QUANTICO, VIRGINIA / LONDON (IT BOLTWISE) – US-Verteidigungsminister Pete Hegseth skizziert in einer Rede am Marine Corps Base Quantico einen Umbau des Pentagon-Betriebs. Im Zentrum stehen ein neues Kommando für Drohnenkriegsführung, ein Vorstoß Richtung autonomer Gefechtsführung sowie eine Studie zur zukünftigen Kriegsführung über 120 Tage. Gleichzeitig kündigt er eine weitere Verkleinerung des General- und Admiralskorps an und adressiert Resilienzthemen wie Energieunabhängigkeit und härtere Standorte. Unklar bleibt, wie schnell sich die Organisation in der Praxis umstellen lässt und welche konkreten Umsetzungsschritte mit den Projekten verbunden sind.

Pentagon-Umbruch unter Hegseth: Drohnenkommando, Autonomie und mehr Resilienz
Pentagon-Umbruch unter Hegseth: Drohnenkommando, Autonomie und mehr Resilienz (Foto: IT BOLTWISE)
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US-Verteidigungsminister Pete Hegseth treibt den Umbau des Pentagon nicht nur als politische Agenda voran, sondern verknüpft ihn explizit mit einem Personal- und Rollenmodell, das aus seiner Sicht mehr Geschwindigkeit und weniger Bürokratie bringen soll. In seiner „State of the Force“-Ansprache bei Marines am Marine Corps Base Quantico in Virginia kündigte er an, ein neues combatant command speziell für Drohnenkriegsführung zu schaffen. Ergänzend sprach er von einem weit gefassten Blick auf die nächsten Schritte der Kriegsführung – und stellte dabei in Aussicht, dass sich die Entscheidungswege näher an operative Einheiten verschieben sollen. Für Führungsteams und Beschaffer ist damit weniger die Frage „ob“ Änderungen kommen, sondern „wie“ sie in bestehende Strukturen, Budgets und Trainingspläne überführt werden.

Ein zentrales Element des Vorhabens betrifft die Zusammensetzung der Spitze. Hegseth bestätigte, dass der general- und admiral corps um 20% kleiner werden soll, gemessen am Stand zu Beginn der Amtszeit. Darüber hinaus ordnete er an, bis zum Jahresende nochmals 10% der obersten Offiziere abzubauen – aufbauend auf einem zusätzlichen 10%-Schritt, der bereits durch Entlassungen oder verweigerte Beförderungen erfolgt sein soll. Er argumentierte, dies solle Bürokratie senken und Entscheidungen schneller von oben nach unten durchreichen. Kritische Stimmen aus der Verteidigungscommunity warnen allerdings, dass ein solcher Zuschnitt die Konkurrenz um Führungsränge reduziert und damit potenziell die Qualität des nachrückenden Führungsteams beeinflusst.

Technisch und organisatorisch rücken Hegseths Konzepte stark in Richtung „Autonomie“ und schnellere Iterationszyklen. Das von ihm vorgeschlagene AUTOWARCOM („Autonomous Warfare Command“) soll als neues combatant command von einem vier-Sterne-General geführt werden und „service-like authorities“ erhalten, um autonome und robotergestützte Fähigkeiten innerhalb der joint force besser zu integrieren. Der Ansatz zielt damit auf mehr als nur einzelne Drohnenprogramme: Entscheidend wäre, ob AUTOWARCOM die nötigen Zuständigkeiten bekommt, damit Systeme schneller in gemeinsame Taktiken übergehen. In diese Logik passt auch das geplante Rebranding von „Project Agincourt“: Als Portfolio Manager für unbemannte Systeme soll es – in Zusammenarbeit mit dem Defense Innovation Unit Director Owen West und einem Navy SEAL Senior Chief – Operators und Unternehmer zusammenbringen, um neue Werkzeuge in „rapid adaptation cycles“ bereitzustellen. Darüber hinaus nennt Hegseth eine enge Kopplung an realistische Trainingsübungen sowie daran, Entscheidungen und Mittel näher an frontline-nahe combatant commands zu verlagern.

Daneben steht „Project Meridian“ als organisatorische Brücke zwischen Technologie und Strategie. Dabei handelt es sich laut Rede um eine 120-tägige Studie zur Zukunft der Kriegsführung, betreut durch den Pentagon Chief Technology Officer Emil Michael und federführend durch Tech-Größen aus dem Verteidigungsumfeld: Elon Musk sowie Anduril-Gründer Palmer Luckey; zusätzlich soll Newt Gingrich beteiligt sein. Hegseth betonte, das Team solle „domains identifizieren, die wir erobern müssen“ und Fähigkeiten, die zu meistern seien – ausdrücklich ohne den Anspruch, neue Strategien oder Richtlinien vollständig auszuformulieren. Für die Umsetzung ist genau diese Abgrenzung bemerkenswert: Sie deutet darauf hin, dass die Ergebnisse vor allem als Input für bestehende Planungs- und Budgetzyklen dienen sollen. Gleichzeitig ist die Frage nach der Schnittstelle zu klassischer Prozess- und Rechtsprüfung offen, weil schon kleine Zeitverzüge zwischen Studie, Programmierung und Beschaffung in der Praxis häufig den Unterschied machen.

