LONDON (IT BOLTWISE) – Zusätzliche EU-Zölle auf chinesische Importe können aus Sicht der Ifo-Forscher kritische Abhängigkeiten nur begrenzt lösen. Die Studie betont, dass Zölle je nach Ausgestaltung mit erheblichen ökonomischen Kosten und Nebenwirkungen verbunden sind. Vor allem ersetzen sie nicht Maßnahmen, die die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit der eigenen Industrie stärken. Damit rückt die EU-Strategie in den Fokus: möglichst abgestimmt mit Verbündeten und ohne Partner im falschen Moment zu treffen.

Ifo warnt: Zusätzliche EU-Zölle gegen China wirken nur begrenzt
Ifo warnt: Zusätzliche EU-Zölle gegen China wirken nur begrenzt (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um zusätzliche EU-Zölle auf chinesische Importe bekommt aus der Forschung neuen Gegenwind: Das Ifo-Institut kommt zu dem Schluss, dass Zölle zwar politischen Druck erzeugen können, aber die zentrale Zielrichtung – kritische Abhängigkeiten zu reduzieren und zugleich den Wettbewerb auf Augenhöhe zu stabilisieren – deutlich weniger leistet als erhofft. Im Kern argumentieren die Ifo-Forscher Lisandra Flach und Andreas Baur, dass die Wirkung stark davon abhängt, welche konkreten Zollstrukturen die EU durchsetzt und welche Nebeneffekte dadurch ausgelöst werden. Wer Zölle als „Allzweckwaffe“ begreift, übersieht nach dieser Einschätzung, dass Handelshemmnisse nicht nur den Importeur treffen, sondern auch die Leistungsfähigkeit der eigenen Lieferketten und Innovationsanreize.

Lisandra Flach ordnet die ökonomische Logik daher bewusst differenziert ein: „Zölle sind je nach Ausgestaltung mit erheblichen ökonomischen Kosten und oft auch unbeabsichtigten Nebenwirkungen verbunden. Ihre Eignung hängt stark davon ab, welches Ziel man mit ihnen verfolgt“, sagt die Leiterin des Ifo-Zentrums für Außenwirtschaft. Die Aussage zielt auf zwei Mechanismen. Erstens können Zölle die Kostenbasis der importabhängigen Wertschöpfung in der EU erhöhen – etwa dann, wenn Unternehmen nicht nur fertige Endprodukte aus China beziehen, sondern auch Vorleistungen. Zweitens können sie den Wettbewerb innerhalb Europas oder entlang der Wertschöpfungsketten dämpfen. Das ist weniger sichtbar als die unmittelbar spürbaren Preis- und Mengenverschiebungen, aber in einer Industrieökonomie häufig der länger wirkende Hebel.

Genau an diesem Punkt setzt Andreas Baur an, der stellvertretende Leiter des Ifo-Zentrums für Außenwirtschaft. „Vor allem aber können sie Maßnahmen zur Stärkung der eigenen Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit nicht ersetzen. Nachlassender Wettbewerbsdruck kann die Innovationsanreize geschützter Industrien sogar zusätzlich schwächen“, erklärt Baur im Kontext der Ifo-Erkenntnisse. Für Unternehmen bedeutet das: Wenn Zölle bestimmte Wettbewerber aus dem Markt drängen, sinkt nicht automatisch der Innovationsdruck. Stattdessen können Schutzwirkungen dazu führen, dass Investitionen in Effizienzsteigerung, Produktentwicklung und Prozessautomation zurückgestellt werden. Gerade in Technologiefeldern, in denen sich Innovationszyklen über Jahre statt über Quartale bemessen, kann ein kurzfristiger Abschirmungseffekt langfristig teuer werden.

