BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Bundeskanzleramt stoppt vorerst den Entwurf von Finanzminister Lars Klingbeil zur Zuckersteuer auf zuckerhaltige Getränke. In Regierungskreisen heißt es, der Vorschlag sei in dieser Form nicht mehrheitsfähig. Geplant waren Einnahmen von rund einer Milliarde Euro jährlich, gekoppelt an Zuckergehalt und einer geplanten Umsetzung ab 1. Juli 2027. Ob und wie die Steuer am Ende kommt, hängt nun an den nächsten Abstimmungen und der politischen Mehrheitsbildung.

Kanzleramt stoppt vorerst Zuckersteuer-Entwurf von Klingbeil
Kanzleramt stoppt vorerst Zuckersteuer-Entwurf von Klingbeil (Foto: IT BOLTWISE)
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Das Bundeskanzleramt bremst vorerst ein Vorhaben aus dem Finanzressort: Der Entwurf von Finanzminister Lars Klingbeil zur Einführung einer Steuer auf zuckerhaltige Getränke soll zunächst nicht weiter vorangetrieben werden. Aus Regierungskreisen wurde dazu berichtet, dass der Entwurf vom Vorschlag der Finanzkommission Gesundheit abweicht und in dieser Form in der Regierung nicht mehrheitsfähig sei. Klingbeil hatte die Pläne zuvor zur Abstimmung unter den Ministerien geschickt, damit sie in den politischen Aushandlungsprozess gelangen können – genau an diesem Punkt setzt nun die Verzögerung an.

Technisch und aus haushaltspolitischer Sicht war die Idee relativ klar umrissen: Die Steuer sollte für alle Getränke ab einem Zuckergehalt von fünf Gramm pro 100 Milliliter greifen. Anders als zwischendurch erwogen sollte dabei offenbar keine Zuckersteuer auf Zero-Getränke anfallen, die mit Ersatzstoffen gesüßt sind. Auch reine Frucht- und Gemüsesäfte sowie alkoholfreies Bier und alkoholfreier Wein wären demnach ausgenommen worden. Die Logik dahinter ist eine mengen- und produktbezogene Bemessung, bei der der Preishebel über den Zuckergehalt wirken soll, statt pauschal eine einzelne Getränkegruppe zu verteuern.

Die konkreten Zahlen zeigen, wie stark der Entwurf zugleich auf Einnahmesicherheit und Verhaltensanreize setzt. Laut Ausarbeitung sollte die Steuerhöhe vom Zuckergehalt abhängen und zwischen 26 und 38 Cent pro Liter liegen. Zudem war der Starttermin festgelegt: Die Steuer sollte ab dem 1. Juli 2027 gelten. Das Finanzministerium rechnete dabei mit jährlichen Einnahmen von rund einer Milliarde Euro; im Detail wurden für das kommende Jahr 945 Millionen Euro genannt, im zweiten Jahr 1,155 Milliarden Euro, und bis 2031 sollten es 1,18 Milliarden Euro werden. In der Kommunikation wird damit eine doppelte Zielsetzung verfolgt: Einnahmen für den Bundeshaushalt und zugleich ein wirtschaftlicher Anreiz, Rezepturen zu verändern.

Gerade an der Ausgestaltung wird jedoch deutlich, warum der politische Widerstand nun stärker in den Vordergrund rückt. Im Kern geht es dabei um die Abweichung vom Kommissionsvorschlag: Die Finanzkommission Gesundheit hatte lediglich zwei Steuerstufen statt der von Klingbeil geplanten drei vorgesehen. Dadurch wäre der höchste Steuersatz bei 32 Cent und nicht bei 38 Cent pro Liter gelegen. Zusätzlich wurde in der Kommissionslogik mit deutlich geringeren Einnahmen gerechnet: nicht mit knapp einer Milliarde, sondern mit rund 450 Millionen Euro pro Jahr. Dass diese Zahlen und Schwellen nicht deckungsgleich sind, macht den Entwurf politisch „angreifbar“ – sowohl bei fiskalischen Erwartungen als auch bei der Frage, welche Belastung Hersteller und Handel tatsächlich trifft.

Außerhalb der internen Abstimmungslinie kommt noch eine zweite Dynamik hinzu: In der Unionsfraktion gibt es bereits länger Widerstand gegen die Zuckersteuer, und auch mehrere Bundesländer lehnen sie ab. Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) kritisierte unter anderem, der Staat dürfe in einer Phase hoher Preise Lebensmittel und Getränke nicht zusätzlich verteuern; zugleich sprach er von einer Belastung für mittelständische Getränkehersteller. Solche Argumentationsmuster sind für die weitere Entscheidung entscheidend, weil sie die Steuer nicht nur als fiskalisches Instrument, sondern als industrie- und sozialpolitische Einflussgröße rahmen. Parallel dazu äußerten auch Stimmen aus der Wirtschaft Skepsis – ein Hinweis darauf, dass die Frage nach der Wirkungsweise (Ernährungsanreiz) und die Frage nach der Umsetzbarkeit (Produktanpassung, Kostenweitergabe) gleichzeitig diskutiert werden.

Für die nächsten Schritte bleibt damit weniger die technische Ausgestaltung die alleinige Stellschraube, sondern die politische Paketbildung. Aus dem Finanzministerium war auf Nachfrage zunächst nur zu hören, dass Abstimmungen zur Umsetzung laufen; zu Details wollte man sich noch nicht äußern. Genau in dieser Zwischenphase kann die Zahl der offenen Punkte steigen: Welche Schwellenwerte gelten letztlich, wie werden Ausnahmen definiert, und wie wird die Steueradministration in der Praxis abgebildet? In der Folge verschiebt sich der Zeitplan auch für Unternehmen, die ihre Rezepturen, Produktportfolios und Preisstrukturen ohnehin auf regulatorische Signale ausrichten müssen.

Für Hersteller, Handel und mittelständische Zulieferer ist die vorerst gestoppte Weiterverfolgung deshalb nicht automatisch ein Entwarnungssignal, sondern eher ein Hinweis auf die Unsicherheit im Gesetzgebungsprozess. Selbst wenn die Steuergrundidee grundsätzlich bestehen bleiben sollte, zeigt der Vergleich zwischen Kommission und Finanzministerium, dass die Regierung an zentralen Parametern drehen kann – und zwar genau dort, wo Einnahmen und Belastungsgrad voneinander abhängen. Insofern ist die Entscheidung zur „Stop“-Phase vor allem ein politisches Vorfilter: Sie testet die Mehrheitsfähigkeit, bevor die nächste Ausbaustufe erreicht wird. Ob am Ende ein Kompromiss mit anderen Stufen oder ein anderes Design entsteht, entscheidet sich damit weniger in Fachgremien als in den politischen Verhandlungen.


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