LONDON (IT BOLTWISE) – Lilly zeigt in einer Phase-2-Studie, dass sein amylinbasiertes Medikament eloralintide zusammen mit Tirzepatide deutlich mehr Gewichtsverlust auslösen kann als Tirzepatide allein. In derselben Dosierung erreichten Teilnehmende nach 48 Wochen im Schnitt 23,3 % Gewichtsreduktion, während es bei alleiniger Hochdosis-Therapie 14,8 % waren. Entscheidend ist dabei nicht nur die Wirksamkeit, sondern auch die Verträglichkeit, weil unter der Kombination mehr Studienteilnehmer wegen Nebenwirkungen abbrachen. Novo treibt derweil die nächste Amylin-Strategie mit CagriSema und weiteren Wirkstoffkandidaten voran.

Die nächste Welle bei Schlankheits- und Diabetesmedikamenten entsteht derzeit nicht als reines Duell um noch höhere Dosen von GLP-1-Präparaten, sondern über eine zweite biologische Stellschraube. Im Zentrum stehen Wirkstoffe, die den Amylin-Weg adressieren: ein Hormon, das zusammen mit Insulin aus der Bauchspeicheldrüse freigesetzt wird und u. a. das Sättigungsgefühl stärkt sowie Appetit und die Magenentleerung beeinflusst. Genau diese Mechanik macht Amylin für Hersteller interessant, weil sie damit nicht nur „eine weitere Inkretin-Idee“, sondern eine ergänzende Signalroute anvisieren, die sich in Wirkung und Biologie unterscheidet.
Lilly liefert dafür ein konkretes Beispiel aus frühen klinischen Daten: Das experimentelle Amylin-Targeting-Präparat eloralintide wurde in einer Phase-2-Studie sowohl als eigenständige Therapie als auch in Kombination mit Tirzepatide getestet. Tirzepatide ist der Wirkstoff, der in der Praxis für große Wirksamkeit bei Adipositas und Typ-2-Diabetes bekannt wurde. In der untersuchten Kombinationsstrategie zeigte sich nach 48 Wochen bei der höchsten Dosierung ein mittlerer Gewichtsverlust von 23,3 % des Körpergewichts im Vergleich zu 14,8 % bei alleiniger Hochdosis-Gabe von Tirzepatide. Die Zahlen basieren laut Studienauswertung auf einer Wirksamkeitsanalyse unter der Annahme, dass Teilnehmende die Behandlung im Studienverlauf weiter erhielten.
Die Studie adressiert damit auch einen zweiten, im Alltag oft entscheidenden Punkt: Verträglichkeit. Mehr Teilnehmende brachen in der Kombinationsgruppe aufgrund von Nebenwirkungen ab – je nach Dosis lag der Wert zwischen 10,8 % und 27 %, während es bei Tirzepatide allein 2,9 % waren. Benjamin Bikman, Professor an der Brigham Young University und als Fachstimme für metabolische Gesundheit und Insulinresistenz eingeordnet, ordnete die Resultate dennoch als ermutigend ein und betonte zugleich, dass bei Menschen mit Typ-2-Diabetes typischerweise weniger Gewichtsabnahme zu erwarten sei als bei Personen ohne diese Diagnose. Aus ärztlicher Perspektive wurde die Größenordnung der Abbrüche ebenfalls kritisch gespiegelt: Dr. Caroline Apovian, Co-Direktorin des Center for Weight Management and Wellness am Brigham and Women’s Hospital, bezeichnete 27 % als keine gute Zahl.
Markt- und Produktstrategie laufen hier parallel. Für Lilly wird eloralintide in Analystenbetrachtungen zu einer möglichen „Franchise“-Option, die entweder als Monotherapie startet oder als Kombinationsbaustein auf bereits etablierte Therapien aufsetzt. Leerink Partners Analyst David Risinger prognostiziert Jahresumsätze von 23,2 Mrd. US-Dollar für eloralintide-Produkte bis zum Ende des Jahres 2035, erwartet dabei aber eine gestaffelte Markteinführung: zuerst ein Start der eigenständigen Therapie im Jahr 2029, gefolgt von der Kombination im Jahr 2030. Der Grundgedanke dahinter lautet, dass es nach GLP-1-Therapien dennoch eine große Zielgruppe geben kann, die aus Wirksamkeits-, Verträglichkeits- oder genetischen Gründen nicht ausreichend profitiert – Risinger spricht dabei von potenziell über 10 Mio. Personen. Ken Custer, Präsident der Lilly Cardiometabolic Health, adressierte ebenfalls die Logik der Kombination: Patienten könnten mit Tirzepatide allein nicht das erreichen, was sie brauchen, und ebenso könne eloralintide als alleiniger Wirkstoff nicht in jeder Situation ausreichend sein.
