WOLFEGG / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Bauernhausmuseum in Wolfegg gibt im Zuge seiner Bestandsbereinigung ausgewählte Objekte ab. Hintergrund sind dauerhaft volle Lagerräume und ein Sammlungskonzept, das nicht alles gleich gut abbildet. Bei den Aktionstagen können Interessierte die ausgemusterten Gegenstände sichten und sich bewerben. Eine indischstämmige Bewohnerin aus Laichingen holte sich dabei eine mechanische Singer-Nähmaschine als Stück mit starker persönlicher Bedeutung.

Das Bauernhausmuseum in Wolfegg steht vor einem typischen Dilemma vieler Häuser mit groß gewachsenen Sammlungen: Nicht jedes Objekt fügt sich im Laufe der Jahrzehnte gleich gut in ein schlüssiges Museumskonzept ein. In den fast 50 Jahren seines Bestehens hat das Museum nach eigenen Angaben unzählige Dinge aus dem bäuerlichen Alltag zusammengetragen, darunter Kochgeschirr, Heiligenfiguren und alte Landwirtschaftsmaschinen. Manche Exponate sind sogar doppelt vorhanden, andere passen zwar historisch in die regionale Lebenswelt, bleiben aber museal weniger „sprechend“. Gleichzeitig werden die Lagerräume nach und nach voller, sodass das Museum jetzt Schritte einleitet, um ausgewählte Gegenstände abzugeben.
Im Zentrum der aktuellen Aktion steht eine konkrete Größenordnung: Das Museum trennt sich schätzungsweise von etwa 26.000 Objekten, die an verschiedenen Stellen lagern, etwa auf dem Dachboden oder in weiteren Räumen. Auch außerhalb des Gebäudes gibt es Bestände, darunter alte Landmaschinen. Für Besucherinnen und Besucher ist das kein „Verkaufen um jeden Preis“, sondern eher eine kuratierte Übergabe: Das Museum organisiert Aktionstage, bei denen Interessierte die ausgemusterten Gegenstände ansehen und sich als Abnehmer bewerben können. Beim ersten dieser Aktionstage standen beispielsweise 15 antike Nähmaschinen zur Auswahl – ein Hinweis darauf, wie stark sich die Vielfalt des Hauses im täglichen Blickwinkel der Besucher spiegelt.
Besonders greifbar wird der Prozess an einem konkreten Einzelfall: Renjitha Smuda, die heute in Laichingen lebt, hat auf diesem Weg eine alte Nähmaschine ergattert, die ihr in der Kindheit vertraut war. Sie hatte in Indien gelernt, an einem ähnlichen Modell zu nähen; in ihrer Erinnerung spielte dabei eine Singer-Maschine eine zentrale Rolle, die ihre Mutter früher genutzt hatte. Als sie die Ankündigung zum Aktionstag las, überlegte sie kurz, ob sich die rund einstündige Fahrt nach Wolfegg lohnt. Dann entschied sie sich zusammen mit ihrem Mann und ihrer Tochter dafür, mitzufahren – und wurde tatsächlich fündig: Smuda erhielt eine mechanische Singer-Nähmaschine, die ihrer Kindheitsmaschine sehr ähnlich ist. Ihre Reaktion fiel entsprechend emotional aus: „Ich war total happy“. Die Nähmaschine bekam bei ihr einen festen Platz im Wohnzimmer, und sie will anschließend ausprobieren, ob sich damit noch immer nähen lässt.
Für das Team des Bauernhausmuseums ist genau diese „Geschichte im Objekt“ einer der Gründe, warum die Übergabe nicht nur als Abverkauf verstanden wird. Leiterin Tanja Kreutzer beschreibt den Kern der Idee so, dass die Gegenstände in gute Hände gelangen sollen. Auch die Sammlungssachbearbeitung, vertreten durch Anja Esterluß, betont den Wert von nachvollziehbaren Lebensläufen: Ein Objekt habe alle eine Geschichte, und es sei schön zu sehen, dass Menschen diese Wertschätzung teilt. Ein weiteres Beispiel liefert eine Sattlerin, die sich eine der Nähmaschinen abgeholt hat, um sie für ihre Arbeit zu nutzen. Dass daraus tatsächlich wieder praktischer Einsatz entsteht, zeigt, dass die Musealisierung nicht zwingend das Ende einer Nutzung sein muss, sondern ein Zwischenschritt auf dem Weg zur weiteren Verwendung sein kann.
Technisch-organisatorisch folgt der Übergabe jedoch ein klarer mehrstufiger Ablauf, der die Provenienz und die museale Verantwortung berücksichtigt. Bevor ein Objekt das Museum verlassen darf, durchläuft es zunächst die Prüfung durch andere Einrichtungen: Zuerst bietet das Museum die Gegenstände anderen Museen an. Wenn diese nicht interessiert sind, versucht das Team anschließend, den Vorbesitzer zu ermitteln – vor allem dann, wenn der Gegenstand zurückhaben möchte. Erst im dritten Schritt wird öffentlich abgegeben. Dieser Ablauf ist insofern relevant, weil er unterschiedliche Zielkonflikte ausbalanciert: Denkbar ist, dass einzelne Stücke aus Sammlungsübernahmen stammen, deren Herkunft noch klärungsbedürftig ist oder für andere Institutionen besser als Ergänzung in ein bestehendes Profil passt.
Nach den Nähmaschinen richtet das Museum nun den Blick auf das nächste Kapitel der Aktionstage: Als nächstes stehen im kommenden Jahr Bestände aus dem Bereich Geschirr und Keramik im Fokus. Die Vorbereitung läuft bereits, während im Lager unter anderem Einkochtöpfe, bedruckte Gläser und Kaffeeservice einsehbar sind. Wie viel ein Objekt tatsächlich „erzählen kann“, hängt dabei häufig von der Informationsdichte ab, die das Museum zu Herkunft und Nutzung besitzt. Esterluß erläutert, dass die Teamschwerpunkte bei sogenannten „sprechenden Objekten“ liegen: Wenn bekannt ist, woher und aus welcher Zeit das Stück stammt, wer es wofür genutzt hat und ob es eine konkrete Geschichte gibt, kann das Museum im Anschluss auch selbst Kontext liefern. Andere Gegenstände sind dagegen weniger gut dokumentiert – etwa Dinge, die einst ohne weitere Angaben an der Museumstür abgestellt wurden. In diesen Fällen wird die Einordnung deutlich schwieriger, und das Museum bittet Menschen, die etwas anbieten möchten, vorher telefonisch oder per Mail Kontakt aufzunehmen, statt es unkoordiniert abzugeben.
Unterm Strich zeigt der Ansatz in Wolfegg, wie sich Sammlungspolitik in der Praxis an realen Problemen messen lassen muss: vollen Lagerräumen, begrenzten Ressourcen und der Frage, welche Exponate im Museum nicht nur „vorhanden“, sondern auch „erfahrbar“ sind. Für die Region Oberschwaben und den westlichen Allgäu ist das Bauernhausmuseum damit nicht nur Bewahrer von Kulturgeschichte, sondern auch ein Sortier- und Vermittlungsorgan. Und für Interessierte eröffnet sich ein Weg, wie Kulturobjekte wieder in private oder handwerkliche Nutzung übergehen können – ohne dass dabei die Herkunft vollständig aus dem Blick gerät. Dass dabei sowohl persönliche Erinnerungen als auch praktische Anwendungen zusammenkommen, macht den Aktionstag zu einem Modell, das sich gerade für andere Häuser mit wachsenden Beständen als Orientierung eignet.
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