Unter dem Titel „Fortress America“ verknüpft Hegseth die militärische Neuausrichtung außerdem mit Resilienzmaßnahmen, die in der Regel langfristige Investitionen erfordern. Er will Energieunabhängigkeit für große Standorte erreichen, kritische Lieferketten stärker ins Inland verlagern („reshoring“) und Basen gegen Angriffe sowie gegen Cyberbedrohungen härten. Ergänzend nannte er die Einladung an Gouverneure und State adjutant generals, den Bau einer neuen Basis in den USA zu bewerben – ein Vorhaben, das laut Aussage bis zu 25.000 Soldaten beherbergen soll und das nach vier Jahrzehnten wieder ein Neubau auf US-amerikanischem Boden wäre. Politisch bedeutet das: Staaten würden als Teil des Standorteinflusses unmittelbar in die Architektur des Verteidigungsbetriebs eingebunden, während der Zeitplan der Projekte über die kommenden Haushaltsrunden hinweg entscheidend wird.

Abseits von Drohnen und Infrastruktur kündigte Hegseth auch Programme an, die die Pipeline künftiger Führung und die innere Ausrichtung der Streitkräfte betreffen. In „America’s Corps of Cadets“ sollen Liberty University, Hillsdale College, Tuskegee University, Louisiana State University und Mississippi State University mit dem Verteidigungsministerium an einem neuen Officer-Commissioning-Programm beteiligt werden, das auf eine klassische Bildung statt auf „liberal arts“ setzen soll. Zusätzlich plant er eine neue Organisation „Office of Religious Affairs“, die direkt an ihn berichtet und Budget- sowie Infrastrukturthemen für Geistliche in den Vordergrund rücken soll. Technisch-funktional interessant ist darüber hinaus das angekündigte „PT test“, das nach seinen Worten mit nur Stoppuhr und Clipboard im Tagesrhythmus durchgeführt werden soll – bis auf Ebenen von „corporal“ bis „commandant“ – weil gerade standardisierte Tests häufig als Hebel dienen, um Leistungs- und Bereitschaftskennzahlen in die Breite zu ziehen.

Unterm Strich deutet die Rede auf einen Versuch hin, die Streitkräfte stärker in Richtung schneller Iteration, modularer Zusammenarbeit und operativer Entscheidungsnähe auszurichten. Für die Industrie bedeutet das: Wer Systeme liefert oder Plattformen integriert, bekommt potenziell mehr Aufmerksamkeit für „rapid adaptation“ und für die Frage, wie schnell neue Fähigkeiten in Übungen und Einsätze überführt werden können. Gleichzeitig bleibt die Umsetzung entscheidend davon abhängig, welche Befugnisse AUTOWARCOM tatsächlich bekommt, wie die Personalverschiebungen in den nächsten Beförderungszyklen wirken und wie Resilienzmaßnahmen wie Energieunabhängigkeit und Cyber-Härtung konkret priorisiert werden. Dass Hegseth dabei auch abwertende, auf Minderheiten bezogene Aussagen machte, zeigt zudem, wie stark die Debatte um Kultur und Legitimation im Inneren mit der technologischen Agenda verwoben wird.

Für Entscheider im Bereich KI-gestützter Operationsunterstützung liegt die strategische Lesbarkeit vor allem in der Kombination aus Drohnenkommando, autonomer Gefechtslogik und schneller Anpassung an realistische Trainingsszenarien. Wenn diese Bausteine in inkrementelle Trainings- und Beschaffungszyklen übersetzt werden, können sich sowohl Entwicklungs- als auch Integrationsanforderungen in Richtung stärkerer Systemintegration, Messbarkeit und schnellerer Feedback-Schleifen verschieben. Gleichzeitig müssen Organisationen und Anbieter auf klarere Governance achten, denn ohne eindeutige Zuständigkeiten droht Autonomie in der Praxis bei Schnittstellen, Freigaben und Sicherheitsprüfungen stehenzubleiben. Genau hier entscheidet sich, ob Hegseths Plan eher eine Neuausrichtung von Programmen oder tatsächlich ein dauerhafter Umbau der Art ist, wie im Pentagon Technologie in Gefechtsfähigkeit verwandelt wird.


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