LONDON (IT BOLTWISE) – Novartis schließt mit dem chinesischen Startup Abogen Biosciences einen Lizenzdeal für einen experimentellen mRNA-Wirkstoff gegen Autoimmunerkrankungen. Die Vereinbarung umfasst exklusive und weltweite Vermarktungsrechte und kann bis zu 7,8 Mrd. Dollar erreichen. Novartis treibt damit seine Medikamentenpipeline voran, während wichtige Umsatzbringer wie Entresto zeitweise unter Patentschutzdruck stehen. Gleichzeitig zeigt der Deal, wie intensiv westliche Pharma-Konzerne derzeit Wirkstoffkandidaten aus China einkaufen.

Novartis sichert mRNA-Wirkstoff gegen Autoimmunerkrankungen aus China
Novartis sichert mRNA-Wirkstoff gegen Autoimmunerkrankungen aus China (Foto: IT BOLTWISE)
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Novartis erweitert seine Medikamentenpipeline mit einem Vorhaben, das gleich in mehrere Trends der Biopharma-Welt einzahlt: eine Lizenzpartnerschaft mit chinesischem Wirkstoff- und frühem Entwicklungsfokus, plus die Nutzung eines mRNA-basierten Ansatzes. Im Zentrum steht der Deal mit Abogen Biosciences, der exklusive und weltweite Vermarktungsrechte an einem experimentellen Wirkstoff umfasst und nach Angaben beider Seiten ein Gesamtvolumen von bis zu 7,8 Mrd. Dollar erreichen kann. Für Novartis ist das weniger ein einzelnes Investment als vielmehr ein Puzzleteil gegen den absehbaren Pipeline-Stau, den große Pharmakonzerne typischerweise bekommen, wenn Patente für etablierte Produkte auslaufen.

Technisch betrachtet setzt Abogen nicht auf eine klassische Wirkstoffformulierung, die als „fertiges Molekül“ in den Körper gegeben wird. Stattdessen soll das Medikament mithilfe von mRNA im Körper selbst produziert werden: mRNA dient hier als Bauanleitung, damit bestimmte zelleigene Mechanismen gezielt umgesteuert werden. Der konkrete Zielmechanismus bei ABO2203 richtet sich gegen Autoimmunreaktionen, indem körpereigene Zellen eliminiert werden sollen, die an fehlgeleiteten Immunprozessen beteiligt sind. Einordnung: Das große kommerzielle Erfolgsbeispiel für mRNA-Technologie stammt bereits aus der Covid-19-Pandemie, als Biontech und Pfizer mit Comirnaty eine breite industrielle Erfahrungskurve für mRNA-Implementierungen geschaffen haben.

Der Deal ist außerdem deshalb bemerkenswert, weil er nicht bei einem einzigen Kandidaten stehen bleibt. Novartis sichert sich im Rahmen der Vereinbarung eine Option für Lizenzrechte an weiteren Medikamentenkandidaten des Startups. Solche Optionskonstruktionen sind im Pharmahandel ein gängiger Mechanismus, um das Risiko der frühen Entwicklung zu strecken: Der Konzern beteiligt sich zunächst an einem konkreten Programm, kann aber später bei Zwischenständen – etwa Wirksamkeits- oder Biomarker-Signalen – entscheiden, ob weitere Assets in den eigenen Entwicklungs- und Zulassungsfahrplan übernommen werden. Gleichzeitig zeigt der aktuelle Schritt, dass Novartis trotz der Fortschritte bei neuen Plattformtechnologien weiterhin stark auf externe Innovationsquellen angewiesen ist.

Mit Blick auf die Geschäftslage wird klar, warum gerade jetzt milliardenschwere Lizenzdeals das Bild prägen. Novartis steht wie viele große Player vor dem Problem, dass Umsatzträger auslaufen, während gleichzeitig neue Kandidaten erst über klinische Phasen, Zulassung und Skalierung ihren Wert entfalten. Im Bericht wird Entresto als besonders relevant genannt: Das Herzmedikament war mehrere Jahre Blockbuster im Portfolio, verlor aber vergangenes Jahr den Patentschutz in den USA. Die Folge spiegelte sich laut Angaben auch in den Umsatzzahlen wider: Die Erlöse brachen im ersten Halbjahr um 46% auf 2,5 Mrd. Dollar ein. Genau in dieser Lücke setzen Konzerne typischerweise auf Kombinationen aus internem Aufbau, Lizenzgeschäften und Zukäufen.

Parallel zum Abogen-Deal hat Novartis in diesem Jahr laut Quelle weitere Aktivitäten gestartet: Übernahmen von Myricx Bio aus Großbritannien und Pikavation Therapeutics aus den USA sowie das erst 2025 gegründete US-Biotech-Startup Excellergy, das auf allergische Erkrankungen fokussiert ist. Zusammengenommen veranschlagen die Angaben für diese drei Akquisitionen bis zu 6,5 Mrd. Dollar. Dass dieser Block zusammen trotzdem unter dem möglichen Volumen des chinesischen Lizenzdeals liegt, verdeutlicht, wie stark sich das Bewertungs- und Risiko-Narrativ verschiebt: In der frühen bis mittleren Entwicklung können Konzernrechte an klar definierten Zielmechanismen mit großer Reichweite schneller „marktfähig“ werden als ein klassischer Kauf kompletter Entwicklungsprogramme.

Hintergrund ist die strategische Aufladung des Biotech-Sektors in China. Die Quelle verweist auf den Ansatz in Peking, Biotechnologie – also die industrielle Nutzung lebender Organismen für Produkte wie Medikamente – als eine von mehreren Zukunftsbranchen zu positionieren. Im Zeitraum eines laufenden Fünfjahresplans (2026 bis 2030) soll die Unterstützung in diesen Bereichen verstetigt werden, zudem ist von mindestens 1 Bill. Yuan an finanzieller Unterstützung die Rede, wie es eine Bank of China im Mai kommuniziert haben soll. Für westliche Partner bedeutet das: Der „Flow“ an Wirkstoffkandidaten aus China nimmt zu, während gleichzeitig häufig argumentiert wird, dass Entwicklungszyklen dort in vielen Fällen schneller und günstiger ablaufen können.

Der Markttrend geht dabei über Novartis hinaus. Laut der Quelle haben auch andere große Biopharma-Unternehmen 2024/2025 Lizenz- und Entwicklungskooperationen mit chinesischen Partnern abgeschlossen: Bristol Myers Squibb mit Hengrui (bis zu 15 Mrd. Dollar), AstraZeneca mit CSPC Pharmaceutical (bis zu 18,5 Mrd. Dollar) sowie Novartis selbst bereits im Vorfeld mit Argo Biopharma aus Shanghai (bis zu 5,2 Mrd. Dollar inklusiv Meilensteinzahlungen). Eine Analyse von EY legt zudem nahe, dass das potenzielle Investitionsvolumen von Biopharma-Konzernen in Partnerschaften mit chinesischen Wettbewerbern im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt wurde – auf über 94 Mrd. Dollar. Für Unternehmen in der KI- und Bio-IT-Wertschöpfung heißt das: Die eigentliche Innovation findet zwar im Labor statt, aber die Skalierung hängt zunehmend an Datenpipelines, Clinical-Trial-Analytics und Manufacturing-Planung, die in Partnerschaften mit mehreren Liefer- und Entwicklungsstufen synchronisiert werden müssen.


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