Hinzu kommt ein weiterer Kostenblock, der in politischen Debatten oft untergeht: Zölle auf chinesische Importe wirken nicht nur gegen Endprodukte, sondern über die Beschaffungskanäle auch auf die Vorleistungsseite. Baur beschreibt, dass die Kosten für Ausgleichszölle nicht nur Haushalte treffen, sondern auch Unternehmen, die chinesische Vorleistungen einsetzen. Teurere Vorleistungen verschlechtern demnach insbesondere die Wettbewerbsposition exportorientierter Unternehmen gegenüber ausländischen Mitbewerbern. Das ist eine klassische Wettbewerbsfrage zwischen Standorten: Wenn die EU-Kostenstruktur steigt, kann die internationale Exponierung der Firmen wirken, als würde ein Teil der Zollpolitik als Preisnachteil „exportiert“ – zulasten der eigenen Ausfuhr.

Noch eine zweite Einschränkung kommt laut Ifo hinzu: Auf Märkten außerhalb der EU greifen solche Zölle nicht. Für die europäische Industrie wiegt das schwer, weil sie im Ausland relevante Absatzmärkte bedient. Die Ifo-Forscher nennen dabei eine konkrete Größenordnung: Für die europäische Industrie geht es um rund ein Viertel der Produktion, das in Märkten außerhalb der EU abgesetzt wird; einzelne Branchen sogar deutlich mehr. Damit entsteht ein Spannungsfeld: Die EU kann zwar innerhalb des eigenen Marktes die Importströme beeinflussen, aber die internationale Konkurrenzfähigkeit bleibt an globalen Preissignalen hängen. Zollpolitische Maßnahmen im EU-Binnenraum treffen dann häufig nicht nur „die Konkurrenz“, sondern auch die eigenen Exportchancen.

In der Konsequenz empfehlen die Ifo-Forscher eine stärker koordinierte Vorgehensweise. Die EU solle den Umgang mit China nicht im Alleingang organisieren, sondern gezielt Verbündete gewinnen. Der Grund ist weniger abstrakt als es klingt: Gemeinsam sei die Verhandlungsmacht gegenüber Peking deutlich größer. Für Unternehmen ist das vor allem deshalb relevant, weil abgestimmte Zölle und Handelsinstrumente weniger Spielraum für Ausweichbewegungen lassen – etwa über Umgehungsströme oder über Beschaffungswechsel in Drittländer. Gleichzeitig warnt Ifo davor, dass die EU ihre Maßnahmen so designen muss, dass sie jene Partner nicht trifft, die man für ein gemeinsames Vorgehen braucht.

Konkrete Beispiele liefert die Ifo-Analyse ebenfalls. In dem Zusammenhang nennt sie „Buy-European“-Vorgaben, die Partner mit EU-Handelsabkommen ausschließen könnten, oder pauschale Schutzzölle, die nicht nach Herkunftsländern unterscheiden. Die Logik dahinter ist einfach: Wenn Instrumente international als ungerecht oder als zu breit angelegt wahrgenommen werden, sinkt die Bereitschaft anderer Länder, mitzuziehen. Machten solche Maßnahmen international Schule, wäre am Ende aus Sicht der Ifo-Forscher die exportorientierte europäische Industrie der Verlierer. Das ist zugleich eine industriepolitische Mahnung: Handelskonflikte werden dann zum Wettbewerb über Kosten, Marktanteile und Lieferketten – und weniger zum gezielten Aufbau von Innovation und Resilienz.

Für die nächsten Schritte bedeutet das: Unternehmen sollten die Zollpolitik nicht nur als Preisrisiko betrachten, sondern als Signal für den wahrscheinlich angestoßenen Strategiewechsel entlang der Lieferketten. Wer chinesische Vorleistungen nutzt, braucht laut der Ifo-Perspektive Szenarien zur Beschaffungsumstellung, zu Vertragsklauseln und zur Kostenweitergabe. Gleichzeitig rückt die Frage nach Investitionsprioritäten in den Vordergrund, weil Zölle nach Ifo gerade keine Ersatzmaßnahme für Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit sind. Wenn die EU die politische Absicht mit marktnahen Industrie- und Innovationsprogrammen koppelt und dabei mit Verbündeten verhandelt, könnte das die Zielkonflikte reduzieren. Bleibt es dagegen bei breit wirkenden Schutzmaßnahmen, steigt das Risiko, dass die kurzfristigen Effekte die langfristigen Anreize für Modernisierung überlagern.


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