Novo verfolgt denselben Mechanismuspfad mit einer eigenen Pipeline-Strategie. Der Wirkstoffkandidat cagrilintide basiert ebenfalls auf Amylin und zeigte in späteren Studien eine relevante Gewichtsreduktion als Monotherapie. In Kombination mit Semaglutid entsteht daraus CagriSema, das in klinischen Studien noch stärkere Effekte gezeigt hat; für den Marktstart wird CagriSema früh im nächsten Jahr erwartet. Darüber hinaus entwickelt Novo weitere Amylin-nahe Kandidaten wie amycretin bzw. zenagamtide, das als Einzelmolekül sowohl GLP-1- als auch Amylin-Signale adressieren soll. Auch hier wird mit unterschiedlichen Darreichungsformen gearbeitet: als einmal wöchentliche Injektion und als tägliches orales Präparat; in den Daten wird es als vielversprechend beschrieben, nachdem bereits Phase-2-Ergebnisse vorlagen.
Technisch betrachtet ist Amylin bei diesen Ansätzen nicht „nur ein Konkurrent zu GLP-1“, sondern eine Ergänzung, die ähnliche Ziele über einen anderen biologischen Weg verfolgt. Bereits die erste und lange Zeit einzige Amylin-Therapie wurde in den USA vor mehr als zwei Jahrzehnten als Add-on-Mahlzeit-Injektion für insulinpflichtige Menschen mit Diabetes zugelassen; eine der wesentlichen Hürden war damals, dass mehrere Injektionen pro Tag notwendig waren. Die aktuellen Kandidaten zielen dagegen auf lang wirksame Konzepte, die den Hormon-Effekt über längere Zeiträume nachbilden sollen, etwa mit einer wöchentlichen Applikation. Amylin kann Signale für Fülle verstärken, den Appetit dämpfen und die Magenpassage verlangsamen – nur eben über unterschiedliche Rezeptor- und Signalwege. Genau deshalb argumentieren Entwickler, dass die Kombination mehrerer Pfade zu größerem therapeutischen Nutzen führen könnte, ohne ausschließlich auf noch stärkere GLP-1-Dosierung setzen zu müssen.
Interessant ist außerdem, dass sich die Diskussion um Amylin nicht nur auf Körpergewicht beschränkt. Novo verwies bei CagriSema auf Verbesserungen, die über reine physische Effekte hinausgehen könnten: In einer einjährigen funktionellen Magnetresonanztomografie-Studie wurde u. a. „food noise“ reduziert – also anhaltende Gedanken über Nahrung – und es zeigten sich Verbesserungen bei Organ- und Knochenparametern. Zudem habe sich die Gehirnreaktion auf verlockende, kalorienreiche Lebensmittel in Bereichen verändert, die mit Cravings, Belohnung und Selbstkontrolle verknüpft sind. Martin Holst Lange, Chief Scientific Officer bei Novo, brachte die Einordnung so auf den Punkt: „The signal in the brain changes in a way that actually is associated with improved quality of life.“ Für die Branche ist das ein Hinweis darauf, dass die nächste Generation nicht nur metabolische Werte verschieben, sondern auch den Umgang mit Hunger und Essverhalten adressieren will.
Unterm Strich bleibt aber entscheidend, dass Amylin-Kombinationen den Schritt von der vielversprechenden Phase-2-Wirkung in Phase-3 bestätigen müssen. Lilly wird die Daten zunächst mit größer angelegten Studien verifizieren, die später in diesem Jahr starten sollen, und parallel daran arbeiten, die Verträglichkeit der Kombination weiter zu verbessern. Novo wiederum baut auf der Vorstellung auf, dass Mehrkanal-Ansätze den therapeutischen Werkzeugkasten erweitern und damit die individuelle Passung für Patientengruppen erhöhen können. Ob Amylin-basierte Medikamente am Ende GLP-1-Therapien und andere Next-Generation-Konzepte in der Breite übertreffen, lässt sich jetzt noch nicht sicher sagen; die Kandidaten müssen dafür regulatorisch geprüft, in der Langzeitwirkung bewertet und vor allem in der realen Versorgung hinsichtlich Nebenwirkungen und Abbruchraten belastbar sein. Für Entscheider in Gesundheitsunternehmen bedeutet das: Die Pipeline wird zwar breiter, doch die Auswahl wird künftig weniger nach Mechanismus-Schlagworten erfolgen und stärker nach patientenspezifischer Kombinationstaktik, Verträglichkeitsprofilen und konsistenter Evidenz.
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