LONDON (IT BOLTWISE) – Nach mehr als zehn Jahren und mindestens 20 Fehlgeburten feiert Ranim Haddad den ersten Geburtstag ihres Sohnes Emmanuel. Ihr Weg führte über IVF mit genetischen Tests, Embryonen-Lagerung und naturheilende Schwangerschaften – aber auch über zwei dramatische Schwangerschaftsverläufe. Erst die engmaschige Betreuung durch eine Spezialistin, frühe Erkennung von Risiken wie vorzeitigem Gebärmutterhals-Verschluss sowie die Behandlung von Gestationsdiabetes und Präeklampsie halfen, dass der Kleine bis zur Geburt überlebte. Der Fall zeigt, wie wichtig strukturierte Überwachung und spezialisierte Perinatalmedizin gerade bei wiederholten Verlusten sind.

Nach 20 Fehlgeburten: Wie engmaschige Betreuung eine Geburt trotz Sirenomelie ermöglichte
Nach 20 Fehlgeburten: Wie engmaschige Betreuung eine Geburt trotz Sirenomelie ermöglichte (Foto: IT BOLTWISE)
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Ranim Haddad hat nach außen den Blick auf ein Jubiläum, nach innen aber vor allem den auf eine lange Serie aus Hoffnungsschüben und Rückschlägen. Über mehr als ein Jahrzehnt verlor sie Schwangerschaften, jedes Mal mit der gleichen Grundfrage: Warum sind die Embryonen nicht lebensfähig, wenn der Wunsch nach einem Kind so groß ist? Die Chicago-area Familie suchte Antworten, die Ärzte fanden aber wiederholt keinen eindeutigen Auslöser. Ranim beschreibt, wie das Warten auf eine erklärbare Ursache psychisch zermürbt, weil der Körper zwar schwanger wird, aber die Schwangerschaften nicht durchhalten. In ihrem Rückblick wird deshalb weniger die medizinische Technik als der Umgang mit Unsicherheit zum Kern der Geschichte.

Medizinisch betrachtet beginnt der Wendepunkt mit der Frage, welche diagnostischen Werkzeuge bei wiederkehrenden Fehlgeburten überhaupt “funktionieren”. 2018 empfahl ihr Arzt IVF. Laut ihrer Schilderung entstanden dabei rund acht gesunde Embryonen, und genetische Tests sahen zunächst gut aus. Trotzdem endete die erste Übertragung erneut in einer Fehlgeburt in der 9. Schwangerschaftswoche; die zweite Übertragung schlug fehl. Diese Sequenz ist wichtig, weil sie zeigt, dass selbst genetisch als vielversprechend eingestufte Embryonen in der Realität von Schwangerschaftskomplikationen “überholt” werden können. Kurz darauf entschieden sich Ranim und ihr Mann, ihre verbleibenden Embryonen im März 2020 in eine Langzeitlagerung zu geben – ein Schritt, der eine Warte- und Planungsphase ermöglicht, wenn der Körper und das emotionale System eine Pause brauchen.

Gerade diese Pause führte zu einem Ereignis, das Ranim als Bruch mit dem bisherigen Muster erlebt hat: Zwei Monate nach der Lagerung wurde sie laut ihrer Darstellung auf natürlichem Weg schwanger. Zum ersten Mal hörten sie den Herzschlag und konnten das Baby im Ultraschall sehen, weil frühere Verluste offenbar so früh eintraten, dass Bildgebung kaum möglich war. Die Familie benannte das erwartete Kind “Miracle” und feierte bei 18,5 Wochen sogar ein Gender-Reveal mit rund 100 Gästen. Doch am nächsten Tag trat Fruchtwasser aus, Ranim ging in die Klinik und erhielt zunächst die Rückmeldung, es sei alles unauffällig. Am Folgetag kam der Nabelschnuranteil heraus; im Krankenhaus wurde ihnen dann mitgeteilt, dass ihre Tochter nicht überleben werde. Als Miracle am 12. August 2020 geboren wurde, wog das Neugeborene weniger als ein Pfund und ihr Herz schlug bei der Geburt nicht mehr. Für die anschließende Zeit verstärkte sich damit das Hauptproblem: Es fehlte weiter an einer greifbaren Erklärung, die sowohl die Ursache als auch eine verlässliche Handlungsstrategie liefern würde.

Mit der Zäsur nach der zweiten Fehlgeburt und dem anschließenden Verlust wurde der Blick auf spezialisierte Diagnostik und pränatale Risikobehandlung noch konsequenter. Ranim erhielt die Überweisung an Dr. Susan Gerber, eine Spezialistin für Maternal-Fetal-Medicine, die laut ihrer Erinnerung zunächst ähnliche Tests ansetzte und ebenfalls keine “neue” Auffälligkeit fand. Was sie aber gleichzeitig betonte, ist aus medizinischer Sicht zentral: Selbst wenn man keine eindeutige Ursache findet, bleibt engmaschige Überwachung oft die einzige handfeste Stellschraube. Ranim wurde 2021 erneut schwanger, diesmal mit einem Jungen. In einem Alter um etwa 14 Wochen diagnostizierte Gerber eine sehr seltene Erkrankung namens Sirenomelie: Der Fetus habe keine Nieren gehabt, dadurch sei kein Fruchtwasser entstanden, und die Lungen könnten sich nicht entwickeln. Die Prognose wurde von Ranim als äußerst ungünstig wiedergegeben; eine Beendigung der Schwangerschaft stand als Option im Raum, das Paar entschied sich dagegen. Kurz vor der Geburt, rund bei 29 Wochen, wurde Samuel geboren, etwa 3,5 Pfund schwer, und ein interdisziplinäres Team war bereit, obwohl alle wussten, dass das Kind nicht überleben würde. Ranim beschreibt, wie der Umgang mit Entscheidungen und Zeitdruck plötzlich eine völlig andere Dimension annimmt, wenn jede weitere Minute medizinisch sinnvoll sein soll, ohne dass ein “medizinischer Sieg” erwartet werden kann.

