LONDON (IT BOLTWISE) – Ab 2027 ersetzt das Altersvorsorgedepot die auslaufende Riester-Rente und soll mehr Menschen zur geförderten privaten Vorsorge bringen. Der Staat beteiligt sich mit einer Zulage von bis zu 540 Euro pro Jahr, zusätzlich bis zu 300 Euro je Kind. Für maximale Eigenbeiträge sieht das Modell Steuerentlastung in der Ansparphase vor, die Auszahlungen im Ruhestand werden jedoch besteuert. Parallel formt sich unter Anbietern ein harter Preis- und Produktwettbewerb rund um günstige Depots und digitale Setups.

Mit dem geplanten Altersvorsorgedepot ab dem 1. Januar 2027 verschiebt der Staat den Fokus in der privaten Altersvorsorge spürbar weg von der bisherigen Riester-Rente. Das neue, geförderte Instrument tritt an die Stelle des Produkts, das zum 31. Dezember 2026 ausläuft, und ist bewusst so gestaltet, dass nicht nur klassische Zielgruppen profitieren: Künftig sollen auch Selbstständige und Beamte die staatlichen Zulagen nutzen können. Für die Praxis bedeutet das vor allem eins: Wer heute Riester im Depot- bzw. Vertragsuniversum einordnet, muss ab 2027 seine Erwartungshaltung an Flexibilität, Produktaufbau und Kostenstruktur neu justieren.
Im Kern bleibt die Förderung eine klassische Zulagenlogik, allerdings mit klarer Staffelung. Anleger können jährlich zwischen 120 und 1.800 Euro einzahlen, der Staat zahlt dabei bis zu 540 Euro Zulage pro Jahr. Hinzu kommen bis zu 300 Euro je Kind, was die Förderung gerade für Familien strategisch relevant macht. Rechnet man die Mechanik herunter, liegt die Zulage bei 50 Prozent auf die ersten 360 Euro Eigenbeitrag und bei 25 Prozent auf die darüber hinausgehenden Beiträge bis zur Obergrenze von 1.800 Euro. Besonders wichtig ist zudem die steuerliche Behandlung während der Ansparphase: Kapitalerträge bleiben steuerfrei, während die Auszahlungen im Ruhestand besteuert werden.
Die Auswirkungen auf die Steuerlast lassen sich im Beispiel nachzeichnen. Bei einem Jahreseinkommen von 70.000 Euro und einem Grenzsteuersatz von 42 Prozent ergäbe sich laut Modellrechnung eine zusätzliche Steuererstattung von 443 Euro, bei 50 Prozent Grenzsteuersatz wären es 630 Euro. Unter der Annahme einer Rendite von 6,5 Prozent nach Kosten lässt sich aus der jährlichen Steuerersparnis über 30 Jahre ein deutlich höherer Vermögenseffekt ableiten: Aus den 443 Euro pro Jahr könnten sich rund 40.500 Euro ergeben. Wird dagegen die maximale Förderung voll ausgeschöpft, sind über denselben Zeitraum in der Rechnung etwa 250.000 Euro möglich. Entscheidend für Finanzentscheidungen ist dabei weniger der einzelne Rechensockel als das Zusammenspiel aus Zulage, steuerfreier Ansparphase und dem späteren Steuerzugriff bei Rentenbezug.
Technisch und produktseitig ist die Reform aber vor allem deswegen bedeutend, weil sie die Risikostruktur neu ordnet. Ein zentraler Punkt ist die Möglichkeit, auf Garantien zu verzichten – Verluste bleiben dann möglich. Damit öffnet das Modell den Zugang auch für Selbstständige, darunter etwa Praxisinhaber, die Garantien häufig nicht als Teil ihrer Gesamtstrategie betrachten. Gleichzeitig sollen neue geförderte Verträge keinen zusätzlichen Schutz bei Erwerbsminderung oder Dienstunfähigkeit mehr enthalten, der bei klassischen Riester-Verträgen teils vorgesehen war. Bestehende Riester-Verträge bleiben grundsätzlich in ihren vereinbarten Bedingungen erhalten; bei lebenslangen Leibrenten ist eine Garantiezeit von 10 oder 20 Jahren weiterhin möglich, allerdings ohne Invaliditätsschutz. Wer bereits Riester spart, muss außerdem beachten: Der Wechsel in die neue Förderung ist unwiderruflich und bezieht sich auf alle bisherigen Riester-Verträge. Wenn Guthaben in ein neues Produkt übertragen wird, wird ein etwaiger Zusatzschutz nicht automatisch übernommen.
