FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Deutsche Bank steigt ab 2027 in den Wettbewerb um das neue staatlich geförderte Altersvorsorgedepot ein und setzt auf ETF-Lösungen. Neben einem digitalen Standarddepot mit festen Vorgaben bietet sie teurere Varianten mit Beratung an. Als Grundton nennt das Haus Transparenz statt „Lockvogelangebote“, weil der Gesetzgeber Preiserhöhungen mit Vorlauf erlaubt. Für Sparer wird damit der Unterschied zwischen Kostenobergrenzen, Depotführung und tatsächlicher Mitbestimmung besonders relevant.

Die Deutsche Bank bringt sich mit einem neuen Altersvorsorgedepot in Stellung, das ab 2027 an die Stelle der Riester-Förderlogik treten soll. Im Kern geht es um eine private Zusatzrente, bei der Anleger ihr Geld über Indexfonds (ETFs), Aktienfonds und Anleihen für den Ruhestand aufbauen können. Genau in dieses Spannungsfeld aus Renditechancen und Komfort-versus-Kosten zielt die Bank: Einerseits will sie Einsteiger über ein Standarddepot an die Börse führen, andererseits verkauft sie mit Beratungsvarianten auch den Weg zu mehr Personalisierung. In Frankfurt machte der für das Privatkundengeschäft verantwortliche Manager Raffael Gasser zudem deutlich, dass das Unternehmen keine Lockvogelstrategie plane, sondern Transparenz über die „Spielregeln“ erreichen wolle.
Technisch und kaufmännisch entscheidend ist dabei weniger der Anlageklassenmix, sondern die Art, wie Kosten und Preisgestaltung im Produkt real wirken. Das Gesetz, auf dem das Altersvorsorgedepot beruht, erlaubt Anbietern, ihre Preise später jederzeit zu erhöhen, wobei eine Ankündigungsfrist von vier Monaten vorgeschrieben ist. Diese Mechanik weitet den Blick von der Startgebühr hin zur gesamten Kostenpfad-Logik über Jahre: Wer heute mit niedrigen Einstiegspreisen kalkuliert, trägt später das Risiko steigender laufender Entgelte, wenn sich der Anbieter dafür entscheidet. Für die Bank ist das zugleich ein Kommunikationsproblem und ein Designauftrag, denn Anleger vergleichen in der Praxis zuerst die jährlich ausgewiesenen Kosten und erst danach, wie stark sie dadurch in der Ansparphase beeinflusst werden.
Damit rückt die konkrete Kostenstruktur ins Zentrum. Die Bank plant zum Marktstart ein individuelles ETF-Depot, das Kunden selbst bestücken können, sowie ein von der Fondstochter DWS entwickeltes Standarddepot, das zunächst nur digital verfügbar sein soll. Für dieses Standarddepot nennt die Deutsche Bank jährliche Kosten von 0,1 Prozent in den ersten zwei Jahren und danach 0,28 Prozent. Laut Gesetz sind im Standarddepot maximal 1 Prozent Kosten möglich; bei anderen Varianten gebe es dagegen keinen entsprechenden Kostendeckel. Das Standarddepot funktioniert dabei wie eine „verwaltete“ Basisvariante: Der Anbieter stellt die Geldanlage nach gesetzlichen Vorgaben zusammen, Kunden müssen keine eigenen Fonds- oder ETF-Entscheidungen treffen, behalten aber Mitspracherechte, falls sie diese einfordern. Dadurch wird das Depot besonders für Einsteiger interessant, die einerseits förderfähige Sparbeiträge leisten wollen, andererseits jedoch nicht ohne weiteres ein Portfolio selbst kuratieren.