Nach den beiden Bestattungen und dem Wunsch nach einem Neuanfang beschreibt Ranim auch die organisatorische Seite des medizinischen Alltags: Sie und Fuad zogen in eine kleinere Wohnung, verkleinerten ihren Lebensradius und stellten ihr Arbeits- und Familienmanagement so um, dass Arzttermine verlässlich wahrgenommen werden können. Im medizinischen Kontext ist das nicht nebensächlich, denn bei Hochrisikoschwangerschaften hängt die Wirksamkeit von Überwachung und Therapie häufig an der Kontinuität. Als sie sich im Februar 2025 erneut schwanger meldete, ging sie wieder direkt zu Gerber. Die Schwangerschaft verlief zunächst mit vielen Terminen, bei denen Ultraschall- und Bluttests laut ihrer Schilderung wiederholt “alles in Ordnung” zeigten. Gleichzeitig wird in ihrem Bericht sichtbar, wie sich Hoffnung und Angst gegenseitig verstärken: Wer schon häufig enttäuscht wurde, bleibt emotional vorsichtiger, selbst wenn die Befunde gut sind. Gegen Ende der Schwangerschaft setzte Gerber außerdem einen Cerclage-Eingriff ein, um den Muttermund zu stabilisieren und eine frühe Geburt zu verhindern. Dazu kamen laut Ranim Gestationsdiabetes und Präeklampsie mit hohem Blutdruck, die abzusichern und zu begleiten sind.

Entscheidend für den Ausgang war laut ihrer Darstellung, dass die Behandlung bis zur Entbindung konsequent weiterlief: Bei 35 Wochen kam Ranim ins Krankenhaus, die Geburt wurde bei 37 Wochen eingeleitet. Diesmal überlebte das Baby. Emmanuel kam am 1. Oktober 2025 zur Welt und wog 7 Pfund und 12 Unzen. Ranim erinnert sich an kleine, emotionale Details wie das anfängliche Ausbleiben des Schreiens in den ersten 15 Sekunden – ein Moment, der in solchen Situationen für Eltern oft zum Prüfstein wird. Danach soll das Personal ihr den Eindruck vermittelt haben, der Neugeborene sei in Ordnung, und sie konnte ihn direkt halten. In den folgenden Monaten berichtet Ranim davon, dass Emmanuel in den ersten 11 Monaten kaum Schlaf hatte und häufig aufwachte; zugleich beschreibt sie das Ganze nicht als Belastung, sondern als Ausdruck von Dankbarkeit. Für die medizinische Einordnung bleibt außerdem bedeutsam, was Gerber laut Ranim sagt: Der Fall sei ungewöhnlich, weil es bei ihr “mehr Verluste” gegeben habe als bei anderen Patientinnen, die später dennoch bis zur Geburt kamen. Gleichzeitig macht die Aussage Hoffnung, ohne den Mechanismus zu romantisieren: Der Körper kann Schwangerschaften austragen, aber das erfordert offenbar genau die richtige Kombination aus Überwachung, rechtzeitigen Interventionen und konsequenter Behandlung von Komplikationen.

Für den weiteren Blick über den Einzelfall hinaus liefert die Geschichte zwei Erkenntnisse, die man gerade im Umfeld von Fertilitätsmedizin und Risikogeburtlichkeit praktisch nutzen kann. Erstens: Wiederkehrende Fehlgeburten lassen sich nicht immer mit einer einzigen Ursache erklären; wenn Diagnostik keine eindeutige Antwort liefert, rückt Überwachung als “Plan B” in den Mittelpunkt. Zweitens: Selbst seltene Befunde wie Sirenomelie verändern die Gesprächsführung radikal, weil medizinische Entscheidungen dann stärker von Prognosen und Zeitfenstern abhängen. Für Kliniken bedeutet das, dass nicht nur Technik zählt, sondern auch die Fähigkeit, Unsicherheit strukturiert zu managen – etwa durch eng getaktete Untersuchungen, klare Optionen in jeder Phase und eine Betreuung, die psychische Belastungen mitdenkt. Ranim will ihre Geschichte deshalb nicht als Einmaligkeit verstanden wissen, sondern als Signal: Wer sich aufgibt, beendet vielleicht genau den Zeitraum, in dem sich die richtige Strategie – inklusive rechtzeitiger Stabilisierung und Behandlung – doch noch auszahlt.


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