MÜNCHEN/NÜRNBERG / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Arbeitslosigkeit, die seit mehr als drei Jahren stetig zunimmt, zeigt nach Einschätzung von Instituten erste Entspannungssignale. Gleichzeitig warnt das IAB vor einem schrumpfenden Arbeitsmarkt: Babyboomer gehen in Rente, während zu wenig Nachwuchs nachkommt. Besonders auffällig ist die Rolle von Beschäftigten mit Einwanderungsgeschichte, die in mehreren Berufen bereits die Mehrheit stellen. Während die Industrie noch Stellen abbaut, stabilisiert sich nach ifo-Zahlen der Gesamttrend – und der Dienstleistungssektor wirkt als Stütze.

Arbeitsmarkt in Deutschland: Lichtblicke bei Arbeitslosigkeit, Engpässe bleiben
Arbeitsmarkt in Deutschland: Lichtblicke bei Arbeitslosigkeit, Engpässe bleiben (Foto: IT BOLTWISE)
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Auf dem deutschen Arbeitsmarkt zeichnet sich zurzeit ein zweigeteiltes Bild ab: Während die Arbeitslosigkeit laut der genannten Instituts- und Statistiklage seit mehr als drei Jahren kontinuierlich gestiegen ist, deutet eine günstigere Konjunktur auf eine absehbare Beruhigung hin. Das klingt erstmal nach einer einheitlichen Trendwende, doch das IAB-Umfeld macht die Kehrseite deutlich: Bei der Beschäftigung sieht das Institut weiterhin eine negative Entwicklung. Der Grund liegt nicht nur im Tempo der Konjunktur, sondern auch in der demografischen Logik. Zu viele Babyboomer verlassen den Arbeitsmarkt, während aus dem Nachwuchs zu wenig Arbeitskräfte nachrücken – „Der Arbeitsmarkt schrumpft“, fasst es der IAB-Forscher Enzo Weber in der vorliegenden Darstellung zusammen.

Konkrete Daten liefern zusätzlich den Hintergrund, warum sich die Lage in einzelnen Regionen und Berufsgruppen unterschiedlich anfühlen kann. Das Bundesamt für Statistik zeigt demnach für das Jahr 2025, dass 27 Prozent der abhängigen Beschäftigten Wurzeln im Ausland haben. Entscheidend ist dabei weniger der eine Prozentwert als die Verteilung über Tätigkeiten: In Berufen, in denen viele Arbeitgeber händeringend Personal suchen, sind Menschen mit Einwanderungsgeschichte bereits häufiger anzutreffen. Laut Angaben der Wiesbadener Behörde trifft dies im vergangenen Jahr auf mehr als die Hälfte der Beschäftigten in der Küche zu (56 Prozent). Auch in der Lebensmittelherstellung (55 Prozent), im Bereich der Bodenverlegung (54 Prozent), im Gerüstbau (51 Prozent) sowie in der Fleischverarbeitung (51 Prozent) liegt die Mehrheit bei dieser Personengruppe.

Diese Muster setzen sich, wie die Zahlen weiter zeigen, in Engpassberufen fort. Bei Berufskraftfahrern liegt der Anteil der Beschäftigten mit Migrationshintergrund den Angaben zufolge bei 41 Prozent, im Hotelservice bei 40 Prozent und in der Kranken- und Altenpflege bei 33 Prozent. Damit verschiebt sich das Problem „Fachkräfteknappheit“ im Alltag von einer abstrakten Lücke hin zu konkreten betrieblichen Engpässen: Schichtbesetzungen, Qualifizierungsrunden und Rekrutierungszyklen lassen sich nicht einfach per Rechenmodell synchronisieren. Auch die Definition aus der Statistik ist dabei relevant, weil sie erklärt, warum die Vergleichbarkeit zwischen Branchen und Zeitpunkten gelingt: Eine Einwanderungsgeschichte liegt dem Bundesamt zufolge vor, wenn eine Person selbst oder beide Elternteile seit 1950 nach Deutschland eingewandert sind.