Doch das Produktangebot bleibt nicht bei einer schlanken Einsteigerlösung. Neben dem Standarddepot kündigt die Deutsche Bank ein erweitertes Vorsorgedepot mit Beratung an, für das pro Jahr 0,99 Prozent entfallen sollen. Zusätzlich stehen zwei Versicherungsprodukte bereit, die gemeinsam mit der Zurich-Versicherung entwickelt wurden; auch hier ist persönliche Beratung möglich, einmal mit Garantie und einmal ohne. Dass Beratung in der Vermögensverwaltung häufig als Abgrenzungsmerkmal dient, ist für das Mittelstands- und Privatkundengeschäft plausibel: Viele Menschen wollen eine Entscheidung nicht allein treffen, selbst wenn ETFs langfristig als kosteneffizient gelten. Dominik Hennen, der das Privatkundengeschäft von Deutscher Bank und Postbank mit insgesamt 19 Millionen Kunden verantwortet, formulierte entsprechend: Es werde nicht „plötzlich“ automatisch massenhaft Selbstabschlussbereitschaft geben, aber es entstehe der Bedarf, beraten zu werden.
Der Preiswettlauf um die günstigsten Konditionen hat allerdings bereits vor dem Deutschen-Bank-Start eingesetzt. Im August hatte Scalable Capital den Wettbewerb im Bereich des Standarddepots angeschoben: Nach den Angaben des Neobrokers sollen für die Depotführung sowie für Sparpläne, Ein- und Auszahlungen und auch für Käufe und Verkäufe beim Standarddepot keine Gebühren anfallen; die laufenden Kosten sollen dort höchstens 0,15 Prozent pro Jahr betragen. Andere Anbieter setzten nach, darunter die Dekabank, die die Sparkassen mit Produkten versorgt und für ihr Standarddepot 0,1 Prozent pro Jahr veranschlagt. Vor diesem Hintergrund wird die Deutsche Bank vor allem dann angreifbar, wenn die Differenz zwischen 0,1 Prozent (Startphase) und 0,28 Prozent (danach) im Kostenvergleich über die voraussichtliche Haltedauer als spürbar gilt.
Ob und wie stark das neue Altersvorsorgedepot tatsächlich zu einem Umdenken führt, hängt aber nicht allein von Preislisten ab. Das Deutsche Aktieninstitut verweist regelmäßig darauf, dass langfristiges Investieren in Aktien historisch zu deutlich höheren Wertentwicklungen führen kann; als anschauliches Rechenbeispiel wird häufig ein Sparplan auf einen Indexfonds genannt, der über 20 Jahre im Schnitt fast 9 Prozent Ertrag pro Jahr auf jeden angelegten Euro erzielt habe. Gleichzeitig zeigen Umfragen ein anderes Bild auf der Verhaltensseite: In einer Erhebung für eine Direktbank stimmte mehr als ein Drittel von 1.000 Erwachsenen der Aussage zu, Anlegen sei wie Glücksspiel im Casino, und selbst unter bereits aktiven Anlegern teilte mehr als jeder Fünfte diese Skepsis. Genau hier versucht das Standarddepot anzusetzen: Es nimmt die tägliche Portfolio-Entscheidung ab, ohne den Menschen vollständig aus der Verantwortung zu entlassen.
Aus Branchenperspektive lohnt zudem die Einordnung, wie groß der ungenutzte Markt in Deutschland tatsächlich ist. Nach Angaben von Dekabank-Vertriebschef Dirk Peters legen Stand heute nur 20 Prozent der Menschen über 14 Jahre ihr Geld über Aktien, Fonds, Renten oder ETFs an. Entsprechend ist das Altersvorsorgedepot weniger ein reines Kosten-Feature als ein Vertriebsvorhaben, das die Beteiligung an Kapitalmarktprodukten erhöhen soll. Für den erwarteten Effekt zeigt auch die politische Logik des Fördermodells eine klare Stoßrichtung: Der Staat fördert Einzahlungen mit bis zu 540 Euro Zulage pro Jahr, pro Kind kommen zusätzlich bis zu 300 Euro hinzu; förderfähig sind Einzahlungen zwischen 120 Euro und 1.800 Euro jährlich. Die Kapitalerträge werden in der Ansparphase nicht besteuert. In dieser Kombination aus Förderung, langfristiger Struktur und Produktführung könnte ein Schub in Richtung „Aktienkultur“ entstehen, sofern die Anbieter die späteren Preiserhöhungen kommunikativ und vertraglich so handhabbar machen, dass Anleger Vertrauen aufbauen.
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