar gelang es den Teams, die Steuerung wiederherzustellen und das Raumschiff schließlich zur Internationalen Raumstation zu führen, am Ende aber stand dennoch ein Befund im Raum, der eine Rückkehr mit Crew verhinderte.
NASA ordnete den Flug als „Type A mishap“ ein, was die hohe Relevanz für die Missionssicherheit unterstreicht. Entscheidend waren dabei die beiden Begleitthemen: Erstens die Steuerungsprobleme im Andockfenster durch ausgefallene Triebwerke und zweitens eine separate Helium-Leckage. Wegen dieser Risiken wurde die Kapsel ohne Besatzung zurückgeführt; Wilmore und Williams kamen Monate später in der Dragon-Kapsel von SpaceX zur Erde zurück. Parallel arbeitete das Programm die Erkenntnisse aus, sodass im Februar ein Bericht mit 61 Empfehlungen veröffentlicht wurde, um zentrale Schwachstellen gezielt zu schließen.
Aus technischer Sicht setzen die angekündigten Änderungen vor allem bei den Triebwerken an. Boeing führt die ursprünglich beobachteten Ausfälle auf Korrosion zurück, also auf ein konkretes Material- und Umfeldproblem, das die Zuverlässigkeit im System indirekt, aber spürbar reduziert. Für die Umsetzung nennen die Verantwortlichen eine neue Prozedur: Statt den Zustand des Hydrazin-Propellants nur wie bisher zu behandeln, soll das System gezielt gespült werden, um ähnliche Schädigungen künftig zu vermeiden. Damit verlagert sich der Fokus von „wir haben einen Fehler übersehen“ hin zu „wir kontrollieren das Risiko in der Prozesskette“, was gerade in der Start- und Andockdynamik von Raumschiffen entscheidend ist.
Auch die Steuerung erfährt laut NASA einen weiteren Umbau. In einer Lagebeschreibung vom Kennedy Space Center machte NASA-Administrator Jared Isaacman klar, dass Boeing „in die richtige Richtung“ gehe, um die Empfehlungen abzuarbeiten, unter anderem durch Änderungen am Kontrollsystem der Kapsel. Darüber hinaus deutet das Zeitfenster auf eine gestaffelte Risiko-Reduktion hin: Zuerst steht ein neuer unbemannter Testflug als frühe Option ab Dezember an, danach folgt ein bemannter Testflug für 2028. Um das Programm zugleich operativ zu verankern, benannte NASA Woody Hoburg als Kommandanten für den nächsten bemannten Starliner-Flug; er war bereits rund 186 Tage im All, ebenfalls auf dem Weg zur Raumstation mit einer Dragon-Kapsel.
Der Plan betrifft aber nicht nur die Kapsel, sondern auch das Startsystem. Starliner-Flüge haben zuvor mit der Atlas-V-Rakete von ULA stattgefunden; diese soll nun schrittweise abgelöst werden, während NASA und Boeing sich für neue Missionen auf den Ersatz Vulcan stützen. Damit NASA Vulcan für bemannte Einsätze zertifizieren kann, braucht es eine zusätzliche Validierungs- und Zulassungsstrecke, und genau dort entstehen Kosten: Für die Anpassungen an Starliner sowie die Zertifizierung von Vulcan veranschlagt NASA rund 359 Millionen US-Dollar. Interessant ist dabei die Marktdimension: NASA setzt weiterhin auf kommerzielle Anbieter, weil nach dem Ende des Space Shuttle-Programms 2011 ein wettbewerblicher Aufbau der Transportfähigkeit für Besatzungen etabliert werden sollte.
Damit verschiebt sich auch der Blick auf den Wettbewerb zwischen den Anbietern. Isaacman erinnerte daran, dass „commercial crew“ historisch auf Konkurrenz ausgelegt war und NASA deshalb den Nutzen sieht, mit zwei Transportanbietern flexibel zu bleiben. Parallel dazu kündigt SpaceX für die nächsten Wochen den Start seiner 13. operativen Mission zur Raumstation an. Gleichzeitig deutete SpaceX an, dass eine Phase beim Dragon-System bevorstehen könnte, während die Weiterentwicklung stärker auf Starship fokussiert. Diese Gegenläufigkeit ist für Unternehmen und Technikteams relevant: Einerseits wächst die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Systemlandschaft auf zwei Stacks verteilt, andererseits müssen Prozesse wie Antriebsverifikation, Docking-Logik und Missionsbetrieb stabil genug sein, um trotz unterschiedlicher Entwicklungsrhythmen zuverlässig zu liefern.
Für die nächsten Schritte bedeutet das: Starliner muss die 61 Empfehlungen in überprüfbare technische Maßnahmen übersetzen, während Vulcan für den bemannten Betrieb die passende Zertifizierungsreife erreicht. Die Kostenverteilung zeigt dabei, dass NASA nicht nur die Kapsel „repariert“, sondern die gesamte End-to-End-Kette absichert: von der Hardwarezuverlässigkeit über neue Prüf- und Spülprozesse bis hin zur Startfreigabe des Trägers. Solange die Raumstations-Rückkehrlogistik bis in die 2030er Jahre hinein geplant ist, bleibt die Frage zentral, wie schnell sich ein zweites, robustes Beförderungssystem neben SpaceX etabliert. Genau an dieser Stelle trifft die jetzige Entscheidung zur Fortsetzung des Starliner-Programms die Unternehmens- und Entwicklungsplanung: Nicht nur Countdown-Sicherheit zählt, sondern auch die Fähigkeit, technische Lehren aus Anomalien so umzusetzen, dass sie im nächsten bemannten Flug tatsächlich überprüfbar sind.
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