BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine quantitative Inhaltsanalyse von 1.000 Tagesschau-Sendungen zeigt eine deutlich ungleichere Nennungshäufigkeit von Ost- und Westdeutschland. Je eine Million Ostdeutsche kommen auf 37 Nennungen, bei Westdeutschen sind es 15. In 24 Prozent der Sendungsabschnitte mit Ostbezug geht es zudem um Themen im Zusammenhang mit rechter Ideologie. Die Studie ordnet den Osten dabei als „markierte Kategorie“ ein, während der Westen als Normalfall erscheint.

Eine scheinbar kleine Verschiebung in der Wortwahl kann in der Nachrichtensprache große Wirkung entfalten: Wenn ein Landesteil deutlich häufiger vorkommt, dann prägt das die Vorstellung davon, wofür diese Region „steht“. Genau diese Dynamik legt eine quantitative Inhaltsanalyse nahe, die 1.000 aufeinanderfolgende Ausgaben der „Tagesschau“ um 20.00 Uhr untersucht hat. Das Ergebnis ist zunächst statistisch: Obwohl die westdeutschen Länder in absoluten Nennungen doppelt so oft genannt werden wie die ostdeutschen (ohne Berlin), sieht die Rechnung pro Bevölkerungsgröße anders aus. Auf eine Million Ostdeutsche kommen 37 Nennungen, auf eine Million Westdeutsche 15.
Besonders bemerkenswert ist dabei, wie die Studie einzelne Länderprofile hervorhebt. So wird in der Auswertung formuliert, dass Sachsen im Vergleich zu einem bevölkerungsähnlichen westdeutschen Land wie Rheinland-Pfalz deutlich häufiger namentlich erwähnt werde. Solche Muster entstehen selten durch eine einzelne Redaktionstaktik, sondern durch eine Mischung aus Themenanlässen, zeitlicher Dichte von Ereignissen und wiederkehrenden politischen Rahmungen. Gerade wenn Beiträge über regionale Konfliktlagen, Wahlen oder gesellschaftliche Debatten häufiger vorkommen, werden diese Regionen auch sprachlich „greifbarer“ – und damit häufiger als Kontext für Ursachen, nicht nur für Fakten.
Die Studie arbeitet neben der Nennungshäufigkeit auch mit inhaltlichen Zuordnungen. In 24 Prozent der Sendungsabschnitte, in denen es um Ostdeutschland ging, sei ein Thema behandelt worden, das mit rechter Ideologie zusammenhing. Bei westdeutschen Ländern war dieser Schwerpunkt mit 5 Prozent deutlich seltener. Hinzu kommt ein weiterer deutlicher Schwerpunkt der Zeitachse: Insgesamt entfalle ein Viertel der Berichterstattung über Ostdeutschland auf Wahlen und Wahlkampf. Der betrachtete Zeitraum erstreckt sich dabei auf Sendungen zwischen dem 1. Januar 2023 und dem 27. September 2025, in dem Wahltermine in Thüringen, Sachsen und Brandenburg lagen.
Gleichzeitig vergleicht die Analyse diese Ost-Wahlkonzentration mit dem Westen in demselben Zeitfenster. Für westliche Bundesländer beträgt der Anteil von Berichten über Wahlen und Wahlkampf laut Studie 13 Prozent, während gleichzeitig in 19 Prozent der westbezogenen Berichte Themen wie Wirtschaft, Infrastruktur oder Arbeitsmarkt im Mittelpunkt stünden. Für ostdeutsche Länder liegt dieser Anteil bei 9 Prozent. Genau hier setzt die Interpretation an: Die Forscher halten fest, dass der Westen der „Normalfall“ sei, während der Osten als „markierte Kategorie“ auftauche. Diese Formulierung zielt weniger auf eine pauschale Stigmatisierung, sondern beschreibt ein wiederkehrendes Muster der thematischen Gewichtung – und sie wird durch eine weitere Kennzahl gestützt: In der Berichterstattung werde „ostdeutsch“ besonders oft erwähnt, nämlich 152-mal, mehr als für westdeutsch, norddeutsch und süddeutsch zusammen.
Methodisch basiert die Auswertung auf Transkripten und einer systematischen Zuordnung von Fundstellen zu „Sinnabschnitten“. Entscheidend ist dabei, dass die Medienwissenschaftler einzelne Treffer nicht als bloße Stichworte behandeln, sondern die Abschnitte thematisch sortieren; wenn Begriffe mehrfach in einem Abschnitt auftauchen, werden diese Zusammenhänge ebenfalls berücksichtigt. Bereiche wie Sport, Wetter, Katastrophen und Unglücke werden gesondert analysiert, weil eine regionale Zuordnung in solchen Fällen als zufallsbehaftet gilt. Damit rückt die Frage der „Rahmung“ in den Vordergrund: Nicht nur, wie oft eine Region vorkommt, sondern welche Themen typischerweise daran gekoppelt werden.
Die Studie lässt zugleich eine zentrale Gegenfrage offen: Wie viel der Unterschiede erklärt sich durch die Ereignislage, wie viel durch eine redaktionelle Auswahl logik? In der Anfrage an die Tagesschau-Redaktion wurde geantwortet, die Themenauswahl orientiere sich an journalistischer Relevanz, also daran, welche Themen für Menschen und die öffentliche Debatte relevant seien, „nicht an geografischen Himmelsrichtungen“. Das ist als redaktionelles Prinzip grundsätzlich plausibel; dennoch zeigt die Datenauswertung, dass das Ergebnis im Sprachgebrauch nicht neutral wirkt. Für die Praxis bedeutet das: Gerade bei wiederkehrenden Kategorien in politischen Debatten kann selbst eine an Relevanz ausgerichtete Auswahl langfristig zu einer asymmetrischen Wahrnehmung führen.
Für Unternehmen, Kommunikatoren und auch für Entwickler von Analysewerkzeugen ist die Studie damit mehr als ein medienwissenschaftlicher Befund. Sie liefert ein konkretes Beispiel, wie sich aus Textkorpora statistische Unterschiede ableiten lassen, ohne gleich in Einzelfall-Interpretationen abzudriften. Wer solche Muster in eigenen Content-Analysen überwachen will, kann die hier beschriebene Methodik als Ausgangspunkt nehmen: Nennungshäufigkeit pro Bevölkerungsgröße, thematische Kategorisierung nach Sinnabschnitten und ein Vergleich der Anteile über definierte Zeiträume. Gerade in einer Zeit, in der KI-gestützte Sentiment- und Topic-Modelle für Monitoring-Anwendungen eingesetzt werden, sind solche belastbaren Referenzanalysen wichtig, um „Framing“ von reiner Frequenz zu unterscheiden.
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