Mit dem Schritt zum Altersvorsorgedepot steigt gleichzeitig der Druck auf Anbieter, weil der Preiswettbewerb über die Produktkosten direkt in den Renditepfad wirkt. Banken und Fondsgesellschaften positionieren sich bereits im Vorfeld: So plant eine Großbank ein digitales Standarddepot mit Kosten von 0,1 Prozent pro Jahr in den ersten zwei Jahren und danach 0,28 Prozent. Daneben wird ein Beratungsdepot für 0,99 Prozent jährlich vorbereitet. Auch Scalable Capital nennt laufende Kosten von höchstens 0,15 Prozent jährlich; im ersten Jahr soll es zudem eine Gesamtkostenquote von 0 Prozent geben. Deka kommuniziert für ein Standarddepot ebenfalls 0,1 Prozent jährlich, während Fidelity für ein Standardprodukt 35 bis 75 Basispunkte pro Jahr plus 12 Euro Depotentgelt jährlich ansetzt. Die Rahmenbedingung, wonach Anbieter ihre Preise erst mit einer Vorankündigungsfrist von vier Monaten erhöhen dürfen, dürfte dazu beitragen, dass viele Angebote in der Aufbauphase eher über niedrige Einstiegskosten überzeugen wollen.
Am Wettbewerbsklima wird zudem sichtbar, welche Skalierungspotenziale Depots für sich beanspruchen. Franklin Templeton rechnet mit dem intensivsten Wettbewerb, den das Unternehmen bislang erlebt habe, und geht davon aus, dass ETF-Kosten in Richtung einstelliger Basispunkte sinken könnten. Für 2027 erwartet Franklin Templeton branchenweit 6,5 bis 8 Millionen eröffnete Depots und schätzt, dass in den kommenden Jahren rund 300 Angebote hinzukommen könnten. S&P Global wiederum nennt jährliche Zuflüsse von 26 bis 56 Milliarden Euro. In der Community um Trade Republic wird indes nicht nur über Wachstum, sondern auch über Bindungswirkung diskutiert: Ob ein geplantes Altersvorsorgedepot langfristig Kunden binden kann, hängt aus Sicht vieler dort vor allem am Zusammenspiel aus Gebühren, Servicequalität und dem Reputationsrisiko bei hoher Nutzererwartung. Für Unternehmen ist das die eigentliche Stellschraube: Nicht nur die Zulagenlogik entscheidet, sondern ob sich das Produkt als kosten- und prozessoptimiertes „Always-on“-Depot durchsetzen kann.
Ergänzend zur Erwachsenenförderung arbeitet die Politik parallel an der sogenannten Frchstartrente für Kinder. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil stellt hierfür einen Gesetzentwurf vor, der zur weiteren Prüfung in die Ausschüsse überwiesen wurde; eine abschließende Abstimmung wird in den kommenden Wochen erwartet. Vorgesehen ist ein staatlicher Beitrag von 10 Euro pro Monat pro Kind und Jugendlichen, angelegt in einem persönlichen Vorsorgedepot. Wird zunächst kein eigenes Depot eröffnet, sollen die Beiträge in ein Sondervermögen des Bundes fließen, das die Bundesbank verwalten soll. Eine Übertragung in einen zertifizierten Altersvorsorgevertrag ist bis zum 25. Geburtstag vorgesehen. Damit entsteht ein zweigleisiger Ansatz: Während das Altersvorsorgedepot die Breite in der privaten Altersvorsorge erhöhen soll, zielt die Frühstartvariante darauf, die „Wartezeit“ bis zur ersten sinnvollen Investitionsphase zu verkürzen. Für Privatanleger und Beratungsstellen heißt das, dass Produkt- und Steuerplanung künftig stärker verzahnt werden müssen – nicht als Einmalentscheidung, sondern als fortlaufende Architektur über mehrere Lebensphasen.
Für die konkrete Umsetzung gilt: Das neue Modell setzt auf eine steuerlich attraktive Ansparphase, aber es nimmt an einzelnen Stellen bewusst Garantien und Schutzmechanismen zurück. Wer bereits Riester besitzt, muss daher den Wechselmechanismus und die Folge für Zusatzschutzfälle genau prüfen. Und wer noch vor der Entscheidung steht, sollte die Kombination aus erwarteter Rendite nach Kosten, der Zulagenquote und dem Zeitpunkt der steuerpflichtigen Auszahlungen als gemeinsamem System bewerten. Anbieter- und Gebührenpolitik werden dabei kurzfristig ein wichtiger Treiber sein, langfristig aber zählt, wie zuverlässig das Depot-Ökosystem im Alltag funktioniert – von der Sparrate bis zur späteren Auszahlungsvorbereitung.
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