LONDON (IT BOLTWISE) – Forschende des ISTA haben einen lichtaktivierten Nickelkatalysator entwickelt, der Kreuzkupplungen mit deutlich weniger Metall ermöglicht. Das System wird mit sichtbarem Licht angetrieben und koppelt organische Bausteine selektiv zu neuen Strukturen. Laut Studie sinkt die benötigte Katalysatormenge auf 100 Parts per Million, also nur 0,01 Molprozent. Damit rückt Nickel als kostengünstigere Alternative zu teuren Palladiumkatalysatoren in Reichweite.

Wenn Arzneistoffe und Feinchemikalien im Industriemaßstab entstehen, hängt die Produktivität oft an einer einzigen Stellschraube: dem Katalysator, der bestimmte Reaktionen effizient in Gang bringt. In der organischen Synthese sind Kreuzkupplungsreaktionen dabei ein zentraler Arbeitstakt, weil sie molekulare Bausteine über neue Bindungen miteinander verbinden. Traditionell dominieren dafür Palladiumkatalysatoren, doch das Edelmetall ist selten und teuer. Genau an diesem Engpass setzt ein neues, lichtaktiviertes Nickelkatalysatorsystem an, das am Institute of Science and Technology Austria (ISTA) entwickelt wurde und im Fachjournal Nature Catalysis veröffentlicht ist.
Im Pieber-Labor wird die Chemie dafür nicht „im Dunkeln“ beschleunigt, sondern durch eine gezielte Lichtzufuhr: Hinter einer Glaswand bestrahlen LED-Lampen kleine Reaktionsgefäße, wobei das Licht als Energiequelle dient. Der Unterschied zur reinen Beleuchtung ist entscheidend, denn der Katalysator wird durch sichtbares Licht in einen aktiven Zustand versetzt und ermöglicht so die chemische Synthese. Aus Sicht der Prozessentwicklung ist das attraktiv, weil Licht als Steuergröße eingesetzt werden kann, statt nur über Temperatur oder chemische Zusätze zu regeln. In der Studie wird die Idee zudem nicht als Labor-Trick belassen: Das Team um Bartholomäus Pieber und Co-Autor: innen koppelt chemische Bausteine breit einsetzbar und verknüpft dabei verschiedene Heteroatome, etwa Stickstoff-, Sauerstoff-, Schwefel- oder Phosphorverbindungen.
Technisch liegt die Herausforderung weniger im „Aktivieren“ an sich, sondern darin, dass Nickelkatalysatoren in vielen Fällen weniger effizient sind und nicht automatisch dieselbe Reaktionsbandbreite liefern wie etablierte Palladiumsysteme. Bereits vor rund zehn Jahren zeigten erste Ansätze, dass man statt Palladium auch Nickel einsetzen kann, wenn zusätzlich ein Katalysator genutzt wird, der Licht in „chemische Energie“ umwandelt. Allerdings gab es einen Haken: In der Praxis führten Nickellösungen häufig zu langsameren Reaktionsraten oder zu einem höheren Bedarf an Katalysator, was wiederum die Kostenvorteile konterkariert. Das ISTA-Team beschreibt deshalb als eigenen Arbeitsfokus, Einschränkungen moderner Nickelkatalysesysteme systematisch zu verstehen und darauf aufbauend alternative Kandidaten sowie Methoden zu entwickeln.
Im Verlauf der Arbeiten gelang 2020 bereits ein wichtiger Schritt, indem bestimmte Limitationen der Nickelkatalyse unter kontrollierten Reaktionsbedingungen adressiert werden konnten. Hintergrund: Bei der Nutzung komplexerer Bausteine kann der Katalysator unter Umständen beschädigt werden. Entscheidend ist hier das „How“ der Reaktionsführung, also die Frage, wie Temperatur, Mischung und Reaktionsumgebung so eingestellt werden, dass der Katalysator nicht vorzeitig degradieren muss. Der damalige Ansatz lieferte zwar ein funktionierendes Prinzip, aber noch keine effiziente Routine. Genau diese Lücke füllt die aktuelle Arbeit, indem PhD-Student Aleksander Bena das wachsende mechanistische Verständnis in konkrete Designentscheidungen für einen verbesserten, lichtaktivierbaren Katalysator übersetzt.
Das Herzstück ist ein maßgeschneiderter Ligand, der die katalytische Aktivität des Nickelzentrums nach der Aktivierung durch sichtbares Licht erhöht. Dadurch kann das System Bindungen zwischen Kohlenstoffatomen und verschiedenen Heteroatomen herstellen und so unterschiedliche Kupplungsprodukte erzeugen. Die Ergebnisse sind dabei nicht nur „messbar“, sondern in ihrer Größenordnung ein klares Signal: Insgesamt sinkt die benötigte Katalysatormenge auf 100 Parts per Million, entsprechend 0,01 Molprozent. In einfacher Übersetzung bedeutet das, dass in einem typischen Experiment ein einzelnes Nickelkatalysatormolekül bis zu 10.000 Produktmoleküle hervorbringen kann. „Das bemerkenswerteste Ergebnis war, dass wir komplexe Bindungen mit einer sehr geringen Menge des Nickelkatalysators effizient herstellen konnten“, sagt Bena; Pieber ergänzt: „Solche geringen Katalysatormengen werden üblicherweise nur mit palladiumbasierten Katalysatoren erreicht. Dass dies mit einem Nickelkatalysator gelingt, ist sehr aufregend“.
Für die Bewertung am Markt und in der Chemie-Engineering-Praxis ist vor allem die Breite der Demonstration relevant. Das Team prüfte die Anwendbarkeit in einem kleinen, spezialisierten Arbeitsrahmen und stellte mehr als 150 Produkte her. Das Spektrum reicht dabei von relativ einfachen molekularen Bausteinen bis hin zu komplexeren Molekülen und Derivaten, darunter auch Strukturen wie Fluoxetin, ein in der Therapie etabliertes Antidepressivum. Diese Art von „Capability-Stretching“ ist wichtig, weil Katalysatorsysteme in der industriellen Entwicklung selten nur in einem einzigen Modellfall funktionieren müssen, sondern in vielen Varianten aus Rohstoffprofil, Zielstruktur und Prozessfenstern. Genau deshalb wirkt der neue Nickelansatz auch wie eine Antwort auf die typische Robustheitsfrage: Wie gut hält ein System in der realen Vielfalt der Substrate durch?
Auch die Einordnung in die Forschungslandschaft passt: Die Studie zeigt, wie das Verständnis grundlegender Reaktivität nickelbasierter Spezies dabei helfen kann, ein häufig vorkommendes Metall in einen leistungsfähigen Katalysator zu transformieren. Gleichzeitig bleibt der Transfer in die Anwendung eine klassische nächste Stufe, bei der Skalierung, Lichtführung und Prozessstabilität zusammenspielen müssen. Die Publikation verweist auf das konkrete Ergebnis: DOI: 10.1038/s41929-026-01616-6 (A. R. Bena et al., 2026, Nature Catalysis). Wenn sich die Effizienzwerte und die Substratbreite auch bei kontinuierlicher Prozessführung stabilisieren lassen, könnte Nickel in bestimmten Produktlinien künftig stärker als heute in den Katalysator-Mix rücken – vor allem dort, wo Kosten, Versorgungssicherheit und nachhaltigere Syntheserouten eine größere Rolle spielen.
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