FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – 15 Jugendliche aus Hessen haben im Rahmen des Förderprogramms „Kunsttalente“ ein Jahr lang kostenlos zweimal pro Woche in Frankfurter Museen Kunst studiert und eigene Werke erstellt. Zum Abschluss zeigt die Schirn Kunsthalle eine Ausstellung im Foyer in Bockenheim, bei der jede und jeder Teilnehmer die Arbeiten persönlich vorstellt. Begleitet wurden die Jugendlichen dabei von einer bildenden Künstlerin und einer Kunsthistorikerin, die das Programm seit 20 Jahren konzeptionell leiten. Die Schau macht sichtbar, wie stark gemeinsames Experimentieren und der Austausch über Kunstpositionen das kreative Arbeiten prägen.

Kunsttalente seit 20 Jahren: Jugendliche lernen in Frankfurter Häusern – kostenlos
Kunsttalente seit 20 Jahren: Jugendliche lernen in Frankfurter Häusern – kostenlos (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer Kunst nicht nur konsumieren, sondern selbst in Bilder, Skulpturen oder Installationen übersetzen soll, braucht vor allem Zeit, Anleitung und einen verlässlichen Rahmen. Genau das liefert das Förderprogramm „Kunsttalente“ in Frankfurt am Main: 15 Jugendliche aus Hessen treffen sich über ein Jahr hinweg zweimal pro Woche für jeweils drei Stunden in mehreren Häusern. Sie besuchen Ausstellungen im Städeler Museum, in der Schirn Kunsthalle sowie im Liebieghaus und erproben parallel dazu, wie sich Gesehenes in eigene Ideen verwandeln lässt. Der Abschluss fällt dabei nicht in einen einzelnen Ausstellungsabend, sondern mündet in einer kuratierten Präsentation, bei der die Jugendlichen ihre Werke samt Gedanken auch selbst einordnen.

Im Mittelpunkt steht die Methodik: Zu Beginn steht eine Bewerbung, und die Teilnahme ist an Voraussetzungen geknüpft, die sich weniger nach „Begabung“ im abstrakten Sinn richten als nach Interesse am künstlerischen Arbeiten. Vorgeschlagen werden die Teilnehmenden durch Kunstlehrerinnen und -lehrer; wer im Programm landet, kann anschließend ein Jahr lang intensiv an Themen arbeiten, diskutieren und experimentieren. Begleitet werden die Jugendlichen durch eine bildende Künstlerin und eine Kunsthistorikerin, die das Projekt seit der erstmaligen Durchführung vor genau 20 Jahren gemeinsam künstlerisch leiten. Dieses Zusammenspiel aus kreativer Praxis und kunsthistorischem Blick sorgt dafür, dass das Projekt nicht bei Technikfragen endet, sondern die Bedeutung von Stil, Kontext und Perspektive systematisch mitdenkt.

Dass die Förderung inzwischen über zwei Jahrzehnte läuft, zeigt sich auch in den Größenordnungen. Wie aus dem Programmkontext hervorgeht, haben seit 2006 rund 240 junge Menschen teilgenommen. Für alle Teilnehmenden ist die Teilnahme kostenlos; finanziert wird das Angebot durch die Stiftung Giersch. Die Organisation ist dabei bewusst „hausübergreifend“: Statt nur in einem Gebäude zu arbeiten, bewegen sich die Jugendlichen durch unterschiedliche Ausstellungsräume und beobachten, wie sich Kunst in verschieden kuratierten Kontexten anfühlt. Ergänzend zur reinen Betrachtung gehören auch Besuche von Galerien und ein moderierter Austausch zu den festen Bestandteilen, damit aus Eindrücken Entscheidungen werden.

Der Abschluss macht den Prozess sichtbar, den viele Programme in der Nachwuchsarbeit zwar anstoßen, aber selten so unmittelbar zeigen. Jetzt präsentiert die Schirn Kunsthalle in Bockenheim im Foyer eine Ausstellung mit Werken aller 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Die Präsentation ist für zwei Tage geöffnet; parallel dazu treffen Jugendliche kurz vor der offiziellen Eröffnung noch einmal in den eigenen Rollen zusammen, sammeln sich und gehen durch, was sie den Gästen zu ihren Werken erklären möchten. Für die meisten ist genau diese direkte Vermittlung ein wichtiger Moment: Nicht nur das Ergebnis zählt, sondern auch die Fähigkeit, die eigene Idee verständlich zu machen und sie in Beziehung zu den im Projekt erlebten Kunstpositionen zu setzen.

Konkrete Beispiele aus der laufenden Runde verdeutlichen, wie unterschiedlich künstlerisches Arbeiten ausfallen kann. Sophia (17) verbindet das Projekt nach eigenen Worten mit Neugier: Sie experimentiert mit unterschiedlichen Materialien und erwägt nach dem Abitur ein Kunststudium. Klara (17) und Lilith (17) heben besonders hervor, dass freies Arbeiten und das Ausprobieren verschiedener Zugänge Teil des besonderen Reizes sind. Lilith beschreibt Kunst dabei als einen Weg, laut zu sein, auch wenn sie selbst eher ruhig ist; Klara betont zugleich den Spaß am kreativen Prozess und die Tatsache, dass Kunst nicht immer perfekt sein muss. Dass beide zudem bereits als Preisträgerinnen des Gunter-Blau-Kunstpreises in Erscheinung getreten sind, zeigt: Das Programm richtet sich zwar an ästhetisch begabte Jugendliche, unterscheidet sich aber in der Umsetzung von einem reinen Wettbewerb, weil es vor allem Lernräume für eigenständige Entscheidungen schafft.

Aus Industrieblick auf „Talentförderung“ lässt sich die Tragweite vor allem an zwei Punkten festmachen: Erstens reduziert der kostenlose Charakter die Selektionswirkung finanzieller Hürden. Zweitens kombiniert das Konzept formale Begleitung mit offenem Arbeiten, also einem Wechsel zwischen angeleiteten Reflexionen und eigenständigem Gestalten. Genau diese Mischung ist in vielen Bereichen der Nachwuchsentwicklung entscheidend, weil sie nicht nur das Ergebnis optimiert, sondern auch die Lernkurve im Prozess. Nebenbei entsteht ein Netzwerk über Häuser hinweg: Die Jugendlichen bewegen sich zwischen Museumspraxis und Ausstellungslogik, was langfristig auch die Bereitschaft erhöht, später selbst Verantwortung in der Vermittlung zu übernehmen.

Mit Blick auf die nächsten Jahre wirkt „Kunsttalente“ wie ein Modell, das sich organisatorisch und pädagogisch skalieren lässt, ohne seine Kernidee zu verlieren: kontinuierliche Begleitung, wechselnde Blickwinkel in verschiedenen Institutionen und eine sichtbare Bühne für das persönliche Erklären. Wenn bei der Schirn die Arbeiten der Gruppe im Foyer stehen und die Jugendlichen aktiv auftreten, entsteht ein Signal an die Besucherinnen und Besucher, dass Kunstbildung nicht nur „Talent“ entdeckt, sondern Haltung trainiert. Für die beteiligten Häuser bedeutet das zudem: Nachwuchsarbeit bleibt nicht Nebensache, sondern wird als dauerhaftes Programm verstanden, das über 20 Jahre hinweg wieder und wieder neu kalibriert werden kann.


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