Technisch betrachtet, lohnt sich in diesem Zusammenhang der Blick auf die Frühindikatoren, die Institute wie das IAB und das ifo regelmäßig nutzen. Das IAB-Arbeitsmarktbarometer fungiert als monatlich erhobener Frühindikator für die kommenden drei Monate und befragt die deutschen Arbeitsagenturen zu ihren Erwartungen. Für den Monat September kündigt die Bundesagentur für Arbeit an, die reale Lage in ihrer Statistik vorzustellen; die Vorstandsvorsitzende Andrea Nahles wird diese Daten laut der vorliegenden Beschreibung im Rahmen der Monatsstatistik kommunizieren. Solche Konstruktionen sind für Unternehmen besonders praktisch, weil sie die Planungsannahmen für Personalzugänge und -abgänge frühzeitig kalibrieren. Parallel dazu betrachtet das ifo-Institut das Beschäftigungsbarometer, das sich ebenfalls als Stimmungsbarometer interpretieren lässt: Unternehmen treten beim Stellenabbau auf die Bremse, so die Kernaussage.

Das ifo-Beschäftigungsbarometer ist den Angaben zufolge den dritten Monat in Folge gestiegen und liegt nun bei 95,1 Punkten. Zuletzt erreichte es diesen Wert im August des vergangenen Jahres; höher lag es zuletzt im Juli 2024. Klaus Wohlrabe, Leiter der Ifo-Umfragen, ordnet das als Stabilisierung ein: Der Arbeitsmarkt stabilisiere sich, eine echte Erholung sei jedoch noch nicht in Sicht. Interessant ist hier die Branchenaufschlüsselung, weil sie zeigt, welche Teile des Systems sich bereits „entlasten“, während andere weiterhin unter Druck stehen. Der Dienstleistungssektor sticht positiv hervor: Dort ist der Anteil an Unternehmen, die Jobs aufbauen wollen, höher als der Anteil derer, die abbauen. Zusätzliche Beschäftigung suchen laut ifo unter anderem Ingenieurbüros sowie Rechts- und Steuerberatungen; auch Wirtschaftsprüfer werden genannt. Selbst bei Leiharbeitsfirmen schwingt wieder etwas Hoffnung mit – ein Signal, dass Personalflüsse möglicherweise weniger abwürgen als zuvor.

Am deutlichsten spürbar ist die Umbruchsituation dagegen in Industrie und Handel. Zwar warnt das IAB weiterhin vor hohen Unsicherheiten und Strukturproblemen, „vor allem in der Industrie“. Das passt zur Gesamterzählung, dass ganze Branchen tiefgreifend transformieren müssen – beispielhaft wird die Autoindustrie genannt, die den Übergang von Verbrennern zur Elektromobilität gestalten muss. Die ifo-Auswertung zeigt gleichzeitig, dass die Industrie derzeit „sehr viel weniger schlecht“ dasteht als noch vor zwei Monaten. Im verarbeitenden Gewerbe liegt der Saldo zwar bei minus 9,4, aber eben deutlich besser als zuvor mit minus 18,2; einen besseren Wert gab es zuletzt im März 2024. Einstellungen sind besonders in der Nahrungsmittelindustrie sowie bei Herstellern von Datenverarbeitungsgeräten, elektronischen und optischen Erzeugnissen vorgesehen. Beim Handel bleibt der Saldo mit minus 12,8 am schlechtesten, allerdings wird auch hier betont, dass dies einer der besten Werte der letzten Jahre ist.

Für die Praxis ergibt sich daraus ein differenzierter Handlungsdruck: Unternehmen müssen sich auf kurzfristig weniger abrupte Personalabbau-Entscheidungen einstellen, dürfen aber die mittelfristigen Engpässe nicht aus dem Blick verlieren. Wenn der Gesamtindex nach ifo trotz weiterhin negativer Salden leicht zulegt, um 0,3 Punkte, ist das ein Stimmungsplus, aber kein Freifahrtschein. Entscheidend ist außerdem, dass das Messschema eine Besonderheit hat: Der Stand von 95,1 wird im Vergleich zum Durchschnitt des Jahres 2015 errechnet, der als 100 definiert ist; die Schwelle von 100 hat darüber hinaus keine besondere Bedeutung. In der Summe spricht das für ein System, das sich zwar stabilisiert, aber nicht gleichmäßig in alle Sektoren ausrollt. Für HR- und Produktionsplanung heißt das: Rekrutierung und Qualifizierung müssen zunehmend als Kontinuum verstanden werden – und die Integration von Beschäftigten mit Einwanderungsgeschichte bleibt, gemessen an den genannten Anteilen in Engpassberufen, ein zentraler Hebel.


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