MAINZ / LONDON (IT BOLTWISE) – Trotz erster Konjunkturerholung bleibt die Zahlungsmoral in Deutschland deutlich angespannt. Laut der Zahlungserfahrungsstudie von Coface sind 82 Prozent der Unternehmen im Jahr 2026 von Zahlungsverzögerungen betroffen, ein Höchstwert seit 2019. Besonders lange überfällige Forderungen binden Liquidität und können sich zu Dominoeffekten in der Wertschöpfungskette auswachsen. Gleichzeitig kürzen viele Firmen zwar ihre Zahlungsfristen, verzichten aber nur selten vollständig auf Lieferantenkredite.

Zahlungsverzug bleibt Dauerproblem: 82% der Firmen warten länger auf ihr Geld
Zahlungsverzug bleibt Dauerproblem: 82% der Firmen warten länger auf ihr Geld (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Sorge um die Liquidität kommt in der deutschen Wirtschaft gerade nicht zur Ruhe. Während die Konjunktur laut Einordnung aus dem Zahlungsumfeld erste Erholungstendenzen zeigt, bleibt die Zahlungsmoral hinter den Erwartungen zurück: In der aktuellen Zahlungserfahrungsstudie des Kreditversicherers Coface sind 82 Prozent der befragten Unternehmen im Jahr 2026 von Zahlungsverzögerungen betroffen. Das ist der höchste Wert seit 2019 und zugleich das fünfte Mal in Folge, dass der Anteil der betroffenen Firmen steigt – von 59 Prozent im Jahr 2021 auf 82 Prozent.

Technisch gesehen ist Zahlungsverzug weniger ein einzelner Moment als ein Muster im Working-Capital-Management: Rechnungsstellung, Zahlungsfreigabe, Banklaufzeiten und die tatsächliche Fälligkeit greifen zeitlich nicht immer ineinander. In der Studie verschärft sich dieses Muster besonders dort, wo Zeitverzug nicht „aufholbar“ wirkt. Zwar sank die durchschnittliche Dauer der Zahlungsverzögerungen von 31,8 Tagen im Vorjahr auf 30,2 Tage. Doch lange überfällige Außenstände bleiben das zentrale Liquiditätsrisiko: Der Anteil der Unternehmen, bei denen Forderungen zwischen sechs Monaten und zwei Jahren einen Anteil von 2 Prozent oder mehr am Jahresumsatz ausmachen, steigt von 12 auf 15 Prozent.

Ein wichtiger Unterschied zeigt sich zudem nach Branchen. Besonders häufig berichten Unternehmen aus dem Maschinenbau (92%), der Pharma- und Chemiebranche (90%) sowie der Automobilindustrie (89%) von verspäteten Zahlungen. Am anderen Ende des Spektrums liegen Unternehmen aus der Holz- und Möbelindustrie: Hier sind nur 54 Prozent der Befragten länger auf ihr Geld angewiesen. Auffällig ist außerdem, dass sich die „harte“ Risiko-Komponente im Maschinenbau besonders dynamisch entwickelt: Der Anteil der Unternehmen mit langfristig überfälligen Forderungen innerhalb eines Jahres steigt dort von 15 auf 31 Prozent. In der Praxis heißt das für viele Lieferketten: Selbst wenn die durchschnittliche Verzögerung sinkt, steigt das Gewicht der Forderungen, die sich faktisch nicht mehr kurzfristig in Liquidität umwandeln lassen.

Besonders relevant für das Verständnis der nächsten Schritte ist die Frage, wie sich Zahlungsprobleme weiterreichen. Als häufigste Ursache nennen Unternehmen finanzielle Schwierigkeiten ihrer Kunden. Neu bzw. stärker betont wird dabei die wachsende Bedeutung von Dominoeffekten: Ein Drittel der Befragten führt Zahlungsprobleme darauf zurück, dass die eigenen Kunden ebenfalls auf ausstehende Zahlungen warten. Der Effekt ist nicht nur statistisch, sondern operativ plausibel: Wer das eigene Geld später erhält, gibt den Druck oft weiter und zahlt seinerseits später, um die Liquidität zu schonen. Genau solche Kettenreaktionen erhöhen nach den Erfahrungen aus der Studie die Risiken entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Wie eng Zahlungsmuster und Geschäftsregeln miteinander verknüpft sind, zeigt auch der Blick auf Zahlungsziele. 81 Prozent der befragten Unternehmen gewähren ihren Kunden weiterhin Zahlungsziele – zwar leicht unter dem Vorjahresniveau von 84 Prozent, aber im langfristigen Vergleich weiterhin hoch. Damit setzt sich ein Trend fort, der bereits vor der jüngsten Verschlechterung erkennbar war: Im Jahr 2020 gewährten nur 62 Prozent einen Lieferantenkredit. Gleichzeitig gilt: Zahlungsziele werden früher eingefordert. Die durchschnittliche Zahlungsfrist sinkt von 32,5 Tagen (2025) auf 30,6 Tage und liegt damit auf dem niedrigsten Niveau seit 2017. Für Treasury- und Controlling-Abteilungen ist das ein Signal, dass viele Unternehmen zwar Beziehungen über Zahlungsbedingungen absichern wollen, aber das Risiko aktiv reduzieren.

Daneben gewinnt die Absicherung von Forderungen spürbar an Bedeutung. In der Studie geben 21 Prozent der Befragten an, Zahlungsziele anzubieten, weil das Risiko durch eine Warenkreditversicherung abgesichert ist. Auch hier wird eine Trendwende sichtbar: Der Wert ist der höchste seit 2019. Technisch bedeutet das für Unternehmen häufig mehr Datenarbeit – etwa bei der Bonitätsbewertung, bei der Risikoklassifizierung und bei der laufenden Überwachung der Debitoren. Es kann außerdem helfen, Zahlungsziele selektiver zu gestalten: Nicht „weniger Kredit“ generell, sondern mehr Kredit nur dort, wo das Ausfallrisiko versicherbar und steuerbar ist.

Für die nächsten Monate bleibt die Kernaussage der Studie damit zweigeteilt. Einerseits sinkt die durchschnittliche Dauer der Verzögerungen, was kurzfristig Entlastung bringt. Andererseits nimmt der Anteil kritischer Langfristforderungen zu – besonders deutlich im Maschinenbau – und die Studie verknüpft das Risiko mit sich verstärkenden Dominoeffekten. Das heißt für Unternehmen: Liquiditätsplanung muss stärker mit Debitorenrisiken zusammengedacht werden, statt sich nur auf Durchschnittswerte zu verlassen. Die Studie wurde als zehnte Auflage zwischen Juli und August 2026 durchgeführt; insgesamt nahmen 503 Unternehmen aus mehr als 12 Branchen an der Befragung teil. Die vollständige Studie ist als PDF unter Payment survey Germany abrufbar.


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